. Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen , die beiden Männer schüttelten einander die Hände . Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach Waschwasser und ließ sich in die für ihn bereiteten Zimmer führen . Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter , mit unnachahmlich kunstvoller Nachlässigkeit gekleidet , duftend von Reinlichkeit und Eau de Toilette , einen freudig gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte . Er klopfte Maria auf die Wange und sagte , halb zu Hermann , halb zu ihr : » Mager ist sie geworden . « Sie hätte aufschreien mögen : Ich weiß , was du getan hast , und werde es dir nie verzeihen ! - aber sein Anblick , seine Stimme , sein flüchtiger Kuß auf ihre Stirn übten ihre alte Macht . Sie beugte sich ihr fast ohne Widerstreben . - Er ist ja doch mein Vater , dachte sie . Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit , setzte sich an das Bett Marias und begann mit ihr zu sprechen , mehr von sich als von ihr , offenherzig , vertrauensvoll , recht wie zu einem ebenbürtigen Geiste , dessen Verkehr er lange und schwer entbehrt . Ihre Kälte und Beklommenheit waren ihm sofort aufgefallen . Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache zu : Maria hatte etwas , das ihn in ihren Augen herabsetzte , erfahren . Durch wen ? - Um gegen Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen , war Wolfsberg zu sehr Menschenkenner . Was liegt auch daran , dachte er , durch wen deine Illusionen über mich zerstört wurden , du armes Kind , sie sind fort . Du mußt lernen , mich zu nehmen , wie ich bin , und einsehen , daß du dennoch stolz auf deinen Vater bleiben kannst . - Da entfaltete er seine ganze zielbewußte Liebenswürdigkeit , stellte sich in das hellste Licht - indem er einen Irrtum , irgendein begangenes Unrecht eingestand . Mit der Miene eines Emporblickenden ließ er sich zu ihr herab , die er weit übersah . Galt es doch , einen erschütterten Einfluß wiederzugewinnen , eine schwankende Neigung wieder zu befestigen : zu erobern , mit einem Wort ... Wie ihm die Aufgabe gelang ! - Wie seine Tochter , als er nach kurzem Aufenthalte Schloß Dornach verließ , ihn liebte , mehr als je ! Der Starke war hilflos seinen Leidenschaften gegenüber , gab das nicht Grund , ihn zu bemitleiden ? Und wer hatte seine Kämpfe gesehen ? Mit so feinem Sinn für alles Edle begabt , was mußte er leiden unter dem Bewußtsein seiner Fehlbarkeit ! Er gehört ja nicht zu denen , die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen . Dieser Selbsterkenntnis , sagte sie sich , war wohl auch seine harte Zurückweisung Tessins entsprungen . Vielleicht fand er - in einer Hinsicht wenigstens - zwischen dem und sich Ähnlichkeit ... Er wollte seine Tochter vor den schmerzvollen Enttäuschungen bewahren , die er ihrer Mutter bereitet hatte . Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung , doch war sie in ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens , sondern die Märtyrerin eines unabwendbaren Schicksals , eine leidverklärte Heilige , vor deren Bild sie in Andacht versank . Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle zunehmender Kraft und wiedererlangter Gesundheit . Sie hatte es durchgesetzt , sie nährte ihr Kind selbst , obwohl das jetzt » niemand « mehr tut und selbst die Ärzte ihr davon abgeraten . Aber sie wußte wohl , was sie sich zutrauen durfte . Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau , die sich in den ausbündigsten Aufmerksamkeiten äußerte . Den ganzen Winter hindurch kam er allabendlich , bei jedem Wetter , herübergeritten , machte halt im Schloßhofe , fragte : » Wie geht ' s ? « und kehrte nach erhaltener Antwort heim auf seiner kugelrunden Falbin . - Sobald die Wege wieder fahrbar geworden , kamen die Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme . Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und ihm geheimnisvoll zugeflüstert : » Deine Frau war bisher immer wunderbar - gemütlich aber ist sie erst jetzt geworden . Das macht das Kind , ja , mein Lieber ... Man sagt : des Herzens Schrein - ganz falsch , es sind Schreine . Da und dort steht einer offen von Jugend auf . Die anderen öffnen sich nach und nach - ich spreche nur von guten Menschen natürlich - und den Schlüssel zum wichtigsten bringt manchmal ein Kindlein mit , in seiner kleinen Hand . « In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu haben . Und war sie nicht auch beneidenswert vor Tausenden ? Vergöttert und angebetet von einem Manne , den sie innig wertschätzte , Mutter eines blühenden Kindes , schön , ohne eitel , und hochbegabt , ohne ehrgeizig zu sein , reich genug mit Glücksgütern gesegnet , um dem regsten Wohltätigkeitssinne Genüge tun zu können , gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals . Sie selbst empfand es als eine Pflicht , sich zu ihnen zu zählen . Früher , als Hermann es gestatten wollte , hatte sie sich wieder in den Hütten der Armen eingefunden , aber mahnen und drängen mußte er , bevor sie den Entschluß faßte , die Schwelle Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten . Er war , kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens , dennoch aufgestanden , um sie zu empfangen , und kam ihr einige Schritte entgegen . Ein greisenhafter Zug bildete sich um seinen Mund , als er sie anlächelte . » Endlich , Frau Gräfin « , sprach er mit schwacher und heiserer Stimme , » endlich - Sie sehen , es geht besser . Ihr großer Arzt gibt mir nur noch beiläufig fünfhundert Tage zu leben , aber ich beabsichtige , Ihnen länger zur Last zu fallen