so was . » Gehen Sie in Gottes Namen allein mit ihm . Für mich ist so was nichts . « Lotte machte ein tötlich verlegenes Gesicht . » Na , Sie werden sich doch nicht genieren , Kind ? Wenn ich es erlaube , ist ' s auch in Ordnung und nichts dabei , und allzu etepetete muss man auch nicht sein , wenn man jung ist . « Gerhart , der Lotte gegenüber sass , warf ihr einen flehenden Blick zu . O Gott , nein , sie konnte nicht ablehnen . Sie durfte ihn nicht erzürnen , er hatte es wahrlich nicht um sie verdient . So hob sie die Augen mutig zu ihm auf und sagte ernst und herzlich : » Es ist nicht so wie Ihre Tante meint . Nur gegen mein armes Muttchen ist es nicht ganz recht gehandelt , wenn ich jetzt schon ins Theater gehe , aber dennoch , ich nehme es dankbar an . « » Bravo « , rief Frau Wohlgebrecht , die dem » lieben Wurm « gern das Beste gönnte . Gerhart sagte nichts . Er hob nur sein sektgefülltes Glas gegen sie auf und blickte sie mit strahlenden Augen an . Er versprach sich so unendlich viel von diesem Abend . Schwer hätte es ihn getroffen , wenn sie sich ernsthaft geweigert hätte . Im Laufe des Abends erzählte er ihr von dem Stück , in das sie morgen zusammen gehen wollten . Zwar hatte er es von der Bühne noch nicht gesehen , aber er kannte es längst vom Lesen . Es war Hauptmanns » Versunkene Glocke « . Als Lotte hörte , dass es ein tiefernstes Werk sei , was Herr Schmittlein ihr zeigen wollte , beruhigte sich ihr aufgeschrecktes Gewissen . Nein , damit würde sie an der toten Mutter kein Unrecht begehen . Auch von dem Dichter erzählte ihr Gerhart . Er sagte ihr , dass er ihn für den Genialsten unter den Modernen halte und dass es sein grösster Stolz sei , denselben Namen zu tragen wie er . So eilten die Stunden wie im Fluge dahin . Es war elf Uhr , als Lotte , von Gerhart geleitet , nach Hause ging . Während des kurzen Weges wurde kaum noch ein Wort zwischen ihnen gewechselt . Hand in Hand , als ob es nicht anders sein könne , gingen sie schweigend durch die stille , milde , sternenhelle Nacht . Lena schlief schon , aber Lotte konnte sich lange nicht entschliessen , ihr Lager aufzusuchen . Sie zündete die Lampe an und setzte sich mit Gerharts Gedicht unter den Weihnachtsbaum . Nachdem sie es gelesen hatte , zog eine grosse , weihevolle Zärtlichkeit in ihr Herz . Lotte wusste nicht , galt sie der toten Mutter , galt sie ihm , der der Teuren so herzliche Worte ins Grab nachgesungen hatte . Inbrünstig drückte sie das Blatt an die Lippen . Nachts musste es unter ihrem Haupte ruhen . So war es ihr , als habe sie von beiden ein Stück Liebe bei sich , von der Mutter und dem Freund . - Als sie am nächsten Abend neben Gerhart im Deutschen Theater sass , kam sie sich wie in einer anderen Welt vor . Sie hatte sich ein Berliner Theater zwar viel schöner , eleganter und lichter vorgestellt , als dieses grosse , düstere , unschmucke Haus , aber die überwältigende Menge von Menschen , die es füllte , die eleganten Festtagstoiletten der Damen , besonders in den Logen , das geheimnisvolle Raunen und Rauschen und Tuscheln , das Gesumm und Gesurr , ehe der Vorhang sich hob , war ihr schon etwas so ungewohntes , dass es ihr völlig den Kopf benahm . Gerhart hatte sich die für seine Verhältnisse ungeheuerliche Ausgabe gemacht , zwei Parquetplätze zu kaufen . So sassen sie mitten drinnen in dem bunten , lebhaften Getriebe , und Lotte kam sich in ihrem schlichten schwarzen Kleid unter all ' den geputzten , feiertäglich angethanen Menschen wie ein Schatten , wie ein Nichts vor . Nur wenn sie zu Gerhart aufsah , der ernst und feierlich dasass wie in der Kirche , fühlte Lotte sich wieder gehoben . War sie nicht an der Seite eines Dichters , als seine Freundin , als seine Vertraute ! Konnte dieser Dichter nicht einst ebenso gross und berühmt werden , wie der , dessen Werk sie nun hören und sehen sollte ! Und war diese Gemeinschaft nicht ein weit herrlicherer Schmuck als das prächtigste Festtagsgewand ! Mit einem Blick grenzenloser Dankbarkeit blickte sie zu Gerhart auf . Tief und lange erwiderte er den Blick und still liess sie es geschehen , dass seine Hand liebkosend wieder und wieder über die ihre fuhr . So , in weihevoller Stimmung sassen sie beide da , bis der Vorhang sich hob . Lotte lauschte vorgebeugten Hauptes . Es kam ihr schwer an , diese eigentümliche Sprache zu verstehen , die ihrem Ohr oft wie ein gänzlich fremdes Idiom klang . Aufs äusserste strengte sie sich an , dem Dialog und der Entwicklung der Handlung zu folgen ; sie wollte so über alles gern Gerharts Vertrauen rechtfertigen und eine Dichtung bewundern , die er so hoch stellte . Aber je mehr sie sich darein zu vertiefen suchte , je weiter die Handlung fortschritt , um so verwirrter und enttäuschter wurde sie . Das einzige , was sich für ihr Verständnis klar heraushob , war das Verhältnis des Glockengiessers zu seiner Frau . Und das missbilligte sie aus tiefster Seele . Dass Heinrich sein braves Weib verlassen konnte , das sich so herzlich um ihn gebangt hatte , dass er seiner kleinen Kinder vergass , um dem fremden , schönen Rautendelein zu folgen , darin konnte sie nicht , wie Gerhart , eine grosse , befreiende That erblicken . Wenn so viel Sünde nötig war , um den Menschen zum echten Künstler zu machen , dann war ja das Talent weit mehr ein Fluch als