des schmerzhaften Druckes bewußt , den die zusammenstrebenden Zweige auf ihren eingezwängten Körper ausübten . Die Bodennässe drang empfindlich durch die dünnen Zeugstiefelchen , und der Busch wimmelte von Mücken , die ihr das Gesicht und die entblößten Arme blutdürstig umsummten . Mühsam richtete sie sich auf und hob die tief eingesunkenen Füße aus dem Morast , der ihr schwer an den Sohlen kleben blieb . Jetzt brach sie in ein leises , trostloses Jammern aus - der böse Busch wollte sie nicht wieder fortlassen ! Sie sollte dableiben in dem entsetzlichen Moderdunst , den sie durch ihr Eindringen aufgerührt ; gefangen wie ein armer , kleiner Spatz in dem harten , zähen Geschlinge der Zweige , sollte sie warten , bis der Großpapa käme ! Ach , und er kam ja nicht vor zwei Uhr nachts ! Fünf lange Stunden sollte sie sich wehren gegen die Mückenwolke , die ihr immer näher auf den Leib rückte , so oft sie auch danach schlug ! Und Frösche und Kröten gab ' s hier auch genug - Reinhold wollte sogar einmal gesehen haben , daß eine lange , bunte Schlange aus dem Busch gekrochen sei - sie schüttelte sich vor Grauen und fühlte es förmlich lebendig werden um und unter ihren Füßen - alle Kraft zusammennehmend , arbeitete sie sich wie toll durch die unheimliche Wildnis , bis die letzten starkstämmigen Ausläufer rauschend und knackend hinter ihr zusammenschlugen . Es war eine jämmerlich zugerichtete kleine Gestalt , die nach dem Pavillon zurück mehr taumelte als ging . Den Hut hatten ihr schon beim Eindringen die oberen Aeste weggerissen - mochte er hängen bleiben ! Auch das total zerfetzte Kleid wurde nicht beachtet ; nur die in eine Schlammkruste gehüllten Füße , die bei jedem Schritt über die breite , weiße Sandsteinstufe vor der Hausthüre pechschwarze Abdrücke hinterließen , waren ein erschreckender Anblick . Am Himmel trat ein funkelnder Stern nach dem anderen hervor - die in die Thürecke gedrückte Kleine bemerkte es nicht . Wenn sie die schweren Lider hob , dann sah sie nur , daß das Dunkel drunten den letzten schwachen Schimmer des Teichspiegels verschlang - die Rasenplätze lagen schwarz unter den Bäumen , allerhand vorbeischwirrendes Nachtgesindel machte sich bemerklich , Käuzchen schrieen , und vom Dachboden des Pavillons kamen die räuberischen Fledermäuse . Wie im Traume hörte sie vereinzeltes Hundegebell vom Dorfe her , und die Turmuhr hatte wieder zwei Viertelstunden angezeigt ... Noch viele , viele solcher Viertelstunden mußten von dort oben herunterrasseln , bis es zwei Uhr war - ach , wie schrecklich ! - Die Nässe an den Füßen jagte ihr ein Frösteln nach dem anderen über den Leib und die an die harte Thürbekleidung gelehnte Stirn glühte und schmerzte heftig ... Ach , nur einmal , nur für ein paar Minuten den schweren Kopf in ein weiches Kissen drücken und einen Schluck Wasser aus dem kühlen Hofbrunnen zu Hause trinken dürfen - das mußte wohlthun ! Tante Sophie goß immer ein wenig Himbeersaft in das Glas , wenn man über Kopfweh klagte , und für solche Mückenstiche , wie sie jetzt auf den Armen und Wangen brannten , hatte sie eine lindernde Salbe - ach ja , es war gut sein bei Tante Sophie ! Ein unbezähmbares Sehnsuchtsgefühl nach der treuen Pflegerin wallte plötzlich in der Kleinen auf . Sie schloß die Augen wieder und träumte sich in die Schlafstube daheim . Die Fenster gingen auf den stillen Hof , und das Brunnenplätschern klang leise und ununterbrochen herein - es war von jeher das einlullende Wiegenlied der beiden Kinder gewesen . Sie lag im weißen , weichen Bett , und Tante Sophie kühlte ihr das brennende Gesicht und die zerstochenen Arme , bis sie einschlief ... Ja , schlafen , heimgehen und schlafen - das war ' s ! Das war ' s , was sie mit einem Ruck emportrieb und durch den Garten und über den Hof hinaus auf den Feldweg taumeln machte ! Sie hörte nicht mehr , daß die Uhr schlug , als sie das Hofthor verließ - das ängstliche Zählen der Viertelstunden war vorüber ; sie dachte auch nicht an die Wegstrecke , die vor ihr lag , sie sah nur das Ziel , die weite , kühle Schlafstube , in der sie den glühenden Körper mit seinen pochenden Pulsen ausstrecken durfte , sie hörte Tante Sophiens gute Stimme und sah die Hände , die sie auf den Schoß heben und ihre schwere , nasse Last von den Füßen streifen würden - was dann kam , anderen Tages , daran dachte sie auch nicht mehr ... Und die steifen Beinchen wurden gelenker mit der Bewegung . In immer wilderem Lauf ging es hinter dem schweigenden Dorfe weg . Dann trat das Wäldchen hervor - eine dunkle Masse , die nicht ahnen ließ , daß sie aus Millionen säuselnder Blätter und Blättchen zusammengewoben sei . Vorbei ging es auch hier in achtloser Hast , und nur einmal prallte die kleine Laufende seitwärts - weißes Gewand schwebte durch das Dickicht . Ach , es waren ja die Birken mit ihren hellen Stämmen , sie standen nur nicht fest , sie waren so sonderbar wackelig , und der kleine Stern , der gleich darauf drüben über dem Thale auftauchte - das Licht in der hochgelegenen Türmerstube des Wachtturmes , welcher die Stadt beherrschte - er schwankte auch , als ob der alte Bursche , der vierschrötige Turm , zu tanzen anfange . Doch diese befremdende Erscheinung ging schnell wieder unter in dem einen vorwärts hetzenden Trieb : Weiter ! Heim zu Tante Sophie ! Und im wispernden Kornfeld hörte sie Reinhold weinen , weil ihm » die wilde Grete « seinen Turm umgeworfen habe , und Bärbe murmelte in einem fort von der Frau mit den Karfunkelsteinen im Haar und von dem wackelnden Vorhang in der verschlossenen Stube , und die roten Klatschrosen , die das Kind heute wie Fackeln im Korn glühen gesehen , sie machten die enge dunkle Gasse heiß zum