der Mut erst recht . Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt . Solange es geht , muß man Milde walten lassen , denn jeder kann sie brauchen . « » Höre , Distelkamp « , sagte Schmidt , » das ist eine gute Geschichte , dafür dank ich dir , und so alt ich bin , die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben . Denn weiß es Gott , ich habe mich auch schon blamiert , und wiewohl es die Jungens nicht bemerkt haben , wenigstens ist mir nichts aufgefallen , so hab ich es doch selber bemerkt und mich hinterher riesig geärgert und geschämt . Nicht wahr , Etienne , so was ist immer fatal ; oder kommt es im Französischen nicht vor , wenigstens dann nicht , wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band Maupassant mit heimbringt ? Das ist ja wohl jetzt das Feinste ? Verzeih die kleine Malice . Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl , nomen et omen , und eigentlich der Beste , besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund Immanuel Schultze . Der hat ' s hinter den Ohren und ist ein Schlieker . Er grient immer und gibt sich das Ansehen , als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und -wo unter den Schleier geguckt hätte , wovon er weitab ist . Denn er löst nicht mal das Rätsel von seiner eigenen Frau , an der manches verschleierter oder auch nicht verschleierter sein soll , als ihm , dem Ehesponsen , lieb sein kann . « » Schmidt , du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag . Eben hab ich den armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet , ja , du hast sogar Besserung versprochen , und schon stürzest du dich wieder auf den unglücklichen Schwiegersohn . Im übrigen , wenn ich an Immanuel etwas tadeln sollte , so läge es nach einer ganz anderen Seite hin . « » Und das wäre ? « » Daß er keine Autorität hat . Wenn er sie zu Hause nicht hat , nun , traurig genug . Indessen das geht uns nichts an . Aber daß er sie , nach allem , was ich höre , auch in der Klasse nicht hat , das ist schlimm . Sieh , Schmidt , das ist die Kränkung und der Schmerz meiner letzten Lebensjahre , daß ich den kategorischen Imperativ immer mehr hinschwinden sehe . Wenn ich da an den alten Weber denke ! Von dem heißt es , wenn er in die Klasse trat , so hörte man den Sand durch das Stundenglas fallen , und kein Primaner wußte mehr , daß es überhaupt möglich sei , zu flüstern oder gar vorzusagen . Und außer seinem eigenen Sprechen , ich meine Webers , war nichts hörbar als das Knistern , wenn die Horaz-Seiten umgeblättert wurden . Ja , Schmidt , das waren Zeiten , da verlohnte sich ' s , ein Lehrer und ein Direktor zu sein . Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an einen heran und sagen : Wenn Sie gelesen haben , Herr Direktor , dann bitt ich ... « Schmidt lachte . » Ja , Distelkamp , so sind sie jetzt , das ist die neue Zeit , das ist wahr . Aber ich kann mich nicht darüber ägrieren . Wie waren denn , bei Lichte besehen , die großen Würdenträger mit ihrem Doppelkinn und ihren Pontacnasen ? Schlemmer waren es , die den Burgunder viel besser kannten als den Homer . Da wird immer von alten , einfachen Zeiten geredet ; dummes Zeug ! sie müssen ganz gehörig gepichelt haben , das sieht man noch an ihren Bildern in der Aula . Nu ja , Selbstbewußtsein und eine steifleinene Grandezza , das alles hatten sie , das soll ihnen zugestanden sein . Aber wie sah es sonst aus ? « » Besser als heute . « » Kann ich nicht finden , Distelkamp . Als ich noch unsere Schulbibliothek unter Aufsicht hatte , Gott sei Dank , daß ich nichts mehr damit zu tun habe , da hab ich öfter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die Dissertationen und Aktusse , wie sie vordem im Schwang waren . Nun , ich weiß wohl , jede Zeit denkt , sie sei was Besonderes , und die , die kommen , mögen meinetwegen auch über uns lachen ; aber sieh , Distelkamp , vom gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens , oder sag ich auch bloß unseres Geschmacks aus , darf doch am Ende gesagt werden , es war etwas Furchtbares mit dieser Perückengelehrsamkeit , und die stupende Wichtigkeit , mit der sie sich gab , kann uns nur noch erheitern . Ich weiß nicht , unter wem es war , ich glaube unter Rodegast , da kam es in Mode - vielleicht weil er persönlich einen Garten vorm Rosentaler hatte - , die Stoffe für die öffentlichen Reden und ähnliches aus der Gartenkunde zu nehmen , und sieh , da hab ich Dissertationen gelesen über das Hortikulturliche des Paradieses , über die Beschaffenheit des Gartens zu Gethsemane und über die mutmaßlichen Anlagen im Garten des Joseph von Arimathia . Garten und immer wieder Garten . Nun , was sagst du dazu ? « » Ja , Schmidt , mit dir ist schlecht fechten . Du hast immer das Auge für das Komische gehabt . Das greifst du nun heraus , spießest es auf deine Nadel und zeigst es der Welt . Aber was daneben lag und viel wichtiger war , das lässest du liegen . Du hast schon sehr richtig hervorgehoben , daß man über unsere Lächerlichkeiten auch lachen wird . Und wer bürgt uns dafür , daß wir nicht jeden Tag in Untersuchungen eintreten , die noch viel toller sind als die hortikulturlichen Untersuchungen über das Paradies . Lieber Schmidt , das Entscheidende bleibt doch immer der Charakter , nicht der eitle , wohl aber der gute , ehrliche Glaube