schon um vier Uhr zum Gebete zusammenzukommen , der Rabbi befehle es und werde morgen selbst den Grund offenbaren . Seufzend erhoben sich schon in der dunklen , kalten Frühe die Familienhäupter aus ihren warmen Betten und schlichen zur » Schul ' « . Aber das Gotteshaus war verschlossen und nun warteten sie zähneklappernd auf Mendele und den Rabbi . Inzwischen waren auch diese beiden geweckt worden . Der Rabbi hörte an seinem Fenster die wohlbekannten drei Schläge , und als er sich aufrichtete und erschreckt rief : » Mendele , was ist geschehen ? « erwiderte dieser : » Auf , Rabbi , in der Schul ' steckt ein böser Geist und poltert . Es stehen schon eine Menge Leut ' draußen , aber ohne Euch trauen sie sich nicht hinein ! « » Gott ! Gott ! « rief der alte Mann entsetzt , » es ist gewiß Berisch , der Schenker , der keine Ruh ' im Grabe hat , weil er so viel Wasser in den Schnaps gegossen hat ! « Und er fuhr hastig in seine Kleider . Gleich darauf klopfte es an Mendeles Fenster : » Ich bin ' s « , rief eine kreischende Frauenstimme , » Mirl , die Köchin des Rabbi ! Ihr sollt sogleich mit den Schlüsseln zur Schul ' kommen . Drinnen hört man einen bösen Geist , die halbe Gemeinde steht schon draußen ! « » Gottes Schutz über Israel « , stöhnte das Männchen erschreckt und stürzte halbbekleidet zur Schul ' . » Hört ihr ' s schon lang ? « rief er den Männern entgegen . » Was ? « » Den bösen Geist , der drinnen ist ? « » Bist du verrückt - man hört ja nichts ! « » Aber der Rabbi hat es mir sagen lassen . « Im selben Augenblick kam auch dieser herangekeucht . » Leut ' ! « rief er , » es ist Berisch , der Schenker ! « » Der ist ja begraben ! « » Eben darum ! Ein Lebendiger kann nicht als Geist des Nachts in der Schul ' poltern . « » Aber es poltert ja nichts , Rabbi ! « » Wie ? Mendele hat mich doch geweckt ! « » Rabbi ! Ihr habt mich ja wecken lassen , durch Eure Köchin ! « » Was ? ... Was ? ... Du warst ja bei mir ! « » Aber Mendele , warum hast du uns gestern abend herbestellt ? « » Ich euch ? - Verrückt seid ihr ! « » Verrückt bist du , du warst ja bei uns allen ! « » Ich ? « Dem armen Mendele begann es im Hirn zu wirbeln und nicht minder dem Rabbi und den Leuten . So schrieen , riefen , klagten , schimpften sie wirr durcheinander , in dichtem Knäuel schoben sie sich hin und her , die tiefe Dunkelheit mehrte den Wirrwarr - es war eine unbeschreibliche Szene . » Ein böser Geist « , rief plötzlich einer mit durchdringender Stimme , » das kann nur ein Geist angestiftet haben . « » Ein Geist « , wiederholten die anderen und schoben sich noch enger zusammen . » Horch ! da klopft es ja wirklich in der Schul ' . « In der großen Aufregung hörten sie in der Tat , was nicht zu hören war . Da faßte sich endlich einer und rief : » Hört mich , ihr Leute ! Ein böser Geist hat es angestiftet und aus vernünftigen Leuten Verrückte gemacht . Aber vor dem braucht ihr euch nicht zu fürchten . « Es war Hirsch Brandes , der Uhrmacher . » Umsonst ist mein Sender gestern abend nicht so spät nach Hause gekommen ! « fügte er bei . » Der Pojaz ! « riefen alle - es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen . » Erschlagen soll man ihn - kommt - kommt - lebendig kommt er uns nicht aus den Händen ! « Aber da rief Hirsch Brandes : » Laßt das mir , ihr Leut ' , er soll sein Teil bekommen , und dann hinaus mit ihm - aus meinem Haus und aus der Stadt ! « So geschah ' s. Als Sender um die Mittagsstunde desselben Tages Buczacz verließ , da nahm er nicht bloß im Herzen , sondern auch in anderen Körperteilen lebhafte Erinnerungen mit an die Stadt seiner Jugend . Fünftes Kapitel Die Mutter empfing ihn schlecht , sehr schlecht . Wohl hörte sie ihn ruhig an , ohne Schimpf und Schlag , aber Prügel wären dem Jungen lieber gewesen . Frau Rosel tat , als wäre er nicht zu Hause , sie würdigte ihn keines Worts und Blicks , sie klagte nicht , nur Nachts hörte er sie in ihrer Kammer stöhnen . Und weil er ja guten , weichen Herzens war , so wirkte gerade dieser stumme Schmerz tiefer auf ihn als jede laute Züchtigung . Eines Morgens warf er sich ihr weinend zu Füßen . » Tritt mich , schlag ' mich « , schluchzte er , » aber dann sag ' , was ich nach deinem Willen tun soll ! « Die Frau schüttelte finster den Kopf . » Es kommt ja doch alles , wie es kommen muß ! « » Was meinst du , Mutter ? « » Später - morgen - ich werde nachdenken ! « Das Geheimnis seiner Geburt war ihr fast auf die Lippen getreten , sie drängte es zurück . Am nächsten Morgen hatten Mutter und Sohn eine lange Unterredung . Rosel drang in den Zerknirschten , ihr zu sagen , welchen Beruf er selber wünsche . » Was du willst , Mutter « , war seine Antwort . Aber als sie nicht abließ , meinte er zögernd : » Am liebsten schau ich mir so die Leut ' an und mach ' ihnen dann nach , oder denk ' mir , was sie tun würden , wenn