nicht das erstemal , daß er sich an mich hält , wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden . Damals lachte ich ebenfalls ; heute sehe ich sehr ernsthaft aus , wenn Leute Vertrauen in mich setzen , Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben . Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt , um das Ding jetzt noch bequem , leicht und vergnüglich nehmen zu können - ach , armer Vetter Just , und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen , guten , großen Lebensweg ! Mein bester Trost ist da heute , daß dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre , wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können ! Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach , von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder , ferne und nahe Hügel und Berge , eine Aussicht , so gut sie eben ein Blick , dem Lande Westfalen zu , liefern mag . Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letztenmal geweißt worden . Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu . Urväterhausrat ist der Ofen , der Tisch und die zwei Stühle . Urväterhausrat ist der Schrank , der des Großvaters Bücherei enthält . Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein , in welcher der Vetter , ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit , auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett . » Er ist ein Monster in allem , was er tut und läßt ! « stöhnt Jule Grote jedesmal , wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert . Der Vetter , der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat , befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums . Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen , dann wendet er mir ein von verschämtem , aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust : » So ! Nun laß sie kommen ! ... Willst du eine Zigarre , Fritz ? « Ich weiß , obgleich ich selber nichts weiter als ein » dummer Junge « bin , womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann wie niemand sonst in der Welt . Und die Luft in diesen engen vier Wänden muß von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein : Dschinnistan ist für uns beide da ; die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens , aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen sind , ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt , ich sitze auf dem Bette des Vetters , und er hält mir das brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges : » Langreuter , ich habe ihn heraus ! « Es ist ein süßes Blatt , das ich da verqualme ; aber ins Husten gerate ich doch darüber , und zwischen dem Husten frage ich : » Wen hast du heraus , Just ? « Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem Hinterkopf an die Wand . » Den Magister matheseos ! ... Es ist , weiß Gott , richtig ! Das Quadrat der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck ! « Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig ; aber so betäubt haben mich der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht , daß ich nicht mit Herz und Seele , mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte . » Das ist famos ! Das ist brillant ! Just , das ist großartig ! ... Und ganz allein aus dir selber ; - das ist riesig - « » Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen . Jetzt brauchst du nur noch zu brüllen : Das ist borstig ! Das ist haarig ! - und wir können wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen , Fritz ! « Es kommt einem gewöhnlich erst , lange nachdem man alle seine Examina hinter sich hat , wie schwer es ist , mit den wirklichen großen Herren aus Dschinnistan umzugehen , und - den meisten kommt es gar nicht . Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache . Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein , was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstjerna steckt , nicht der wenige Verstand in ihm - nach seinem eigenen Wort - , der dazu gehört , um die Welt militärisch und civiliter zu verwalten . » Du hast recht , Vetter « , sage ich kleinlaut zurück ; » vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen . Na , alter Kerl , gib mir die Hand . Daß ich mich riesenhaft freue , wenn es dir gut geht , weißt du ja . Und daß du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen miteinander , das weiß ich . Und jetzt komm hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier Von Lehrsatz gleichfalls . Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat , das wissen die Götter . Und frage nur Ewald . Mathematik ist seine Force , aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen , die er sich darüber ausgerauft hat , und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest : er