doch sagte sie sich wieder , erst in der Stunde , da der Mensch erkennen gelernt hat , übernimmt er die Verantwortung für sein Thun . Und sie war bisher wie eine Blinde hingegangen - nur ganz von Instinkten geleitet : das echte Weib , das Weib des geistigen Mittelstandes , in dem brave Eltern ängstlich jede Eigenart zu unterdrücken suchen , bis es , um über die eigene Banalität hinwegzukommen , später der ersten besten Verrücktheit , zur Beute fällt , die gerade im Schwang ist . 12 Als Hildegard nach langen , bangen Stunden endlich die Alpen , und von ihnen umkränzt den Spiegel des saphirblauen Bodensees auftauchen sah , vermochte sie ihrer Aufregung kaum mehr Herr zu bleiben . Sie warf einem Bahnhofbediensteten ihren Gepäckschein hin , gab ihre Adresse an , und flog ihrer Wohnung zu . Unterwegs wollte sie verschiedene ihr bekannte Leute auf der Straße anhalten , und die Frage an sie stellen , die ihr Herz bis zum Zerspringen beunruhigte . Lebt Einhart noch , lebt er ? Aber ihre zitternden Lippen vermögen kein Wort hervorzubringen . Vor ihrem Hause schöpft sie tief Atem , stürmt die Treppen hinauf , klingelt an , und eilt an der öffnenden Aufwärterin vorbei in sein Zimmer . Da sitzt er mit blassen eingefallenen Wangen in seinem Bett zwischen aufgesteckten Kissen . Sie fällt vor ihm nieder . Seine Augen öffnen sich weit , weit . Er sagt aber kein Wort , legt ihr nur langsam die Hand auf den Kopf . So bleiben sie beide lange Zeit . Dann faßt sie die schlanke , heiße Hand . » Magst du mich noch , Einhart ? « Er antwortete nicht . Er sieht ihr ins Gesicht , in die schönen , vom Weinen geröteten Augen , die alles Harte , Trotzige verloren haben . » Einhart , magst du mich noch ? « wiederholt sie leiser . Da geht ein Lächeln über sein Gesicht . » Nein , ich mag dich nicht mehr . « Sie steht auf und legt die Arme um seinen Hals . Er lehnt den Kopf an sie . » Magst du mich ? Jetzt ? « » Jetzt mag ich dich , weil ich dich zu verstehen beginne . Warst du nicht schlau ? Sag ehrlich , als ich von dir ging , wußest du nicht genau , daß ich mich in der Öde , die sie Freiheit nennen , nach dir besinnen würde ? « » Nein , das ahnte ich nicht « versetzt er offen . Sie sinnt einen Augenblick darüber nach , wie in dem männlichsten Manne doch das Kind mit all seiner jungen Naivität haften geblieben ist . Aber jetzt ruft diese Wahrnehmung kein höhnendes Lächeln mehr auf ihre Lippen , es treibt ihr Thränen in die Augen . Sie streichelt sein weiches braunes Haar , das an den Schläfen schon spärlich zu werden beginnt . Er muß fürchterlich viel in sich durchgelitten haben . Früher fand sie es nie der Mühe wert , sein Angesicht zu studieren . Jetzt entdeckt sie alle die kleinen Züge und Schatten , die stumm getragener Kummer ins Antlitz gräbt . Bitteres Weh ergreift sie . Am liebsten möchte sie ihr Gesicht in seine Hände legen und sterben , um ihr eigenes häßliches Bild nicht zu sehen , das ihr die Wundmale dieses Mannes da weisen . Aber sterben wäre feig . Neu aufbauen , neu aufbauen , was sie schon halb zerstört hat , das ist das beste , was sie thun kann . Und Gott sei Dank , daß sie es noch kann , und die Zerstörung , die sie angerichtet hat , keine vollständige war . » Einhart « sagt sie , sich auf den Bettrand niederlassend , » nicht wahr , wenn du wieder aufgestanden bist und dich gesund fühlst , beginnst du aufs neue zu malen . Nicht Porzellanteller , und auch nicht Muster für Kleiderstoffe . Schöne große Bilder in Öl , so wie du sie früher machtest . « ..... Er blickt sie verwundert an . » Wir wollen gemeinschaftlich das schönste Mädchen suchen , das deine Künstleraugen zu frohen Schöpfungen begeistert . Und dann ziehst du wieder am frühen Morgen hinaus in den grünen Wald und bannst die Goldtropfen , die die Sonne durch die Baumwipfel auf den Moosboden sickern läßt , auf deine Leinwand . Und das schöne Mädchen steht mit einem schlanken Henkelkrug an der nahen Quelle und lächelt dir zu . Ich indessen will zu Hause frische Blumen in dein Atelier stellen und den Tisch mit duftigen Früchten und blitzendem Geschirr schmücken , damit du , wenn du heimkommst , dich freust und mich lieb hast . « Er sieht sie immer verwunderter an . » Ich phantasiere nicht , Einhart , Gott ist mein Zeuge . Ich habe denken gelernt , das ist alles . « » Aber du wolltest doch eine moderne Streiterin im Kampf für Frauenfreiheit und Frauenrechte werden « meint er und lächelt schwach . Und da beginnt sie ihm zu erzählen . Sie entwickelt ihm das Bild des Zwistes , des Phrasengeklingels , der Verworrenheit der Bestrebungen , das sie kennen gelernt hat . Sie läßt vor seinen Ohren Fräulein Buturunds männermordende Schwerthiebe sausen und Frau Sanghausens Appell ertönen . Man hört die Verwundeten aus der Winselstimme der Frau von Werdern klagen , und sieht Tücher schwenken bei Tini Froßens herausforderndem Kampfruf . Einhart horcht und lächelt . » Das ist ja die reine Amazonenschlacht , was du da schilderst . « » Mal sie ! « ruft Hildegard . » Links den Chor der fliehenden Männer , rechts die Schar der sie verfolgenden Amazonen . Sie sind bis an die Zähne bewaffnet mit Federn , Linealen , Bleistiften , Pinseln . « » Und die Eine von ihnen , die am grimmigsten auf ihrem Pferde hinrast , trägt die Züge meiner Hildegard . « » Nein , nein , die laß eine weiße Fahne vor