- - « » Und vor diesen Martin Luthers ! « » Gewiß . Vor allen Luthers ! « » Ich fürchte , Hochwürden nicht mehr zu verstehen . « » Und ist doch so verständlich . Jede Zone kann einen Helden zeugen , aber in jeder Zone wird der Held verschieden wirken . In keinem anderen deutschen Gau würde eine kirchliche Neuerung so rasch Wurzel schlagen und sich so behaglich haben ausbreiten können wie in diesem . « » Hochwürden scheinen das zu beklagen . « » Sie irren , Herr Prediger . Ich bin Lutheraner . Ich kann und will nichts anderes sein ; ebensowenig wie ich als Preuße wieder ein Reichsdeutscher - und damit meine ich das Reich vor seinem kläglichsten Verfall , das heißt vor der Reformation und lange bevor es einen preußischen Staat gegeben hat - werden könnte . Aber eben weil ich nichts anderes sein kann , will ich das , was ich bin , ganz sein und werde mich bäumen bis zum Äußersten , ehe ich mir und den Meinen Luthers Heldentat verpfuschen lasse . « » Ich nenne es sie vollenden , Hochwürden , so wie der Meister selbst sie vollendet haben würde , wenn - - « » Er , er ? « rief der Propst mit durchbrechender Leidenschaft . » Er , welcher der Satansversuchung so urkräftig widerstand , daß er lieber dem stärksten Puff , den er dem Papsttum versetzen konnte , - seine eigenen Worte ! - entsagte , als daß er das Sakrament vom Fleisch und Blut in ein Abendmahl von Brot und Wein verhunzen ließ . « » Mehr als zehn Menschengeschlechter sind seit diesen Erstlingskämpfen für eine erneuerte Norm abgestorben , « entgegnete , nunmehr gleichfalls warm werdend , Konstantin Blümel . » Sollen der Wahn und die Wut des sechzehnten Jahrhunderts nicht in dem weiten Grabe des siebenzehnten verschüttet worden sein ? Sollen sie heute , im neunzehnten , zu einem Scheinleben wieder aufgerüttelt werden ? « » Und was hat diesen Wahn und diese Wut , wie Sie es nennen , Herr Prediger , in den Menschengeistern abgelöst ? Goldmacher , Forscher nach dem Stein der Weisen ; Betrüger und Betrogene auf den Thronen und zu Füßen derselben ; der nüchternste Vernunftsdienst , ein künstlich aufgewärmtes Heidentum , Atheisten und Sanskülotten auch unter uns ; dünkt Ihnen deren brütendes Wühlen menschenwürdiger als jener Leben und Sterben für ein untrügliches Wort , für eine ewige Idee ? « » Die ewige Idee beharrt , Hochwürden , aber die Ideen , die sie gebiert , wechseln und wandeln in den Menschenseelen . Auch wir haben zu leben und zu sterben gewußt für eine Idee , und unsere Kinder und Enkel werden es für die ihre wieder wissen . Sie haben , verehrter Herr , noch eben sich mit Wärme auf den jungen Staat berufen , den Sie und ich mit gleicher Liebe unser Vaterland nennen . Nun wohl , dieser Staat hat jüngst einen Zuwachs von Millionen römisch-katholischer Christen erhalten : sollte das nicht eine Mahnung sein für alle protestantischen Gruppen , das , was sie trennt , zu vergessen , um als geschlossene Phalanx unseren Widersachern gegenüberzustehen ? « » Als lose , wehrlose Banden , wollen Sie sagen , Herr Prediger , gegenüber einer Armee in Reih und Glied ! Wird diese unselige Neuerung vollendete Tatsache , so gibt es in einem halben Jahrhundert nur noch griechische oderrömische Christen und deutsche Heiden . Jede Kirche heischt für ihren Bestand ein unumstößliches Dogma . Wir haben die Tradition , die Glorie der Heiligen , das Erbteil Sankt Peters , den Mariadienst , das Meßopfer und noch vier der Sakramente über Bord geworfen , verschleudern wir auch noch die Lehre von der Ubiquität , das heißt den Wortlaut der Schrift - - « » Wir verschleudern sie nicht , Hochwürden - - « » Ihr verwässert sie nur . Das Phlegma setzt sich zu Boden , was von der Essenz sich nicht verflüchtigt hat , sammelt sich in einer spiritualistisch stark anziehenden Zone . Mit anderen Worten : die Böcke scheiden aus in das freigeistige Lager , die Schafe in die römische Herde . Halten wir aber zusammen wie ein Mann , Ihr zumal in dieser neuerworbenen Provinz , deren Stimmung geschont werden muß , und die so ungemischt wie keine zweite der lutherischen Lehre angehört , so wird man die heillose Zumutung fallen lassen , und das undeutbare Gotteswort wird der Wall bleiben , an welchem die stolzen , römischen Wellen , so hoch ich sie vorahnend steigen sehe , sich brechen werden . « Es war dem Pfarrer von Werben eine neue Erfahrung , solch einem eiferartigen Kämpen auf religiösem Gebiete Widerpart zu halten . Auf dem bewegten Schauplatz seiner Jugendjahre tummelten sich die Geister in einer anderen Richtung , und in seinem späteren Stilleben war es die Sitte mehr als der Glaube , die ihn zu reinigender Fehde herausforderte . Aber in diesem Widerstande lag ein Reiz , welcher die Schüchternheit überwand . Seine Blicke hafteten leuchtend an den beiden Kreuzen , welche für ihn , so gut wie für seinen Gegner , die Regulatoren des Lebens und Wirkens waren , und ein warmer Strom entquoll der bewegten Seele . Er schilderte sein Traumbild einer auf dem evangelischen Urgrund geeinigten und gereinigten Kirche als einer Anstalt menschlicher Liebe zur Verkündung der göttlichen , als der idealsten Macht für das unter den harten Forderungen der Materie sich abringende Menschengeschlecht , als der höchsten Instanz für alle dunklen , strittigen Lebensfragen . » Dieser hehre Tempelbau , « so schloß er seine Rede , » er leuchtet mir vor wie den Wüstenpilgern das Gelobte Land . Mit Augen schauen werde ich ihn nicht . Aber schon das ist hohe Freude , zwischen Unglauben und Aberglauben , zwischen Willkür und Knechtung ein Sandkorn zu seinem Untergrunde beizutragen . Und das meine ich zu tun , indem ich unbeirrt in die Fußspuren eines ersten Schrittes versöhnender