im besten Licht in dem Spiegel , welcher seine liebenswürdige Person in Lebensgröße zurückwirft , weil er nichts damit zu tun haben mag : dieser Schreiber aber legt sich so weit als möglich aus dem Fenster einer Wohnung , in der kein Student hausen möchte , raucht einen Knaster , den kein Schäfer vertragen kann , und lacht - lacht . Ich lache nicht , wenn ich mich aus dem Fenster lege ! Wodurch hat sich dieser unverschämte alte Knabe in aller Welt den Göttern so beliebt gemacht ? Unsereiner hat doch auch seine Verdienste , muß sich aber allstündlich halb zu Tode ärgern und kriegt höchstens ein Ordenszeichen vierter Klasse zum fünfzigjährigen Jubiläum . « » Woher kennen Sie diesen Herrn Fiebiger so genau ? « fragte das Freifräulein . » Die Polizei und die Medizin treffen wohl einander « , brummte der Sanitätsrat . » Übrigens haben wir auch die Jahre dreizehn und vierzehn zusammen durchgemacht . « Juliane von Poppen sagte : » Sie stammen doch wohl aus ganz verschiedenen Lebenssphären ? « » Jene Zeit leimte die Menschen schon zusammen , heute freilich ist der Leim längst wieder aufgeweicht . Ja , wir bewegen uns in unsern verschiedenen Sphären , der Rat im Medizinalkollegium und der Schreiber in der Polizeistube . « In immer tieferes Nachdenken versank Juliane von Poppen , während Pfingsten der andächtig lauschenden Helene noch allerlei Einzelheiten über den alten Humoristen in der Musikantengasse mitteilte . » Ihm zunächst auf der Leiter des Glücks « , meinte er , » setze ich den großen Reisenden und Menschenfischer Faber . Der eine in seiner Dachstube hockend oder seine Tage in dem denkbar widerlichsten Amte verkritzelnd , der andere mit dem weitesten Spielraum für seine Beine durch alle Völker und Länder streifend , sind einander verwandt wie zwei gleichschenkelige Dreiecke , und der Gesichtskreis des einen ist nicht weiter als der des andern - sie haben beide gute Augen . « » Und jetzt will er diesen armen jungen Mann , welcher beinahe durch mich getötet worden wäre , bei sich aufnehmen ? « » Tröster sagt ' s ; so sind diese Glücklichen , wenn ' s ihnen zu wohl wird - « » Sie sind ein kalter Egoist , Pfingsten « , sagte das kleine Freifräulein trocken . » Lassen Sie diesen Friedrich Fiebiger , Sie kennen doch blutwenig von ihm . Wen haben wir hier ? « » Lupus in fabula , der Hauptmann von Faber mit seinem jungen Yankee - der Papa Wienand « , sagte der Doktor und seufzte im geheimen : Gottlob , so komme ich endlich doch noch zu meinem L ' hombre . Falsch ist alles , die Menschen und die Karten ; ich ziehe aber die letzteren vor . Der Bankier Wienand konnte an diesem denkwürdigen Abend , von der Sorge für seine Gesellschaft in Anspruch genommen , immer nur einige Augenblicke in dem Zimmer seiner Tochter weilen . Höchstens durfte er dann und wann den Kopf hineinstecken und sich nach ihrem Befinden erkundigen . Jetzt erschien er - ein wohlbehäbiger Herr mit stahlgrauem Haar , etwas harten Gesichtslinien und einem Zug lächelnden Selbstbewußtseins um den Mund , gleich einem Sonnenstrahl , der um einen eisernen feuerfesten Geldschrank spielt . Er kam Arm in Arm mit Konrad von Faber und einem jungen stattlichen Herrn mit rötlichem Haar und Bart , der mit sicherm Anstand vor den Damen sich verneigte und von dem Hauptmann vorgestellt wurde als : » Herr Friedrich Warner aus New Orleans . « Der Sanitätsrat benutzte die gute Gelegenheit , dem Boudoir Helenes zu entschlüpfen . Während er zu den Spieltischen zurückschlüpfte , murmelte er aber : » Ein prachtvoller Menschentypus , dieser junge Deutschamerikaner . Ich liebe diese breitschultrigen Gesellen mit diesen blonden Löwenmähnen und den vollen Bruststimmen . Man fühlt sich dabei in seiner Rasse noch für einige Zeit gesichert ; ' s ist ein Trost für einen Arzt heutiger Epoche . « Um diese Zeit stand der Polizeischreiber Fiebiger in der Musikantengasse mit untergeschlagenen Armen vor dem Lager seines Schützlings . » So habe ich nun « , sprach er , » den Griff in das volle Menschenleben getan . Was hab ich gepackt ? Eine Handvoll Glück oder Unglück ? Wir wollen sehen . Eines ist sicher ; als William Shakespeare seine schönen Verse über den Mann , der nicht Musik hat in sich selbst , dichtete , da verstand er unter Musik jedenfalls nicht solche Nasallaute , wie sie der Junge hier jetzt hervorbringt . Bah , es ist besser , zu schnarchen als zu schluchzen . Soll mich doch wundern , was Ulex dazu sagen wird . « Der Schreiber nahm die Lampe von dem Stuhl wieder auf und schlich auf den Zehen aus der Kammer . Er zog seinen Oberrock wieder an , setzte den Hut auf , schloß sorglich die Tür seiner Wohnung und versenkte den Schlüssel in seine Hosentasche und verließ das Haus . Um die Ecke der Musikantengasse biegend , schritt er eine zweite Gasse hinab , bis in einen Winkel , wo er vor einer niedrigen schwarzen Pforte stillstand . Diese Pforte führte auf einen umfangreichen Hof voll Gerümpel aller Art ; der Schreiber trat hinein , und der schwere Türflügel schlug sogleich hinter ihm zu . Ein Licht flimmerte aus der Höhe , es flimmerte in dem Giebel des Astronomen Heinrich Ulex . Es war derselbe Schein , welchen man auch aus der Kammer sah , in der jetzt Robert Wolf schlief . Tastend fand Friedrich Fiebiger seinen Weg über den Hof , und in einer Ecke desselben stieg er eine Wendeltreppe empor . Sie führte empor zum Gemach des Sternsehers . Sechstes Kapitel Expektoration des Autors über die Einsamkeit ; Lebensläufe aus vergangenen Tagen werden erzählt O Einsamkeit , du starke Göttin , der Königlich Großbritannische und Kurfürstlich Hannoversche Leibarzt Johann Georg Zimmermann , hypochondrischen Angedenkens , hat vier dicke Bände über deine Süßigkeiten und deine Schrecknisse geschrieben ; ich