nicht länger aus und gestand ihr alles . Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus , aber von jetzt ab lauschte sie heimlich , ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen könnte . Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim , aber eine solche Stunde , wie die unter dem Wacholderbusch , kam ihnen nie mehr wieder . Wenn sie an ihm vorüberschritten , sahen sie einander an und lächelten , aber keines wagte den Vorschlag zu machen , noch einmal unter ihm niederzusitzen . Auch des Flötenspiels geschah nicht mehr Erwähnung zwischen ihnen , Paul jedoch dachte heimlich oft genug daran . Es erschien ihm wie etwas Himmlisches , Unerhörtes , gleich der Wissenschaft , die die Logarithmentafeln lehrten . Ja , wenn er klug und begabt gewesen wäre wie die beiden Brüder ! - aber er war ja nur ein dummer , einfältiger Junge , der froh sein konnte , wenn man ihn für die andern sorgen ließ . Gar oft fragte er sich , wie wohl solch ein Flötenspiel klingen möchte und wie diejenigen beschaffen wären , die es verstanden . Er hatte eine sehr große Meinung von ihnen und glaubte , daß sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen mußten , wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen , wenn er sich recht in sein Pfeifen vertiefte . Und dann kam der Tag , an dem er einen Flötenspieler von Angesicht zu Angesicht erschauen sollte . Es war an einem trüben , stürmischen Nachmittag im Monat November . Es fing schon an , dunkel zu werden , als er die Schule verließ und langsam die Dorfstraße entlang wanderte , um heimzukehren . Da drangen aus einer Branntweinschenke , in der das Gesindel der Gegend zu verkehren pflegte , gar seltsame Töne an sein Ohr . Er hatte sie nie gehört , aber er wußte sofort : das muß ein Flötenspieler sein . Horchend blieb er vor der Tür der Schenke stehen . Sein Herz klopfte ganz laut , seine Glieder zitterten . Die Töne waren ähnlich wie sein Pfeifen , aber weit voller und weicher . » So müssen die Engel an Gottes Thron musizieren , « dachte er sich . Nur eines war ihm unerklärlich , wie dieses Flötenspiel , das so klagend und sehnsüchtig klang , an einen so verrufenen Ort geraten konnte . Das Schreien und Johlen und Gläserklirren , das zwischendurch erscholl , tat seiner Seele weh , ein plötzlicher Grimm packte ihn ; wenn er groß und stark gewesen wäre , er würde hineingesprungen sein und würde die Lärmenden und Trunkenen samt und sonders auf die Straße hinausgeworfen haben , damit die heiligen Töne nicht entweiht würden . In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen , ein trunkener Arbeiter taumelte an ihm vorüber - übelriechender Qualm drang ihm entgegen ... Lauter noch wurde das Lärmen ... Kaum war das Flötenspiel imstande , es zu übertönen . Da faßte er sich ein Herz , und ehe noch die Tür geschlossen wurde , drängte er sich durch den schmalen Spalt in das Innere der Schenke ... Hinter ein leeres Branntweinfaß gedrückt , stand er da ... Niemand achtete auf ihn . In den ersten Augenblicken unterschied er nichts ... Dunst und Lärm hatten seine Sinne ganz benommen , und die Töne der Flöte wurden schrill und mißtönig , so daß sie seinem Ohre wehtaten . Inmitten der Schreienden und Stampfenden saß auf einem umgestülpten Fasse ein zerlumpter Kerl mit einem aufgequollenen , finnigen Gesicht , einer Schnapsnase und schwarzen , fettigen Haaren - eine Gestalt , deren Anblick Paul einen Schauder über den Leib jagte ... Der war es , welcher die Flöte blies . Wie versteinert vor Entsetzen starrte er ihn an . Ihm war zumute , als sänke der Himmel ein , als ginge die Welt zugrunde . - Nun setzte der Spieler seine Flöte ab , stieß mit rauher , heiserer Stimme ein paar schmutzige Worte hervor , goß gierig den Branntwein hinunter , der ihm von den Umstehenden gereicht wurde , und begann , mit den Füßen den Takt schlagend , einen Gassenhauer zu spielen , den die Zuhörer mit Brüllen begleiteten . Da floh Paul zur Schenke hinaus und lief und lief , daß ihm Hören und Sehen verging , als hätte er Angst , zur Besinnung zu kommen . - Als er allein auf der Heide war , über welche die Stürme dahinsausten , und von deren Rande ein schwefelgelber Streifen abendlichen Lichtes ihm entgegenleuchtete , da hielt er inne , schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich . - - In dem Winter , der nun folgte , stellte Paul sein Pfeifen gänzlich ein , und noch mehr war ihm das Flötenspiel verleidet . Wenn er daran dachte , stand das Bild jenes Verworfenen vor seinen Augen , der ihm seine Sehnsucht entheiligt hatte . Elsbeth sah er fortan nicht mehr . Mit Beginn der kalten Jahreszeit war die Religionsstunde aus der Kirche in das Pfarrhaus verlegt worden , und da sich in ihm kein Raum vorfand , der sämtliche Konfirmanden hätte fassen können , so wurden Knaben und Mädchen gesondert unterrichtet . Bisweilen zwar sah er Elsbeths Wagen an sich vorüberfahren , aber sie selbst war so sehr in Pelze und Tücher vermummt , daß von ihrem Gesicht nichts zu erkennen war . Er wußte nicht einmal , ob sie ihn bemerkt hatte . Zu derselben Zeit hatte er vielen Ärger mit den Brüdern Erdmann , die ihn bis aufs Blut zu quälen wußten . Er war vollständig wehrlos ihnen gegenüber , denn jeder einzelne hatte doppelt soviel Kraft als er ; auch griffen sie ihn immer zu zweien an , und während der eine ihn festhielt , zwackte ihn der andere . Nicht , daß die beiden von Grund aus boshafte Geschöpfe gewesen wären , im Gegenteil , gegen die anderen wußten sie Wohlwollen und Großmut zu üben , aber gerade seine stille ,