, und er wisse nicht , was er davon denken solle . Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an . Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach . Das ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben . Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein Zeichen , daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe . Der Brief mußte verlorengegangen oder gestohlen worden sein . Baron Tucher ließ unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen , und man erfuhr wirklich , daß dieser von nichts wisse . Unruhe und Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren . » Sollte da ein unsichtbarer Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel , den man mir ins Fenster geworfen hat ? « meinte Daumer ängstlich . Nachforschungen bei der Post hatten kein Ergebnis , und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt . Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art , daß er die Sache im Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer schriftlichen Meinungsäußerung enthalte . » Ich entnehme aus dem Gesundheitsattest des Amtsarztes , worin bei einem sonst befriedigenden Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist , daß es dem jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt « , schrieb er ; » hier ist Abhilfe dringend nötig . Man lasse ihn reiten . Es ist mir der Stallmeister von Rumpler dort selbst empfohlen worden . Hauser soll dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen , die Kosten soll der Stadtkommissär auf Rechnung setzen . « Vielleicht waren es die Träume , die Caspar blaß machten . Fast jede Nacht befand er sich in dem großen Haus . Die gewölbten Hallen waren von silbernem Licht durchflutet . Er stand vor der geschlossenen Tür und wartete , wartete ... Endlich eines Nachts , die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten sich schweigend und leer , tauchte vom untersten Gang her eine schwebende Gestalt auf . Caspar dachte zuerst , es sei der Mann im weißen Mantel ; aber als die Gestalt näherkam , gewahrte er , daß es eine Frau war . Weiße Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch eines unhörbaren Windes empor . Caspar blieb wie festgewurzelt stehen ; sein Herz tat ihm wehe , als hätte eine Faust danach gegriffen und es gepackt , denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des Kummers , wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt . Je näher sie kam , je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen ; ernst schritt sie vorbei ; ihre Lippen nannten seinen Namen , es war nicht der Name Caspar , und doch wußte er , daß es sein Name war oder daß ihm allein der Name galt . Sie hörte nicht auf , denselben Namen zu nennen , und als sie schon wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre Schultern flatterten , hörte er immer noch den Namen ; da wußte er , daß die Frau seine Mutter war . Er wachte auf , in Tränen gebadet ; und als Daumer kam , stürzte er ihm entgegen und rief : » Ich hab sie gesehen , ich hab meine Mutter gesehen , sie war es , sie hat mit mir gesprochen ! « Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand . » Sieh mal , Caspar « , sagte er nach einer Weile , » du darfst dich solchen Wahngebilden nicht gläubig hingeben . Es bedrückt mich aufrichtig und schon lange . Es ist , wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln darf und , statt freudigem Genuß sich zu überlassen , die Wurzeln ausgräbt und die Erde durchhöhlt . Versteh mich wohl , Caspar ; ich will nicht , daß du auf das Recht verzichtest , alles zu erfahren , was auf deine Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen , das an dir verübt wurde . Aber bedenke doch , daß Männer von reicher Erfahrung , wie der Herr Präsident und Herr Binder , dafür am Werke sind . Du , Caspar , solltest vorwärts schauen , dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit ; im Lichte ruht dein Dasein , dort ist das Glück . Jeder Mensch von Vernunft kann , was er will ; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen . Nicht umsonst heißt es ja : Träume sind Schäume . « Caspar war bestürzt . Der Gedanke , daß in seinen Träumen keine Wahrheit sein solle , wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten , aber zum erstenmal war die eigne Gewißheit von einer Sache fester als die Meinung seines Lehrers . Das zu empfinden , bereitete ihm keine Genugtuung , sondern Bedauern . Religion , Homöopathie , Besuch von allen Seiten So war es Dezember geworden , und eines Morgens fiel der erste Schnee des verspäteten Winters . Caspar wurde nicht müde , dem lautlosen Herabgleiten der Flocken zuzuschauen ; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen , bis er die Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen . Garten und Straße , Dächer und Simse glitzerten , und durch das Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden Mund . » Was sagst du dazu , Caspar ? « rief Frau Daumer . » Erinnerst du dich , daß du mir nicht glauben wolltest , als ich dir einmal vom Winter erzählte ? Siehst du , wie alles weiß ist ? « Caspar nickte , ohne einen Blick von draußen zu wenden . » Weiß ist alt , « murmelte er , » weiß ist alt und kalt . « » Um elf Uhr hast du Reitstunde , Caspar , vergiß es nicht « , mahnte Daumer , der in seine Schule ging . Eine überflüssige Sorge ; das vergaß Caspar