ein Berufshandel : der Zorn des echten Propheten gegen den falschen Propheten , die Entrüstung des Erben über den Erbschleicher ; mit einem Wort : ihn hetzte gegen dieses Talmi-Genie der heiße Atem der Strengen Frau . Jetzt gab die Regierungsrätin die Vermittlung auf . Mit Pseuda aber war es nun natürlich gründlich vorbei . » Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch , der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht . « So lautete fortan ihr Urteil über ihn ; und sie sorgte dafür , daß er über ihr Urteil nicht im unklaren blieb . Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und Anspielungen ? Über diese neue Ungerechtigkeit empörte er sich dann wieder mit einer Beimischung des Erstaunens . » Was geht sie überhaupt ihr Bruder an ? Der gehört ja gar nicht zur Handlung . Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stück . « Und daß nun vollends sein Verhältnis zu Pseuda Rückschritte statt Fortschritte machen wollte , ging doch gegen allen Sinn . Schon öfters hatte er sich ärgerlich gefragt : » Was zaudert sie ? wann will sie endlich aufwachen ? meint sie etwa , ich hätte Lust und Zeit , Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten ? « Und nun sollte es gar noch rückwärts gehen ? Eine unerträgliche Vorstellung . Allein , wie dem steuern ? Er wußte kein anderes Mittel als seine Magie , dieselbe Magie , die bisher so kläglich versagt hatte . Wie ging das zu , daß sie versagte ? daß seine strahlenden Herrschaften nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinüberzündeten ? Eine Vermutung : möglicherweise teilt sich der Funke bloß im Zustande der Ekstase mit , so daß also die Wirkung einzig ausgeblieben wäre , weil er bisher der Dame immer nur lahmen Mutes , mit abgespannter Kraft gegenübergetreten war ? Wie er daher eines Abends nach schöpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaßen mit erleuchten Gestalten übervölkert fühlte , daß er meinte , es müsse davon wie ein Dunstkreis um ihn zu spüren sein , faßte er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf , in der heimlich bewußten Absicht , seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken zu lassen , gleichsam im Kurzschluß . Also eine Art psychologisches Experiment , doch beileibe kein leichtfertiges , denn es handelte sich ja um sein Heil . Der Zufall wollte , daß sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte , mit welcher sie , die Vergangenheit zurückspielend und ihre neubackene Mutterwürde auf ein Stündchen abschüttelnd , die harmlose Wonne ausgelassener Kindsköpfereien kostete ; es tut ja so wohl , nicht wahr ? einmal zur Abwechslung wieder so recht von Herzen töricht zu sein . Da hatte denn die eine ein Kinderhäubchen , die andere einen Zylinderhut aufgestülpt , und die Seligkeit verlangte , damit im Zimmer herum zu hüpfen . Für solch eine Null aber galt Viktor , daß sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Störung wert hielten , den Schabernack zu unterbrechen . Da saß er nun und durfte dem Lustspiel zusehen . Nachdem er das eine Viertelstunde getan , wußte er fortan für sein Leben , was es mit der Seelenmagie auf sich hat ! Unbeachtet , wie er gekommen , entfernte er sich und schlich kleinmütig nach Hause . Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden . Ein Schreck durchbebte ihn , als ob an seinem Siegeswagen die Hinterräder abgebrochen wären und die Achse mit harten Stößen auf dem Boden schleifte . Und wie er seinen Geist nach Trost ausschickte , entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang , zwar noch aufgerollt , indessen mit unheimlichen Bewegungen , als könnte er einesmals ungesinnt herniederfallen , ohne ein Klingelzeichen . Nachdem seine Magie sich als unzulänglich erwiesen , was blieb ihm dann ? Angst klemmte ihn , und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten Trumpf , den er eigentlich für später aufgespart hatte , wenn ihr Herz bereits erschüttert worden wäre : die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus früherer , edlerer Jungfernzeit . Der Anblick ihrer einstigen jungfräulichen Erscheinung , berechnete er , müsse die Erinnerung wecken , und Theuda werde Pseuda strafen ; etwa so , wie wenn ein Verbrecher , dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhält , plötzlich in Tränen ausbricht , seine Missetat bereut und schwört , fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden wie vormals . Er holte also mit bebender Hand jenes Theudabild ( sein Heiligenbild ) hervor , das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte , ängstlich vermeidend , es anzuschauen , weil er sich nicht die Kraft zutraute , den Ansturm der Erinnerungen zu bestehen . Mit diesem Bilde bewaffnet , wie mit einem geladenen Revolver , pilgerte er am nächsten Tage nochmals zu ihr , gefährlich , so daß er beinahe Mitleidbedenken verspürte , von einer so fürchterlichen Waffe Gebrauch zu machen . Das Bild stellte er dann , ehe sie eintrat , aufs Klavier und erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung . Kaum erschien sie unter der Tür , so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon das Bild . » Wer hat Ihnen das gegeben ? « heischte sie im scharfen Ton eines Untersuchungsrichters ; » woher bezieht Frau Steinbach das Recht , Ihnen meine Photographie weiterzuschenken ? « Darauf zuckte sie die Achseln . » Übrigens ein schlechtes Bild ; ich habe es nie gemocht . « Das war die Wirkung des Heiligenbildes . Nun wurde seine Lage ernst ; denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand . Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest , weil er sie eben nötig hatte , allein mit krampfhafter Faust , und der Hoffnung fehlte die vernünftige Berechtigung , da er sich gestehen mußte , daß das , was er hoffte , nunmehr unwahrscheinlich geworden war , daß etwas Unvorherzusehendes ihm von außen zu Hilfe kommen müsse , damit es sich erwähre .