» Er ist nämlich wieder in zarten Banden . « » Wer ist ' s denn ? « » Konservatorium , Jüdin , Geige . Aber sie hat sie nicht mitgehabt . Nicht besonders hübsch , aber g ' scheit . Sie bildet ihn , und er achtet sie . Er will , sie soll sich taufen lassen . Ein komisches Verhältnis , sag ich dir . Du hättest dich ganz gut unterhalten . « Georg hatte seinen Blick auf den Degen gerichtet , den Felician noch immer in der Hand hielt . » Hättest du Lust , noch ein bißchen zu manschettieren ? « fragte er . » Warum nicht ? « erwiderte Felician und holte ein zweites Florett aus seinem Zimmer . Indes hatte Georg den großen Tisch aus der Mitte an die Wand gerückt . » Seit dem Mai hab ich keines in der Hand gehabt « , sagte er , indem er den Degen ergriff . Sie legten die Röcke ab und kreuzten die Klingen . In der nächsten Sekunde war Georg tuschiert . » Nur weiter ! « rief Georg und empfand es wie ein Glück , daß er in verwegener Stellung , die blitzende , schlanke Waffe in der Hand , dem Bruder gegenüber stehen durfte . Felician traf ihn , so oft es ihm beliebte , ohne nur ein einziges Mal selbst berührt zu werden . Dann ließ er den Degen sinken und sagte : » Du bist heut zu müd , es hat keinen Sinn . Aber du solltest wieder fleißiger in den Klub kommen . Ich versichre dich , es ist schad , bei deinen Anlagen . « Georg freute sich des brüderlichen Lobs . Er legte den Degen auf den Tisch , atmete tief und ging zu dem offenen , breiten Mittelfenster . » Wundervolle Luft ! « sagte er . Aus dem Park schimmerte eine einsame Laterne , es war vollkommene Stille . Felician trat zu Georg hin , und während dieser sich mit beiden Händen auf die Brüstung stützte , blieb der ältere Bruder aufgerichtet stehen und ließ einen seiner ruhig-hochmütigen Blicke über Straße , Park und Stadt schweifen . Sie schwiegen beide lang . Und sie wußten , daß jeder an dasselbe dachte : an eine Mainacht heuer im Frühjahr , in der sie zusammen durch den Park nach Hause gegangen waren , und der Vater sie von demselben Fenster aus , an dem sie jetzt standen , mit stummem Kopfnicken begrüßt hatte . Und beide durchschauerte es ein wenig bei dem Gedanken , daß sie heute den ganzen Tag so lebensfroh hingebracht hatten , ohne sich mit Schmerzen des geliebten Mannes zu erinnern , der nun unter der Erde lag . » Also gute Nacht « , sagte Felician , weicher als sonst und reichte Georg die Hand . Er drückte sie wortlos , und jeder ging in sein Zimmer . Georg schaltete die Schreibtischlampe ein , nahm Notenblätter hervor und begann zu schreiben . Es war nicht das Scherzo , das ihm eingefallen war , als er vor drei Stunden mit den andern unter schwarzen Wipfeln durch die Nacht gesaust war ; und auch nicht die melancholische Volksweise aus dem Restaurant ; sondern ein ganz neues Motiv , das wie aus geheimen Tiefen langsam und unaufhaltsam emporgetaucht kam . Es war Georg zu Mute , als müßte er nur ein Unbegreifliches gewähren lassen . Er schrieb die Melodie nieder , die er sich von einer Altstimme gesungen oder auch auf der Viola gespielt dachte ; und eine seltsame Begleitung tönte ihm mit , von der er wußte , daß sie ihm nie aus dem Gedächtnis schwinden konnte . Es war vier Uhr morgens , als er zu Bette ging ; beruhigt wie einer , dem niemals im Leben etwas Übles begegnen kann , und für den weder Einsamkeit , noch Armut , noch Tod irgendwelche Schrecken haben . Zweites Kapitel Im erhöhten Erker auf dem grünsamtenen Sofa saß Frau Ehrenberg mit ihrer Stickerei ; Else , ihr gegenüber , las in einem Buch . Aus dem tiefern und dunklern Teil des Zimmers , hinter dem Klavier hervor , leuchtete das weiße Haupt der marmornen Isis , und durch die offene Tür floß aus dem benachbarten Zimmer ein heller Streif über den grauen Teppich . Else sah von ihrem Buche auf , durchs Fenster zu den hohen Wipfeln des Schwarzenbergparkes , die sich im Herbstwind regten , und sagte beiläufig : » Man könnt ' vielleicht dem Georg Wergenthin telephonieren , ob er heut Abend kommt . « Frau Ehrenberg ließ ihre Stickerei in den Schoß sinken . » Ich weiß nicht « , sagte sie . » Du erinnerst dich , was für einen wirklich charmanten Kondolenzbrief ich ihm geschrieben und wie dringend ich ihn in den Auhof eingeladen hab . Er ist nicht gekommen , und seine Antwort war auffallend kühl . Ich würde ihm nicht telephonieren . « » Man kann ihn nicht behandeln wie die andern « , erwiderte Else . » Er gehört zu den Leuten , die man gelegentlich daran erinnern muß , daß man auf der Welt ist . Wenn man ihn erinnert hat , dann freut er sich schon darüber . « Frau Ehrenberg stickte weiter . » Es wird ja doch nichts werden « , sagte sie ruhig . » Es soll auch nichts werden « , entgegnete Else , » weißt du denn das noch immer nicht , Mama ? Er ist mein guter Freund , nichts weiter und auch das nur mit Unterbrechungen . Oder glaubst du wirklich , daß ich in ihn verliebt bin , Mama ? Ja als kleines Mädel war ich ' s , in Nizza , wie mir miteinander Tennis gespielt haben , aber das ist lang vorbei . « » Na , und in Florenz ? « » In Florenz war ich ' s eher in Felician . « » Und jetzt ? « fragte Frau Ehrenberg langsam . »