Man hörte sie nicht . Es war nur ein Ahnen , daß da Schatten im Schatten huschten . Die benachbarten Tempel wurden von anderen Gesandtschaften während des Sommers bewohnt , und , wie in der Stadt , so tauschten die Fremden auch hier Besuche aus , veranstalteten Ausflüge , luden sich gegenseitig zu Mahlzeiten ein . So waren es , trotz aller äußeren Unruhe und scheinbarer Abwechselung und wenn auch in anderer Umgebung sich abspielend , doch immer wieder dieselben , sich stets gleichbleibenden Lebensformen - und in den Augen der das Stetige , Unveränderliche würdigenden Chinesen hatten diese , von den Fremden gerade als Zerstreuung und Unterbrechung gedachten Veranstaltungen durch ihre häufige Wiederkehr allmählich den Charakter althergebrachter ehrwürdiger Riten angenommen . Einen ganzen Nachrichtendienst hatten sich die Fremden zwischen der Stadt und den westlichen Bergen eingerichtet . Alle Morgen kam ein Kuli , der auf seinem Maultier Vorräte und die tägliche Post brachte . Außerdem schickten die in Peking zurückgebliebenen Herren der Gesandtschaft auch noch immer Mafus als besondere Boten , wenn sie wissenswerte Geschehnisse zu melden hatten . Heiß und verstaubt , mit glänzenden , gelben Gesichtern kamen die auf ihren gedrungenen mongolischen Ponies im Tempel an , neigten das Knie vor dem Ta-jen , der immer dastand , als empfange er eine Volkshuldigung , und zogen dann aus dem hohen samtenen Reitstiefel das sorgfältig in einen Lappen gewickelte Schriftstück . Und die Mafus klagten Tschun , daß sie in keinem früheren Sommer so oft hätten mit Nachrichten reiten müssen ! Offenbar gingen sonderbare Dinge vor ! In Peking erzähle man sich , der Kaiser Kwang Hsü sei völlig unter Kang yu weis Einfluß geraten und die Reformpartei , an deren Spitze er jetzt offen stände , schritte täglich weiter , aber ebenso nähme auch das Murren der konservativen Mandschus zu . Ihre Augen richteten sich immer ungeduldiger und erwartungsvoller auf die alte Kaiserin Tzü Hsi . Aber die saß ja , scheinbar unbeteiligt , in ihrem Sommerpalast am Fuß der westlichen Berge , und das einzige , was sie bisher getan , war , daß sie beim Kaiser die Ernennung von drei weiteren Mandschus zu Mitgliedern des Großen Rats durchgesetzt hatte . Yung Lu , Wang wen shao und Kang yi hießen sie . Das sah nach wenig aus , aber wer die drei kannte , wußte , daß es eigentlich viel war , denn sie gehörten zu den erbittertsten Feinden aller Neuerungen und aller Fremden und waren der Kaiserin völlig ergeben . Mit diesen drei im Großen Rat mochte die Erhabene sich vor Ueberraschungen wohl einigermaßen gesichert fühlen und wissen , daß sie dafür sorgen würden , daß die in den sich jagenden kaiserlichen Manifesten anbefohlenen Neuerungen mit etwas weniger Ueberstürzung zur tatsächlichen Ausführung kämen . Eine allgemeine Aufrüttelung sonst gleichgültiger Gemüter war indessen durch die Bewegung schon hervorgerufen . Gespannt griff man jetzt nach jeder neuen Nummer der ehrwürdigen » Pekinger Zeitung « , diesem ältesten Blatte der Welt , das sonst nur von heiligen Zeremonien zu berichten hatte , die der Sohn des Himmels vollzogen , und von posthumen Rangerhöhungen , die er verdienstvollen Toten in der Hierarchie des Jenseits verliehen - denn diese schläfrige Greisin unter den Journalen , die so gut zum schlafenden China gepaßt , war plötzlich zu einem wilden Sensationsblatt geworden , das täglich neue verblüffende Ueberraschungen meldete . Auch draußen in den Bergen las man aufmerksam die » Pekinger Zeitung « . Der gelehrte Abt las sie und die fremden Dolmetscher und auch Tschun mit den anderen Boys . Und sie erfuhren : Marineschulen sollten gegründet werden als Vorstufe zur Reorganisation der Flotte , und besondere Eisenbahn- und Minenministerien eröffnet werden . Dies letztere rief lauten Widerspruch hervor , denn in der Erde schlummern ja die Milliarden Toter , die über die Millionen Lebender herrschen , die durften doch keinesfalls durch all diese Wühlarbeit gestört werden ! Diese Verordnung mußte dann auch wohl irgendwie durch den mäßigenden Einfluß von Tzü Hsis drei Vertrauensmännern etwas dilatorisch behandelt worden sein , denn es folgte ein neues Dekret , worin der Kaiser über Verschleppung klagte und eine schleunigere Durchführung seines Reformwerks anbefahl . » Denn « , sagte er , » Stagnation ist das Zeichen hoffnungsloser Erkrankung . « Und weiter sprach sich Kwang Hsü mißbilligend über die Unwissenheit seiner Untertanen , wie auch über das ganze bisherige Unterrichtswesen aus . In allen Städten sollten darum sofort Zeitungen erscheinen , die von einer unter Kang yu weis Leitung gestellten Zentralstelle mit aufklärenden und belehrenden Nachrichten über alles Wissenswerte zu versehen seien . Vor allem aber müßten staatliche Schulen allerwärts umgehend eröffnet werden , wozu ja manche unnütze Tempel- und Klosterbauten benutzt werden könnten , und durch ein besonderes Uebersetzungsbureau sollten den Chinesen die nationalökonomischen und naturwissenschaftlichen Werke der Fremden zugänglich gemacht werden , » welche Fächer geeignet schienen , allmählich in den Examen den Platz der Klassiker einzunehmen « . Mit diesem Erlaß hatte der den Einflüsterungen Kang yu weis blind folgende Kaiser Gelehrte wie Priester zugleich herausgefordert . Tschun , im Tempel der unendlichen Stille , merkte das wohl an der allgemein laut werdenden Mißbilligung . Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher , die in vielen Jahren angestrengtester Arbeit mühsam ihre wissenschaftlichen Rangstufen erworben hatten , sahen sich der Gefahr gegenübergestellt , aller Früchte ihres Fleißes beraubt zu werden . Denn was sollte aus ihnen und den aber Tausenden ihresgleichen werden , wenn die klassische Gelehrsamkeit nicht mehr den alleinigen Weg zu Aemtern und Würden bildete , wenn fortan in den Examen statt nach den erhabenen Lehren von Konfuzius und Mencius nach den querköpfigen Doktrinen irgendwelcher obskurer Barbaren , wie Stewart Mill oder Darwin , gefragt würde ? - Es war nicht auszudenken ! Die Lehrer wurden ganz aufgebracht , Tschun hörte sie erregt diskutieren , und obschon diese Herren ihren Broterwerb gerade in den ausländischen Gesandtschaften fanden , klang doch jetzt auch aus ihren Worten der in jedem Chinesenherzen schlummernde Fremdenhaß . Der Ursprung all dieses Uebels war eben doch schließlich