Kraft zu erproben - ich blieb fünf Jahre lang ein Gefangener . Wohl war während dieser Zeit , die ich nach dem Schlag des Herzens und dem Fall der Tropfen maß , die von der feuchten Decke des Kerkers sickerten , mein Glaube an die vermeintliche Göttlichkeit der Weltordnung arg erschüttert worden - aber , ich sagte Dir , meine Lebenskraft war groß und mein Wille zum Leben übermächtig . Ich hatte in den stillen öden Nächten , wo ich mich ruhelos auf meinem harten Lager wälzte , wohl das große Wort , das uns erlöst , vernommen , aber ich hatte es nur halb und nicht einmal halb verstanden . Ich hatte es in der langen Lehrzeit eben erst zu buchstabiren begonnen ; das Leben sollte mich noch in seine harte Schule nehmen , bevor ich es fließend lesen lernte . Ich war kaum aus meiner Haft entlassen , als ich - Du kannst Dir denken , mit welchen Gefühlen - hierher nach Fichtenau eilte . Ich hatte im Anfange meiner Gefangenschaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten , in welchem sie mich zur Standhaftigkeit , zum Ausharren beschwor , bei demselben Gott , zu dem sie allstündlich ihre Gebete um meine Freiheit sende . Diese Briefe waren seltener geworden , bis sie nach zwei Jahren ungefähr ganz ausblieben . Das war mir das Schmerzlichste ; aber ich glaubte stets , daß nur die Grausamkeit meiner Kerkermeister mir diese Labetropfen versage , und biß die Zähne zusammen und fluchte meinen Peinigern . Ich hatte den Leuten Unrecht gethan . Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau . Ich fuhr direct nach dem wohlbekannten Hause , ich sprang aus dem Wagen , ich riß an der Klingel . Da öffnete sich oben ein Fenster , ein altes Weib schaute heraus und fragte nach meinem Begehr . Ich fragte nach dem Rector . Der ist seit drei Jahren todt , war die mürrische Antwort . Und wo ist seine Tochter ? Da müssen Sie den vornehmen Herrn fragen , der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen ist ; sagte das Weib und warf das Fenster zu . Ich stand wie vom Donner gerührt . Dann lachte ich laut auf , aber ich verstummte plötzlich vor einem stechenden Schmerz in meinem Herzen , denn , Oswald - ich hatte Eleonore geliebt . Wie ich in den Gasthof gekommen bin , weiß ich nicht . In der Nacht schreckte ich die guten Leute durch wildes Gelächter und wahnsinniges Toben aus dem Schlaf - sie brachen in meine verschlossene Stube - ich lag im Delirium . Die Kerkerluft hatte an meinen Nerven gezehrt und der fürchterliche Schlag , der mich so unvorbereitet getroffen , das morsche Gebäude ganz erschüttert . Ich rang vier Wochen lang mit dem Tode , aber ich klammerte mich zu fest an das Leben und der Tod ließ seine Beute fahren . Wohl mir ! der Tod wäre nicht der rechte Tod gewesen ; er hätte mich dem Leben wieder ausgeliefert . Wenn ich jetzt sterbe , so sterbe ich für immer . Ein Schauer durchrieselte Oswald . Was bedeuteten diese mystischen Worte : für immer sterben ? enthielten sie das große Geheimniß , von dem ihn jetzt noch ein dichter Vorhang trennte ? Meine Reconvalescenz , fuhr Berger fort , dauerte lange , denn meine Kräfte waren bis auf ' s äußerste erschöpft worden . Ich schlich an einem Stabe durch die Gassen des Städtchens , und freute mich , wenn ich jeden Tag ein paar Fuß höher bergan steigen konnte , bis ich es endlich so weit gebracht hatte , daß ich diesen Platz hier erreichte - den Zeugen eines Schwures , der , wie ich erwähnte , für die Ewigkeit geschworen war , und der verweht war , wie der Hauch des Mundes . Hierher kam ich jeden Tag , um über mein verlornes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu hadern , der seine Sonne scheinen läßt über die Ungerechten , und auf Gerechte seine Blitze schleudert . Denn ich war , wie Lear , ein Mann , an dem mehr gesündigt war , als er sündigte . Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem , was ich erstrebt und gewollt im Leben . Ich hatte mein Vaterland geliebt , wie ein Kind die Eltern liebt , mit gläubiger Seele - und zum Dank dafür hatte es mich fünf Jahre im Kerker schmachten lassen ; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem Blutstropfen meines Herzens - und zum Lohn dafür hatte sie mich verrathen . Ich hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt , daß ich hintreten konnte vor alle Welt und sprechen : wer kann mich einer Sünde zeihen - und doch ! und doch ! Ich marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lösung dieser Widersprüche ab . Ich hatte noch immer nicht begriffen , daß das Leben selbst die große Sünde ist , aus der alle andern mit derselben Nothwendigkeit fließen , mit welcher der Stein , der einmal in Bewegung gesetzt ist , unaufhaltsam in den Abgrund rollt . Aber so viel wurde mir doch klar , daß es kein Gott der Liebe sein kann , der eine Welt erschuf und schafft , in welcher die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden , eine Welt , die überall nach dem jesuitischen Grundsatz regiert wird , daß der Zweck die scheußlichsten Mittel heiligt . Ich hatte bis jetzt an den Dingen und Menschen nur überall die gute Seite aufgesucht , jetzt hatte das Leid , das mich selbst betroffen , mein Auge aufgethan für die Leiden aller Creaturen . Ich dachte jetzt daran , daß auf jedem Blatte der Geschichte eine Schauderthat verzeichnet steht , vor der sich unser Haar sträubt und unser Blut gerinnt ; ich dachte daran , daß in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle ist , an der er verhüllten Angesichts vorüberschreitet ; daß noch kein Mensch das Licht erblickte ,