! Mit fünfundsiebzig Jahren hatte der alte Handschuhzurichter das noch gesagt , und es fiel ihr jetzt wieder ein , als sie einen fertigen blütenweißen Ballhandschuh auf das Seidenpapier legte . Bald sah sie nichts mehr , die Dunkelheit war so jäh hereingebrochen , daß die Hanne die Hände in den Schoß sinken ließ und in den grauen Nebel hinausträumte . Es war so friedlich , so heimlich da , von ihren Kindertagen ab zogen alle ihre Wünsche , ihre Hoffnungen , ihre Freuden und Leiden hinüber in die Stube der Frau Weis . An diesen Fenstern saß vor langen Jahren , als die Hanne noch ein kleines Mädel war , die Schwester des Leopold , die so schöne künstliche Blumen machte ; einen Tag , bevor sie starb , saß sie noch da ; und als der Leopold heimkam aus dem Kriege , saß er tagelang auf dem Fensterbrett , mutlos und traurig ; später richtete sich die Lene da ein mit seinem Kinde . Die Hanne seufzte heimlich , sie hatte ausgeträumt . Rasch ließ sie die Vorhänge nieder , zündete die grüne Studierlampe an und setzte sich mit ihrer Arbeit an den Tisch . » Ein Glück , daß der Bub so still bleibt « , sagte sie leise und ging zur Wiege . Der Kleine hatte sich glühendrote Backen erschlafen , Schweißperlen standen auf seiner Stirne , und der Atem ging so schnell , daß sich sein Brüstchen hob , und manchmal kam ein leises Pfeifen aus der Kehle . Hanne legte ihr Ohr an die keuchende Brust des Kindes und trocknete sein heißes Gesichtlein , dann setzte sie sich wieder an die Maschine , blickte aber immer besorgt hinüber nach der Wiege . Je später es wurde , desto mehr schlich die Zeit für sie hin . Draußen auf dem Hofe war es still geworden , das Geplauder der Nachbarn , die lärmenden Kinderstimmen waren mählich verklungen , hie und da rief einer der Männer im Vorbeigehen » Gute Nacht ! « , und bald regte sich gar nichts mehr , denn in der Blauen Gans gingen die Leute früh zu Bette wie die Hühner und krochen schier noch früher aus den Federn . Neun Uhr ! So lange war die Lene noch nie fortgeblieben , und sie selbst , die Hanne , sie war zu jeder Nachtstunde bis in den grauenden Morgen oft vor ihrem Holzrößlein mit den Messingplatten gesessen , doch über die Sperrstunde war sie ihr Lebtag nicht außer dem Hause . Sie kannte die Stimmen der Nacht genau , das seufzende Weinen des Windes , der zuweilen durch den kleinen Blechofen hereinwimmerte , den geheimnisvollen , duftschweren Ton der Sommernächte , der gleichsam von der durchhitzten Erde aufstieg und in die kühle Luft schwamm . - Es beirrte sie auch nichts in ihrer Arbeit ; das ächzende Knarren der hochgepackten Frachtwagen , die in langen Reihen der Stadt zukrochen , hatte sie oft in den Schlaf gewiegt , und wenn sie wach bleiben wollte , so horchte sie auf das dumpfe stoßweise Pfeifen , das aus einem langen dunklen Schlot kam , der eine eiserne Netzkappe auf dem Kopf hatte . Bei jedem Pfiff warf der Fabrikschlot Funken aus , und oft meinte sie , jetzt und jetzt müßten die Flammen emporschlagen , so feuerrot färbte sich der Rauch . Manchmal jammerte ein Nachbarkind , zuweilen erschreckten Streit und Gezänke das junge Mädchen , es endete aber zumeist mit Schluchzen und Weinen des Weibes , der Mann schnarchte oft schon , wenn die Frau noch unterdrückt weiterjammerte . - Dem alten Uhrwerk gab es einen Ruck , der Hammer hob aus und schlug die zehnte Stunde . Der Hausmeister trabte durch den Hof und löschte die Lampe aus , dann polterte er in der Einfahrt herum , verschimpfte die Katzen , die lärmende Zusammenkünfte in einem Hofwinkel hatten , dann warf er das Haustor zu , daß es wie ein Kanonenschuß krachte , drehte den großen Schlüssel knarrend um und trabte wieder zurück . Zehn Uhr vorbei und die Lene hinausgesperrt ! » Vielleicht ist sie ihrem Manne begegnet , und er hat sie ins Wirtshaus geführt oder gar ins Theater « , simulierte die Hanne , » aber daß sie nicht an das Kind denkt . « Sooft die Torglocke läutete , stand das Mädchen von ihrer Arbeit auf , doch die Ankömmlinge klopften an alle Fenster , nur nicht an das der Lene . Elf Uhr ! - Zwölf Uhr ! - Jetzt fehlte niemand mehr in der Blauen Gans außer dem Leopold und seinem Weibe . Der Fingerhut klopfte gleichmäßig an die Metallplatten , die Hanne arbeitete immer rascher , um ihre Unruhe zu verscheuchen , sie wollte nicht denken und träumen , dort lag ja das Kind im Fieber und fingerte mit den kleinen Händen in der Luft oder preßte die Fäustchen an die glühenden Wangen . Langsam und widerwillig sog es die Milch ein , die sie ihm gab , und wenn es auf eine Pulsschlaglänge die Lider hob , so waren die Augen glanzlos . Plötzlich wurde so scharf an der Glocke gezogen , daß sie noch eine Weile bimmelte , als der Hausmeister schon das Tor aufgeschlossen hatte und wieder polternd zufallen ließ . Unsichere , schnelle Schritte kamen näher und näher ; die Hanne rückte ihr Arbeitszeug beiseite und harrte , sie wußte , daß es der Leopold sei , aber allein - und die Lene ? Sie faltete die Hände und horchte . Jetzt stand er am Fenster und spähte hinein , sie fühlte beinahe seinen Blick . » Was ist mit der Lene geschehen ? Was wird er sagen , wenn er sein Weib jetzt nicht daheim findet ? « fragte sie lautlos . Der Leopold sah nur den Schatten der Frauengestalt , die nach vorne gebeugt wie eingeschlummert neben dem Tisch saß . » Sie hat also auf mich gewartet , zum ersten Mal , seit wir verheiratet sind ,