die Bravste zu sein , weil so viele gute Kinder da sind ; aber ich bin ' s doch ! « sagte sie , richtete sich freudig auf und rief mehr im Ton der Überzeugung als der Frage : » Du bist es auch ? « » Ich ? « entgegnete er , voll ehrlicher Verwunderung - - » wie soll denn ich brav sein ? « Ohne die verschränkten Finger von seinem Nacken zu lösen , streckte sie die Arme aus , bog sich zurück , sah ihm in die Augen und sprach : » Wie du brav sein sollst ? - So halt - wie man halt brav ist ; man tut nichts Unrechtes ... Du wirst doch nichts Unrechtes tun ? « Er schüttelte den Kopf , suchte sich von ihr loszumachen , besonders aber ihren Blick zu vermeiden : » Warum soll ich nichts Unrechtes tun ? « murmelte er - » es geht nicht anders . « » Und welches Unrecht tust du zum Beispiel ? « » Zum Beispiel ? ... Ich nehme den Leuten Sachen weg ... « » Was für Sachen ? « » Wie du fragst ? - Was soll ich denn nehmen ? was ich immer genommen habe , Obst - oder Rüben oder Holz ... « Mit steigender Angst , aber noch zweifelnd , schrie die Kleine auf : » Dann bist du ja ein Dieb ! « » Ich bin auch einer . « » Das ist nicht wahr ! sag , daß es nicht wahr ist , daß du nicht schlecht bist ! um Gottes willen , sag es ... « Sie drohte , schmeichelte und geriet in Bestürzung , als er die Entschuldigung vorbrachte : » Wie soll ich nicht schlecht sein ? Die Eltern sind ja auch schlecht gewesen . « » Just deswegen ! « rief sie , » begreifst du ' s nicht ? - Just deswegen bin ich die Bravste im ganzen Kloster und mußt du der Bravste sein im ganzen Dorf ... damit der liebe Gott den Eltern verzeiht , damit ihre Seelen erlöst werden ... Denk an die Seele des Vaters , wo die jetzt ist ... « Eine fliegende Blässe überzog wie ein Hauch ihre rosigen Wangen . » Wir müssen immer beten « , fuhr sie fort , » beten , beten und gute Werke tun und uns bei jedem guten Werke sagen : Für die arme Seele , die im Fegefeuer brennt . « Mit tiefster Durchdrungenheit stimmte Pavel bei : » Ja , die brennt gewiß . « » O Gott im Himmel ! ... und weißt du , was ich glaube ? « flüsterte die Kleine - » wenn wir schlimm sind , da brennt sie noch ärger , weil der liebe Gott sich denkt , das kommt von dem bösen Beispiel , welches diese Kinder bekommen haben von ... « Sie hielt inne , schluckte einigemal nacheinander , ihre Augen öffneten sich weit und starrten den Bruder voll leidenschaftlichen Schmerzes an . Plötzlich faßte sie seinen Kopf mit beiden Händen , drückte ihr Gesicht an das seine und fragte : » Warum stiehlst du ? « » Ach was « , erwiderte er , » laß mich . « Sie umklammerte ihn fester und rief wieder ihr beschwörendes : » Sag ! sag ! « und da er durchaus nicht Rede stehen wollte , begann sie zu raten : » Stiehlst du vielleicht aus Hunger ... Bist du vielleicht manchmal hungrig ? « Er lächelte gelassen : » Ich bin immer hungrig . « » Immer ! « » Ich denk aber nicht immer dran « , suchte er sie zu beruhigen , als sie in Jammer ausbrach über diese Antwort ; doch hörte die Kleine ihn nicht an , sondern rannte , unter heftigen Vorwürfen gegen sich selbst , aus dem Zimmer . Bald erschien sie wieder , gefolgt von einer Laienschwester , die einen reichlich mit Brot und Fleisch besetzten Teller trug . Der wurde auf den Tisch gestellt und Pavel eingeladen , sich ' s schmecken zu lassen . Er machte der Aufforderung Ehre , aß hastig , war aber erstaunlich bald satt . » Ist das dein ganzer Appetit ? « fragte die Klosterdienerin und sah ihn mit jungen hellen Augen freundlich an . » Bist nicht gewohnt ans Essen , hast gleich genug , ich kenn das schon . Woher kommt er denn , wer ist er ? « wandte sie sich an Milada . » Von zu Hause « , antwortete diese , » er ist mein Bruder . « » Nun ja , in Christus , jeder Arme ist unser Bruder in Christus . « » So mein ich ' s nicht , er ist mein wirklicher Bruder ! « beteuerte Milada und wurde böse , als die Schwester sie ermahnte , sich erstens nicht zu ärgern und zweitens nicht einmal im Scherz eine Unwahrheit zu sagen . » Aber ich sag ja keine Unwahrheit , Schwester Philippine ! Fragen Sie die ehrwürdige Mutter , fragen Sie das Fräulein Pförtnerin ! ... « eiferte das Kind . Die Klosterdienerin aber erwiderte gutmütig verweisend : » Seien Sie ruhig , Fräulein Maria , seien Sie nicht schlimm , Sie waren schon so lange nicht mehr schlimm . Nur nicht wieder in den alten Fehler verfallen , sonst müßt ich ' s melden ; Sie wissen recht gut , daß ich ' s melden müßt . « Damit nahm sie rasch den Teller vom Tisch , nickte den Kindern einen munteren Abschiedsgruß zu und ging . » Sie will nicht glauben , daß ich dein Bruder bin « , sprach Pavel nach einer Weile . Milada legte wieder ihre Wange an die seine und flüsterte ihm ins Ohr : » Vielleicht glaubt sie ' s doch . « » Glaubt ' s doch ? ... Warum tut sie dann so ? ... Und warum hast du ihr ' s