Ein braves Mannli , nur ein wenig einfältig . Aber er war ja selbst blessiert , auf den Kopf gefallen . Er blieb bei mir und der Nina , bis es vorüber war . « Mit seinem gebräunten , faltigen Gesicht , umrahmt vom langen , weißen Haar , stand Plattner der Tochter gegenüber wie ein unschuldig Angeklagter , der sich verteidigt . » Es ist nichts versäumt worden , glaub es mir - mußt es in Geduld annehmen , « sagte er und drückte ihre Hände , während seine klaren , blauen Augen sich trübten . Josefine nahm es an » in Geduld « . Sie war sehr ruhig . Alle wunderten sich im Dorf . Sie hatten gedacht , daß so eine städtische Mutter weinen und schreien würde . Die Städtischen hatten so wenig Fassung , so wenig Haltung . Aber diese schrie und weinte nicht . Man grüßte sie , redete sie an , sie erwiderte auf Romanisch , kurz und einfach . Mit ihren ernsthaften , stillen , klugen Gesichtern blickten die Bauern und Bäuerinnen die Städtische an und fanden ihr ernsthaftes , stilles , kluges Gesicht vertraut und verständlich . Diese schwarze hagere Frau mit den dunkelumränderten Augen wußte , daß das Leben kein Kinderspiel ist , und daß man sich drein schicken muß . Sie alle mußten das . Hoch und wild sind die Berge , und das Häuschen ist gar klein . Lawinen , Steinmuren schicken die Berge herunter , zerknicken den Wald , wie ein Kinderfinger ein Hölzchen knickt , verschütten die duftende Matte , vernichten Menschen und Tiere . Das Hochgewitter kommt , und alle Bäche werden zu tollen Riesen , die mit wütenden Sprüngen herunterpoltern , Felsstücke schleudern , die Brücken einrennen , Schlammströme über die kargen Felder ausspeien . Da beugt man den Nacken und hält still . Und am Morgen nach der Verwüstung glühen die mörderischen Verwüster in kinderreiner , unschuldiger , roter Pracht , der Himmel strahlt , alle Engel lachen , und das arme Menschlein kniet auf dem zerwühlten Grunde , und seine Tränen werden zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schönheit , die töten kann und entzücken zugleich , so daß man das Sterben nicht fühlt . Wie ein Bild nur , nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines müde Seele die großartige Umgebung . Das grüne Tal mit dem brausenden , weißschäumenden jungen Rhein , die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge , die abenteuerlich gezackten , weißgekrönten Himmelsstürmer , die dahinter starren , das Tal eng umschließend , wo die braunen zierlichen Holzhäuschen mit den grauen steinbeschwerten Dächern stehen . Die Mittagssonne sengt die Haut , nur das Kirchlein wirft einen kleinen Schatten , und dort auf dem Thymianbeet spielen die Kinder , und Josefine sitzt dabei . Wie auf einer Klippe , von allen Seiten frei , steht das Kirchlein von Sedrun , auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben . Camischolas hat keinen Kirchhof . Da naht wieder ein Begräbniszug . Der Küster voran mit der schwarzen Trauerfahne , zwei Priester im gelben , seidenen , blumigen Ornat , der gute , alte , weißhaarige Kaplan von Rueras im langschößigen , verschabten , schwarzen Rock , der kahle Sarg ohne Kranz , ohne Blume , und dahinter in langem , langem Zuge in unförmlichen schwarzen Jacken steckende , zusammengekrümmte , betende , schwatzende Frauen . Auch Kinder . Ebenso schwarz sind die Röckchen , aber die Gesichter rot und munter , die Rücken gerade . Die Rosenkränze drehen sich zwischen den hartgearbeiteten dunkelbraunen Händen , die Lippen murmeln Totengebete , auf den bunten Säumen der Kopftücher und der Schürzen spielt die Sonne . Hinein in die Kirche der ganze Zug . Josefine schließt sich an . Sie ist ja im Leid wie die anderen hier . Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen , als man Ninina begrub . Und Josefine ist ' s , als ob man ihr Kind jetzt begrabe . Der Zug löst sich auf . Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen . Die Bäuerinnen aber gehen , eine nach der anderen , zuerst in die Seitenkapelle , vorüber an dem lebensgroßen steinernen grauen Kruzifix , zu dem mit weißen Schädeln wunderlich geschmückten Altar . An der einsamen Kerze , die dort mit flackerndem Schein die leeren Hängehäuse beleuchtet , zündet jede der Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an . Schützend hält sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf ihren Platz in der kellerkalten , dunklen , weihrauchduftenden Kirche . Lange Gebete von murmelnden Stimmen . Lange Gesänge aus rauhen , ungeübten Kehlen . Eine lange eintönige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge . Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstümpfchen im Atem der Betenden die dunklen Bänke entlang ! Alles liegt auf den Knien . Die Lichtchen knistern und verlöschen . Ein neues ist in Bereitschaft - so lang ist die Andacht , auch dies wird noch abbrennen . Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin . Sie will niemand hier kränken - sie alle gingen mit Ninina . » Sind wir nicht alle Fleisch und Bein ? « hat man ihr geantwortet , als sie hat danken wollen . Sie betet mit , sie will niemand hier kränken . Die Messe ist zu Ende . Man geht hinaus . Die Freunde des Toten , die seinen Sarg bis hierher getragen , bringen ihn hinaus in die Gruft . Draußen wieder ein langes Gebet . Jeder kniet an dem Grabhügel seiner Lieben , eines Verwandten , eines Freundes . Der Himmel strahlt in feurigem Blau , wie eherne Riesen starren die Berge , und hier , auf der kleinen grünen Klippe über dem Abgrund kniet das mühebeladene , leidgewohnte Leben am offenen Grabe . Die goldenen Strahlensterne an den schwarzen Kreuzen leuchten , die bunten Säume der Kopftücher und Schürzen flimmern rot und gelb - vergänglicher Schmetterlingsflügelstaub auf den schwarzen Schwingen des Todes . Und überall so , in der ganzen Welt , denkt Josefine