dumpfes mächtiges Gebiet , wohin das Denken des armen Kindes getrieben wurde und es wußte sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen , als indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte . Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann ' gern . Nach altem Aberglauben spann sie am Samstagabend nie , da strickte sie immer , und wenn sie eine Geschichte zu erzählen hatte , wickelte sie zuerst ein gut Theil von ihrem Garnknäuel ab , um nicht aufgehalten zu sein und dann erzählte sie am Faden fort ohne Unterbrechung . » O Kind , « schloß sie dann oft , » merk ' dir Etwas , in dir steckt ja auch ein Einsiedel : wer gut grad fort leben will , der sollte ganz allein sein , Niemand gern haben und von Niemand was mögen . Weißt du , wer reich ist ? Wer nichts braucht , als was er aus sich hat . Und wer ist arm ? Wer auf Fremdes wartet , was ihm zukommt . Da sitzt Einer und wartet auf seine Hände , die ein Anderer am Leib hat , und wartet auf seine Augen , die einem Andern im Kopf stecken . Bleib ' allein für dich , dann hast du deine Hände immer bei dir , dann brauchst du keine anderen , kannst dir selber helfen . Wer auf Etwas hofft , was ihm von einem Andern kommen soll , der ist ein Bettler ; hoffe nur etwas vom Glück , von einem Geschwister , ja von Gott selbst ; du bist ein Bettler , du stehst da und hälst die Hand auf bis dir etwas hineinfliegt . Bleib ' allein , das ist das Beste , da hast du Alles in Einem ; allein , o wie gut ist Allein ! Schau , tief im Ameisenhaufen liegt ein klein winziger funkelnder Stein , wer den findet , kann sich unsichtbar machen und kann ihm Niemand was anhaben ; aber das kriecht durcheinander , wer findet ihn ? Und es giebt ein Geheimniß in der Welt , aber wer kann ' s fassen ? Nimm ' s auf , nimm ' s zu dir . Es giebt kein Glück und kein Unglück . Jeder kann sich Alles selber machen , wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch , aber nur unter Einem Beding : er muß allein bleiben . Allein ! Allein ! Sonst hilft ' s nichts . « Aus dem Tiefsten langjähriger schwerer Vereinsamung heraus gab die Marann ' dem eben erst aus dem Kinde entwachsenen Mädchen noch halbverschlossene Worte ; das Mädchen konnte sie nicht fassen ; aber wer weiß , was auch von Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt ? Und nach wildem Umschauen fuhr die schwarze Marann ' fort : » O könnt ' ich nur allein sein ! Aber ich habe mich vergeben , ein Stück von mir ist unterm Boden und ein anderes läuft in der Welt herum , wer weiß wo ? Ich wollt ' ich wäre die schwarze Ziege da . « So freundlich und hell auch die schwarze Marann ' begann , immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über , und sie , die allein sein wollte , an Nichts denken und Nichts lieben , lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm . Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel , um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann ' erlöst zu werden ; sie verlangte , daß auch Dami ins Haus genommen werde , und so heftig sich die schwarze Marann ' auch dagegen wehrte , Amrei drohte , selber das Haus zu verlassen und schmeichelte der schwarzen Marann ' so kindlich und that ihr was sie an den Augen absehen konnte , bis sie endlich nachgab . Dami , der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte , saß nun mit in der elterlichen Stube ; und Nachts , wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen , weckte Eines das Andere , wenn sie die schwarze Marann ' drunten murmeln und hin- und herlaufen hörten . Durch die Uebersiedelung Dami ' s zur schwarzen Marann ' kam indeß neues Ungemach . Dami war überaus unzufrieden , daß er dies elende Handwerk , das nur für einen Krüppel tauge , habe lernen müssen ; er wollte auch Maurer werden , und obgleich Amrei sehr dagegen sprach , denn sie ahnte , daß ihr Bruder nicht dabei aushalten werde , bestärkte ihn die schwarze Marann ' darin . Sie hätte gern alle jungen Bursche zu Maurern gemacht , um sie in die Fremde zu schicken , damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes . Die schwarze Marann ' ging selten in die Kirche , aber sie liebte es , wenn man ihr Gesangbuch entlehnte , um damit in die Kirche zu gehen ; es schien ihr ein eigenes Genügen , daß ihr Gesangbuch dort sei , und eine besondere Freude hatte sie , wenn ein fremder Handwerksbursch , der im Ort arbeitete , das zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte ; es schien ihr als ob ihr Johannes bete in der heimathlichen Kirche , weil aus seinem Gesangbuch die Worte gesprochen und gesungen wurden , und Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuch des Johannes in die Kirche . Ging aber die schwarze Marann ' nicht zur Kirche , so war sie bei Einer Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen . Es gab nämlich kein Leichenbegängniß , bei dem die schwarze Marann ' nicht leidtragend mitging und bei Predigt und Einsegnung , selbst am Grabe eines kleinen Kindes , weinte sie so heftig , als wäre sie die nächste Angehörige ; aber dann war sie auf dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt ; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein . Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille Trauer hinunter , daß