und hob matt die Rechte nach der Stirne . » Es ist finster in mir gewesen - ich weiß es ... Welches Jahr schreiben wir ? « » Das Jahr 1861 , « entgegnete der Arzt . » Ach , da mag manches dadrin verfallen und wertlos geworden sein ! « klagte sie , während er den Deckel zurückschlug . Auf den Wunsch der Kranken überzählte er die Papiere , die den Kasten bis an den Rand füllten . » Neuntausend Thaler , « berichtete er . » Neuntausend Thaler ! « wiederholte meine Großmutter befriedigt . » Sie genügen , um die Not abzuwehren ... Es muß auch noch eine kleine Schachtel in dem Kasten liegen . « Ich sah , wie Ilse den Kopf schüttelte über diese plötzliche Geistesklarheit , die so leicht da anknüpfte , wo vor vielen Jahren der glatte Faden des ungetrübten Denkens abgerissen war . Der Arzt nahm eine unscheinbare Holzschachtel aus dem Kasten - sie enthielt eine Perlenschnur . » Der letzte Rest der Jakobsohnschen Herrlichkeit ! « flüsterte die Kranke wehmütig vor sich hin . » Ilse , lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort ! ... Sie gehört zu deinem Gesicht , mein Kind ! « sagte sie zu mir , während ich leise in mich zusammenschauerte unter der kühlen , schmeichelnden Berührung . » Du hast die Augen deiner Mutter , aber die Jakobsohnschen Züge ... Das Band hat viel Familienglück und schöne friedliche Zeiten voll Glanz gesehen ; aber es ist auch mitgeflüchtet vor dem Scheiterhaufen und anderen grausamen Martern der christlichen Unduldsamkeit ! « Sie rang nach Atem . » Nun will ich unterschreiben ! « stieß sie nach einer Pause der Erschöpfung sichtlich beängstigt hervor . Der Doktor legte das Papier auf die Bettdecke und drückte die Feder in die steife Hand ... Sie war unsäglich mühselig , diese letzte irdische Handlung ; aber der Name , Klothilde von Sassen , geborene Jakobsohn , stand schließlich doch in ziemlich festen großen Zügen unter dem Dokument , das auch der Arzt als Zeuge mittels einiger Worte unterschrieb . » Weine nicht , mein Täubchen ! « tröstete sie mich . » Komme noch einmal her zu mir ! « Ich warf mich sprachlos am Bett nieder und küßte ihre Hand . Sie trug mir Grüße an meinen Vater auf und richtete ihre großen verschleierten Augen von meinem Gesichte hinweg fest und sprechend auf Ilse . » Das Kind darf nicht verkommen in der einsamen Heide ! « sagte sie bedeutsam . » Nein , gnädige Frau , dafür lassen Sie mich sorgen ! « versetzte die Angeredete in ihrer gewohnten knappen Kürze , obgleich ihr die Lippen schmerzlich zuckten und helle Thränen an ihren Wimpern hingen . Noch einmal glitt die kalte matte Hand liebkosend über mein Kinn , dann schob mich meine Großmutter sanft , aber doch in jener ängstlichen Hast , die mit jeder Sekunde geizt , von sich und sah starr nach einem der Fenster mit einem so seltsam ausdrucksvollen Blick , als wolle die Seele bereits mit ihm hinausfliegen in das All . » Christine , ich verzeihe ! « rief sie zweimal angestrengt in die Lüfte , in die weite Ferne hinaus ... Sie war fertig , gerüstet . Sichtlich beruhigt rückte sie den Kopf in die Kissen zurecht , wandte den Blick nach oben und begann feierlich inbrünstig , wenn auch mit erlöschender Stimme : » Höre , Israel , unser Herr , unser Gott ist ein Einziger und Einiger ! ... Gepriesen sei der Name seiner Herrlichkeit - « die Stimme erstarb in einem geflüsterten Hauch ; sie neigte sanft und langsam das Haupt seitwärts . » In Ewigkeit , Amen ! « vollendete der Arzt an Stelle des Mundes , der für immer verstummt war . Er drückte ihr mit sanfter Hand die Lider über die Augen . 7 Ich ging hinaus . Das erste tiefe Weh war über mich gekommen . Wie versteinert stand ich vor jenem unerbittlichen » Vorbei-für-immer « , das uns angesichts des ausgelöschten Lebens so völlig unglaublich erscheint . Mit der ganzen enthusiastischen Zärtlichkeit , die so leicht aus dem jugendlichen übervollen Gemüt hervorquillt , hatte ich mich an die neugeschenkte Großmutter gehangen . Ich durfte das unaussprechlich süße Gefühl kosten , welches mir sagte , die Hingebung meines kleinen Herzens werde heiß gewünscht - und nun marterte mich der Gedanke , daß ich nicht genug gegeben , daß ich meiner Großmutter bei weitem nicht überzeugend genug ausgesprochen habe , wie sehr ich sie lieben wolle . Es war mir Bedürfnis gewesen , ihr zu versichern , daß ich sie auf den Händen tragen werde , wenn sie erst wieder gesund sei - statt dessen hatte ich sorglos die ganze kostbare Zeit verstreichen lassen und kindischerweise von meiner Liebe für die ganze Welt gesprochen ... Das hatte sie gewiß am wenigsten hören wollen , sie , der man draußen in der Welt so furchtbar wehe gethan ... Und nun war sie gestorben , und ich konnte ihr dies alles nicht mehr sagen ... Zu spät ! Unsere ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit liegt in dem niederschmetternden Wort ! Ich trat durch die Baumhofthür ins Freie . Ein kräftiger Luftstrom , noch mit den Spuren der Nachtfeuchte im Atem , strich über die Heide her . Er blies dem Torfsumpf die große federweiße Schlafhaube ab und verdünnte sie zum zarten Spitzenvorhang , hinter welchem das Sonnenfeuer aufzuglühen begann . Rotgolden färbten sich die rauschenden Eichenwipfel , und das kleine Giebelfenster des Dierkhofes fing an zu blinken . Wie trunken schwankten die Grashalme unter dem funkelnden Tau ; aber aufgerichtet hatten sich alle wieder , über die meine Großmutter heute nacht zum letztenmal hingeschritten war . Die Fenster des Sterbezimmers , die ich nie anders als halbverhüllt gekannt hatte , standen weit offen . Ich schwang mich auf die Brüstung und sah hinein . Das Zimmer war leer . Die Vorhänge , jetzt im schräg einfallenden