die Art , in der sie es sagte , war ihm ein Greuel . Er wiederholte seine Frage , und die Gräfin antwortete , indem sie bedauernd die Achseln zuckte : Verwundet , vielleicht schwer ... - Vielleicht tot ! warf der Graf heftig ein , und ich erbebte bis ins Innerste . Andächtig - dafür stehe ich Ihnen gut - habe ich an dem Abend das Vaterunser gebetet , das Graf Stephan sich ausbedungen . Die Gräfin berichtete alles , was sie wußte . Es war nicht viel , sie hatte es durch einen ihrer Söhne erfahren , der Mittel gefunden , ihr Nachricht zukommen zu lassen . In der Nähe von Regensburg , bei dem heldenmütigen Angriff der Stipsiczhusaren auf die Kavalleriedivisionen St. Sulpice und Nansouty , hatte man den jungen Rittmeister an der Spitze seiner Schwadron , von mehreren Karabinerkugeln zugleich getroffen , vom Pferde stürzen sehen . Tot also oder gefangen , sprach der Graf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße ; Doktor , Doktor , wann machen Sie mich endlich gesund ? ! Die Gräfin meinte , man würde auch ohne ihn mit den Franzosen fertigwerden , und ließ sich in das Schloß führen , um vor der Tafel ein wenig auszuruhen . Beim Diner erschien sie umgekleidet , parfümiert , in einer hellgrauen Toilette von entzückender und sehr kostbarer Einfachheit . Sobald sie am Tische Platz genommen hatte , war sie die Herrin des Hauses , der Graf schien nur noch ihr Gast zu sein ; sie führte ein sehr lebhaftes Gespräch und unterhielt uns , und zugleich auch sich selbst , auf das beste . Nach dem Speisen spielte sie mit Anka Domino , ließ die Kleine gewinnen und bezahlte den Verlust der Partie mit einem blanken Dukaten , den sie durch ihren Kammerdiener herbeibringen ließ . Dann schickte sie ihr Enkelchen schlafen , erklärte zu wissen , daß die Abende bei uns mit Lesen zugebracht würden , und rief : Zur Lektüre denn ! Hocherfreut rieb der Doktor sich die Hände : Schön ! schön ! und zu welcher befehlen Eure Erlaucht ? Zu welcher ? Ja , dafür wußte Ihre Erlaucht Rat . Sie besaß ein nicht mehr ganz neues , gewiß jedoch sehr schönes Buch und hatte es hierher mitgenommen . Oh , Liebe , wandte die Gräfin sich zu mir , es liegt irgendwo in meinem Zimmer ... auf dem Tisch oder auf der Toilette ... gehen Sie es holen , Liebe ... Ich war rasch aufgestanden , zugleich mit mir aber auch der Graf : Bleiben Sie , Fräulein ! befahl er , ich will das Buch holen ... - Oder - ich , fand der Doktor für gut zu sagen und machte Miene , sich zu erheben . Zu spät ; der Graf hatte das Zimmer schon verlassen . Die Gräfin stieß ein leises , langgedehntes Ah ! hervor und sah mich heiter lächelnd und diesmal nicht ohne Wohlwollen an . Doch war es ein sonderbares Wohlwollen , eines , das nichts mit Herzlichkeit zu tun hat , sondern aus übermütiger Laune , aus munterem Belustigtsein entspringt ; ein Wohlwollen war ' s , das nicht wohltut . Ich errötete und wußte eigentlich nicht warum . Der Graf kam zurück . Er legte vier kleine Bände vor seine Schwiegermutter hin . Sind das die rechten ? Ich kann es nicht glauben - französische Bücher , wir werden doch nicht französische Bücher lesen , Mama ? Französische ? wiederholte der Doktor entrüstet , und die Gräfin lachte . Geniert Sie das ? Haben Sie am Ende gar Ihr Französisch vergessen ? sprach sie , worauf der Alte mit unbeschreiblicher Geringschätzung entgegnete : Wär unmöglich , Erlaucht , sintemal ich nie ein Wort davon gewußt habe . Er erhielt den Rat , nur recht gut zuzuhören ; mit Hilfe des Lateinischen , das er als Arzt doch kennen müsse , werde er heute etwas , morgen mehr und übermorgen alles verstehen . Da rief der Graf , der inzwischen in einem der Bücher geblättert hatte : Ich finde nichts als Betrachtungen und Predigten . Die Geschichte scheint mir langweilig . Erlassen Sie uns diese Prüfung , Mama . Langweilig ! - Das eine Wort kühlte den Leseeifer der Gräfin plötzlich ab . Sie war auf einmal zu nichts mehr so gut aufgelegt wie zu einer Partie Pikett mit ihrem Schwiegersohne . Ich aber kam bei dieser Gelegenheit zu dem ersten französischen Roman , den ich je mit Augen geschaut . Die Gräfin übergab mir ihn zur Durchsicht , und noch am selben Abend machte ich die Bekanntschaft der Delphine von Madame de Staël . Lesen Sie das Buch heute , und vieles darin wird Ihnen sentimental und veraltet erscheinen . Das immerwährende Niedertauchen in die eigene Seele , das Belauschen der eigenen Empfindungen , in dem besonders die Heldin sich gefällt , wird Sie ermüden , und dennoch , ich wette ! aus der Hand legen Sie den Roman nicht gern . Die Menschen , mit denen er Sie vertraut macht , sind doch gar zu interessant . Diese Delphine ist gar zu herrlich in dem Glänze ihres weltumfassenden Geistes , gar zu rührend in der Naivität ihrer großartigen Wahrhaftigkeit . So wirkt das Buch heute noch ; ermessen Sie , wie es auf ein neunzehnjähriges Mädchen wirken mußte , das zu einer Zeit damit bekannt wurde , in der die Sitten , die es schildert , noch nicht antiquiert waren und das Wort romantisch bei weitem nicht für einen Tadel galt . Delphine ist die schöne junge Witwe eines Greises , der sie nur geheiratet hat , um ihr sein Vermögen hinterlassen zu können . Sie hat durch ihre Großmut die Verbindung ihrer Kusine mit einem Manne ermöglicht , den weder die ihm bestimmte Braut noch Delphine bisher gesehen haben . Die letztere hört viel von ihm , sieht sein Porträt , ihre Phantasie ist von ihm erfüllt , sein bester Freund sagt ihr : Sie sind für