es wäre ihr als eine Entweihung erschienen , hätte sie ' s in ein weiches Nest der Liebe verwandelt . Als später der Sturm des Lebens ihre viel jüngere Schwester Afra erfaßt und in die Irrnis der Sünde gewirbelt , wo sie verschollen seit einem sensationellen Skandalprozeß - und als gar die andere Schwester , die arme Magdalena , infolge eines geheimnisvollen , bis heute nicht entschleierten Verbrechens , welches ein namenloser Wüstling an ihr begangen , das Licht der Vernunft verlor : da segnete Brigitta ihren einstigen Entschluß des jungfräulichen Alleinbleibens in hingebender Arbeit für das Wohl anderer und dankte Gott , daß sie den bittersüßen Kelch begehrlicher Mannesliebe nicht getrunken . Das Haus Drillingers , im Garten , draußen in der einsamen Isargegend , war ihr damals wie ein wohlverwahrter Taubenschlag : da konnten keine Geier herein ... Überkam es aber später ihr Herz doch manchmal wie ein Bedauern , dem Werben des Witwers , der wenige Jahre hernach ganz eigentümlich rasch und plötzlich aus dem Leben geschieden , sich so schroff verschlossen zu haben , so brauchte sie sich nur einen gewissen unbeschreiblichen , wie Höllenglut sengenden und verzehrenden Blick ins Gedächtnis zurückzurufen , mit dem Herr v. Drillinger sie einmal in der Dämmerstunde am Krankenbette seiner Frau angesehen . Nein , nein , nein ! An seinem Liebesbegehr haftete zu viel sündhafte Lust und mörderisch Dämonisches ... O , jener verräterische Blick , der wie eine feurige Schlange ihren jungfräulichen Leib umzüngelte , während sein Weib nebenan mit den Schrecken des Todes rang ! Wie viel rätselhaft Unheimliches barg doch auch diese Mannesbrust ... Von ihrer unglücklichen Schwester bekam sie einmal , als die Fittiche der Schwermut und des Wahnsinns sich schon dicht über die Seele gelegt hatten und auch der Baron längst zu seiner Gattin ins Totenreich hinabgesunken war , die düstern Worte zugeraunt : » Trau ' nicht , Brigitta ! Keine , die in seiner Gewalt gewesen , hat je wieder gelacht ; sie meidet die Menschen und wird gemieden ; von ihrem Leben weiß sie nichts mehr und ein ewiger Schmerz zerfrißt ihr Erinnern . « Ohne Vorwurf durfte die Greisin auf ihre Vergangenheit zurückblicken in lückenlosem Denken ; sie hatte wie durch höhere Gnade ihr Einziges und Höchstes , das Glück und den Ruhm ihrer Reinheit , durch alle Anfechtungen des wechselreichen , heimtückischen Lebens bewahrt . Ja , das Leben ist voller Heimtücke , die Welt voll verderblicher Hintergründe .... Als das Drillingersche Haus seines Hauptes beraubt war , führte Brigitta ganz allein mit einem alten Diener die Wirtschaft . Ludwig v. Drillinger hatte nach Vollendung seiner Studien zunächst ein Lehramt an der polytechnischen Hochschule in München übernommen . Zwar ein herzensguter Mensch , war doch ein schweres Auskommen mit ihm , seiner radikalen Gesinnungen und seines jähen Charakters wegen . Er hatte den Lehrstand plötzlich satt , als er mit einem Vorgesetzten in wichtigen Fragen in Zwiespalt geraten war - und lief dem Wehrstande davon , als er eine Disziplinar-Untersuchung gegen sich im Werke sah . Waren das schreckliche Tage voller Aufregung ! Max hatte als Artillerie-Offizier den großen Feldzug zwar mit Glück überstanden , allein seine frühe Außerdienstsetzung hatte ihn verbittert und in allerlei soziale Fährnisse gebracht . Die Ruhe war dahin ... Jetzt weilte ihr Blick auf dem Bilde der Stadt Basel . Dort rauschte der grüne Rhein wie hier die grüne Isar . Da war sie einst mit Helene durch die alten Gassen gewandert . Plötzlich standen sie vor dem prächtigen Portal des altersgrauen Münsters . Sinnend verfolgten sie die Einzelheiten in dem reichen Bildhauerschmuck . Eine beinahe unscheinbare Figur in dem reichen Schnörkelwerk , die sie lange unbeachtet gelassen , hatte schließlich ihre Aufmerksamkeit aufs stärkste gefesselt . Sieh nur , wie merkwürdig , - Brigitta stieß dabei die Freundin an - diese Gestalt : ein üppiges Weib mit schwellendem Busen , stolzem Nacken und schön gebildetem Haupte , aber der Rücken - o wie häßlich ! - mit Schlangen , Nattern und Kröten behangen , mit Beulen und Geschwüren bedeckt . Eine Allegorie , bemerkte Helene . Gewiß , aber was bedeutet sie ? Und Helene nach einigem Besinnen : Ich hab ' davon gelesen - das ist Frau Welt , die mit all ' ihrem Schönheitszauber ihre Häßlichkeit und Krankheit doch nicht zu verbergen vermag . Ein garstig Bild , das gewiß kein Glücklicher erfunden . Uns soll ' s nicht schrecken ... Die kluge , mutige Helene ! Ja , Frau Welt , ein garstig Bild .... Helene sieht und hört schon lange nichts mehr davon ... Langsam erhob sich die greise Träumerin und prüfte vorsichtig ihre Beine , ob sie nach dem langen Sitzen nicht noch schwächer geworden - und bedächtig setzte sie einen Fuß vor den andern und schlich zur Stube hinaus . » Der gnädige Herr ist soeben ausgegangen , « meldete das Mädchen in der Küche , mit blutbefleckten Fingern eine Taube rupfend . » O , der war bös heute , der hat mich ausgezankt ! Ich hätte die arme Taube geschunden , sagte er . Es ist doch nicht meine Schuld , wenn das dumme Vieh mit zwei Stichen durch den Kopf noch nicht hin werden will ? Sie flatterte noch , da hab ' ich ihr den Kragen umgedreht .... « Brigitta winkte der Schwätzerin ab . Wie sehr war ihr heute die blecherne , gemeine Stimme zuwider ! Aber das Klapperwerk Resl ' s ließ sich nicht so leicht stille stellen . » Der gnädige Herr hat vorhin auch noch eine Depesche erhalten . Vielleicht war die nicht nach seinem Geschmack . Überhaupt .... « » Was überhaupt ? « » Überhaupt , ich mein ' nur so , man weiß oft gar nicht , wie man mit den vornehmen Herren daran ist . Die sind so wetterwendisch . Besonders aber der Herr Baron .... « Jetzt unterbrach sie sich , warf die gerupfte Taube auf den Tisch , öffnete mit scharfem Schnitt den