ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente , etwa von einer riesigen Flötenuhr , zu kommen schienen . Was ist das ? fragte Lucinde die Magd , die sie in seltsam fremder , ihr nicht geläufiger , plattdeutscher Sprache um das Frühstück anging , das sie zu haben wünschte . Der Herr Pfarrer spielt ! hieß es . Ja , aber was ? worauf ? Die Magd lächelte verlegen ; ihr guter Wille , Aufklärung zu geben , scheiterte an einem schweren fremdartigen Namen . Die Töne schwollen indeß und lösten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit , die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam . Bald waren es Flöten , bald Oboen , bald die Töne eines Violoncells . Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke gehabt , damals , als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katholische Kirche der Residenz betreten , um zu belauschen , wie sich die Frau Hauptmännin anstellte , im Beichtstuhl zu sitzen . Sie erfuhr später , daß die geizige Frau , die den Satan ohnehin für den wahren Herrgott hielt , nur deshalb alle Jahre einmal zur Beichte ging , um ein monatliches gänzliches Fasten zu motiviren , das sie darauf als eine ihrem Hause für ihre Sünden dictirte Strafe einführte . Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen . Da ihr schönes Kleid einer gründlichen Ausbesserung bedurfte , wenn es nicht gar ganz verdorben war , so blieb ihr nichts übrig , als für ihr Costüm sich den Umständen zu ergeben . Sie bat um eine Haube und erhielt sie . An dem Schnitt ihres Antlitzes , an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen , sie konnte den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen . Sie nahm dann ein leichtes Frühstück von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Töne , die das ganze Haus verzauberten . Man empfing sie unten sehr freundlich und wünschte ihr Glück zu ihrer schnellen Erholung . Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte sich , ihr nicht mehr bieten zu können . Die Musik hatte denselben Augenblick aufgehört . Auf ihr Befragen , welchem Instrument man verstanden hätte diese wunderbaren Töne zu entlocken , zeigte der Pfarrer auf einen Kasten , in welchem eine Reihe von Gläsern , eins ins andere gesteckt , an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen . Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich , geriethen durch ständiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je nach ihrer Stimmung berührt . Diese Art des Spielens schien anstrengend . Man mußte die Gläser durch Friction in Umschwung erhalten . Der Anblick selbst war lange nicht so poetisch wie die Wirkung . Es war eine , jedenfalls verbesserte , jener alten und echten Harmoniken , die Benjamin Franklin erfunden haben soll , und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosenthums gekommen sind und nur hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt werden . Der Pfarrer und die Pfarrerin , beide waren gleich geschickt darin . Das nächste Gespräch , an welchem in bescheidener Zurückhaltung einige freundliche Kinder , zwei Mädchen und zwei Knaben , theilnahmen , betraf natürlich das gestrige Finden der Verirrten . Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn , der immer noch im Garten , harrend und seinen Strauß vervollständigend , auf- und niederging , kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht . An dem Riedbruch , wie die bezeichnete Gegend benannt wurde , hatte man Lucinden überraschend genug und im Schlummer hingestreckt gefunden . Ihr zerrissenes Kleid , die aufgelösten Haare hatten keinen Zweifel gelassen , daß es sich um eine Kranke handelte , und schnell war der Pfarrer zum Dorfe geeilt , während der Kammerherr zur Aufsicht zurückgeblieben war . Zwei fast gleichzeitige Fragen , die ihrerseits nach der wunderlichen Art des letztern , und die Frage der Pfarrersleute , wie und woher sie denn in diese misliche Lage gekommen , durchkreuzten sich eben , als man vorm Hause einen fürchterlichen Lärm hörte , Schimpfreden und Drohungen wildester Art. Ja , was ist wieder ? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus . Lucinde sah , daß sich der Kammerherr wie ein Tobsüchtiger geberdete und in einige Entfernung hinausschrie : Schlingel , nichtswürdiger Schurke , Tagedieb ! Wo bleibt mein Degen ? Wie lange soll ich nach meinem Degen rufen ? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht ? Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging , so nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen . Sie hatte schon die Thür in der Hand , als ihr auffiel , wie schnell das älteste der Mädchen an die Harmonica sprang und einige der Gläser mit dem mühsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu reiben sich mühte . Was ist das alles ? fragte sie sich und war um so mehr betroffen , weil der Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder des Fräuleins von Gülpen erinnerte . Auf den fünf Siegeln hatte sie einmal die Worte : » Freiherrlich Wittekind ' sche Kameralverwaltung « gelesen ... Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral . Der Kammerherr riß dazwischen sein Blumenbouquet auseinander , rannte über die Beete , zertrat alles und schlug sogar gegen den Pfarrer , der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen sich bemühte , mit geballter Faust . Leuten , die draußen am Staket gaffend stehen blieben , winkte der Pfarrer zu gehen . Meinen Degen ! Meinen Degen will ich haben ! rief der Ungeberdige unausgesetzt und drohte nach einer Seite hin , wo sich jemand zu befinden schien , der diesen zu bringen von ihm beauftragt war . Aber den Degen ? rief die Pfarrerin , jetzt doch auch erregter ins Haus zurückkehrend . Wie kann man ihm einen Degen lassen ! Lucinde begriff nun , daß der Kammerherr geisteskrank war . Nie hatte sie Menschen in diesem Zustande gesehen und fürchtete sich , trotzdem daß man versicherte , die