keine Umstände ! Hier ist kein Entrinnen möglich , dachte Oswald , und ließ sich unter dem bescheidenen Dache , das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte , eine Gastfreundschaft aufnöthigen , der auszuweichen er noch eine Minute vorher entschlossen gewesen war . Gustava ! Gustave ! Gustchen ! rief der Pfarrer auf dem Hausflur ; öffnete aber , da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang versehenen Guckfensterchen der Küchenthür nicht aufgeben mochte , bevor sie über den Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein würde , sein Studirzimmer , und bat Oswald einzutreten , bis er sich seiner Amtstracht entledigt und seine Gustava von dem werthen Besuch benachrichtigt hätte . Das Studirzimmer des geistlichen Herrn war ein großes , zweifenstriges Gemach , in welchem einige Bücherschränke , einige Heiligenbilder an der Wand , ein hartes , mit schwarzem , glänzendem Zeuge überzogenes Sopha , ein runder , mit Büchern bedeckter Tisch in der Mitte , ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in einem der Fenster , und eine mit Tabacksduft reichlich geschwängerte Atmosphäre , das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war . Die letztgenannte Eigenthümlichkeit war so ausgesprochen , daß Oswald einen Fensterflügel öffnen mußte , wobei er eine starke Anwandlung verspürte , über die niedrige Brüstung auf die sonnenbeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen . Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zurückkunft des Pfarrers vereitelt . Der geistliche Herr präsentirte sich jetzt in einem Anzuge aus schwarzem , wie Fett glänzenden Sommerzeuge . Er bat Oswald , einige Augenblicke in seiner Klause verziehen zu wollen , da Gustava noch in den Küchenräumen schalte . Oswald , der alle Hoffnung , zu entrinnen , aufgegeben hatte , machte jetzt nicht einmal den Versuch , die Einladung des Pfarrers , zum Mittagessen dazubleiben , auszuschlagen . Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden , Urväter Hausrath auf dürftigem Tische , sagte der Pastor , der seinem Gaste zeigen wollte , daß er sein Latein noch nicht vergessen habe ; aber Sie wissen : vivitur parvo bene ; auch mit Wenigem lebt sich ' s gut . Darf ich Ihnen , bis die Mahlzeit angerichtet ist , eine Cigarre offeriren ? Oswald dankte , da er kein Raucher sei . O , eine vortreffliche Eigenschaft das ! eine klassische Eigenschaft , sagte der Pastor , seinen eigenen Witz belächelnd ; die Alten rauchten nicht , und Goethe , den ein frivoler , aber witziger Schriftsteller den großen Heiden nennt , war ein abgesagter Feind der Pfeife und Cigarre . Sie erlauben , daß ich meiner Gewohnheit , nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen , getreu bleibe ? Bitte dringend , Herr Pastor ! Finden Sie nicht - paff , paff ! - daß das Rauchen - paff , paff ! - so recht eigentlich ein germanisches , ja , um mich so auszudrücken , ein christlich-germanisches Element ist ? sagte der Pfarrer , der heute auf alle Fälle geistreich sein wollte . Sie würden durch diese Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die Hände geben , antwortete Oswald trocken . Wie das , Werthgeschätztester ? Besagte Spötter könnten behaupten , daß , sich selbst und Anderen einen romantischen blauen Dunst vorzumachen , allerdings ein wesentlicher Zug germanischer , besonders christlich-germanischer Natur sei . Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen , lauernden Blick halb über die Brillengläser hinweg an , als hätte er gern auf einmal heraus gebracht , wie weit er seinem Gaste trauen dürfe . Da er es aber für einen Mann von klassischer Bildung unschicklich fand , auf einen Scherz , auch wenn derselbe an ' s Frivole streifte , nicht einzugehen , so antwortete er mit sauersüßem Lächeln : Nicht übel , nicht übel ! Aber was wäre vor den Spöttern sicher ? Freilich , wir können antworten : ex fumo lucem ! ex fumo lucem ! Licht aus dem Rauche ! - Aber setzen wir uns , lieber Freund , setzen wir uns ! Wie befindet sich denn der gute , liebe Baron und die gnädige Baronin ? Ach ! Sie können sich glücklich schätzen , lieber Freund , in solchem Hause leben zu dürfen , unter so vortrefflichen Menschen , die mit dem Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden - vor Allem die Baroneß , eine fromme und sehr gebildete Dame , die Alles ex fundamento kennen lernen will . Sie liest jetzt Schleiermachers Reden über die Religion - Sollte sie wohl im Stande sein , die zu verstehen ? bemerkte Oswald . Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigenthümlichen Blick über die Brillengläser an , als müsse er sich den Mann genauer betrachten , der den Muth hatte , eine Ansicht , welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete , so ungenirt laut werden zu lassen . Er begnügte sich indessen damit , die Mundwinkel herunter und Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen , eine Geberdensprache , die sich sein Besuch nach Belieben in : Alles Schwindel , lieber Freund ! oder : die Fähigkeiten dieser Frau sind incommensurabel , übersetzen konnte . Freilich , fuhr er fort , Grünwald werden Sie vermissen ; zumal den Umgang eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit , wie der Professor Berger . Aber geht es mir denn anders ? Auch ich kann sagen : Barbarus hic ego sum , quia non intelligor ulli . Ich gelte hier für einen Sonderling , weil Niemand mich versteht . Unsere Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche , würdige , gottesfürchtige und treu-königlich gesinnte Männer ; aber , im Vertrauen , die Bildung , ich meine natürlich nur die gelehrte , ist arg vernachlässigt . Ja , wenn die Herren sich in ihrer Jugend des unschätzbaren Glückes einer wahrhaft rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten , wie Junker Malte - Sehr gütig , Herr Pastor , obgleich von diesem Compliment nur ein verzweifelt kleiner Theil auf meine Rechnung kommen