, winterlicher Flieder - all die Blütchen schienen zu frösteln und sich zu wundern , warum man sie gezwungen habe , sich so sehr zu beeilen , in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen . Jetzt stehen die braunen Stengel , an denen oben die spärlichen weissen Blütentrauben hängen , in einer schlanken , grünen Bronzevase neben mir . Die Blumen haben sich etwas erholt , als seien sie dankbar , nun doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben . Ein schwacher , schüchterner Fliederduft , der beinah etwas Künstliches hat , steigt von ihnen auf und zieht durch das Zimmer . Er weckt viel Erinnerungen . Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene Zeiten und Orte . In Garzin , dem märkischen Gut , wo ich aufgewachsen , da blühte der Flieder im Mai . Vier grosse Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloss , in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr . Jeden Frühling , wenn der Flieder blühte , kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuss angehumpelt ; er stellte sich im Schlosshof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel » Die letzte Rose « und » Lang , lang ist ' s her « . Ich weiss nicht , wo er Winters blieb , aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der Invalide mit der Drehorgel , und der Flieder duftet , und wir Kinder suchen fünfblättrige Fliederblüten - denn die sollten Glück bringen wie vierblättriger Klee . Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch ein fünfblättriges Blümchen - aber der glaubte nicht recht daran . An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft ! Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder . In allen Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche . Im April über Nacht erblühten sie mit einemmal , alle zugleich . In allen Wohnzimmern , auf allen Speisetischen war dann die gleiche weisslila Pracht und Fülle . Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber . Das war die einzige Zeit des Jahres , wo es in Peking gut roch . In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmässig eines seiner Gartenfeste . Die chinesische , uniformierte Kapelle , die er sich hielt und auf die er sehr stolz war , spielte die paar europäischen Weisen , die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht hatte . Mit den altbekannten , nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft . Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen ; sie gingen paarweise , persönlicher Neigung folgend , oder gruppierten sich je nach der augenblicklichen politischen Konstellation . Politik ist eine Würze , die in Peking gern allem beigemischt wird . - Zum Schluss dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt . Man tat jedesmal so , als sei diese Quadrille der spontane Ausdruck überströmender festlicher Stimmung - aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen . Das war alles ganz stereotyp - denn alle Dinge in China haben die Neigung , stereotyp zu werden ! Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas so unendlich Wehmütiges . Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttäuschung , zu dem so sehr viel guter Wille gehört . Kleine rührend traurige Bemühungen , um zu vergessen , wo man ist , was alles fehlt . Der festgefasste und ernsthaft durchgeführte Vorsatz , auch einmal » grosse Welt « zu sein . Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen - sie erinnern an kümmerlichen weissen Winterflieder - der ist auch nichts Rechtes ! 22 New York , Februar 1900 . Ich bin noch recht elend , möchte Ihnen aber doch ein bisschen schreiben , um mir dadurch die Illusion zu geben , als seien Sie hier . Wenn ich krank bin , tue ich mir immer so schrecklich leid - ich möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und mich trösten . Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg ; wir fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden , und sobald man das ist , ist ja alles gut . Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit für uns schliesst , dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel , das nie stimmt , wo es immer irgendwo hapert . Glauben Sie nun deshalb nicht , dass ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre ; die kleine Ecke Welt , die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt , ist wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch , und es besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen . Am häufigsten kommt Madame Baltykoff , und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein . Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst ; sie besieht sich New York von allen Seiten : Auswandererherbergen , Fifth Avenue-Feste , Schulen , Druckereien , Wall Street , Gefängnisse , Klöster - tout lui est bon . Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch , bei dem sie gewesen . Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft sind und Geld verdienen , vertreiben sich die Damen die Zeit , indem sie sich untereinander kleine Feste geben , bei denen sie sich in neuen , kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen . Für einen solchen Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt . Die neuliche war lila . Alle Blumendekorationen , auf dem Tisch , an den Wänden und Kronleuchtern , bestanden aus Parma-Veilchen , das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide , die Tischkarten lila Karton , Wirtin und Gäste trugen Kleider verschiedener lila Tönungen . Das kleine , sehr verzogene Töchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet . Madame Baltykoff erzählte , es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen ; die zärtliche Mutter bemerkte schliesslich , dass ihre Gäste hiervon nervös wurden , aber anstatt das Kind hinauszuschicken