Das ist wahr . Sie waren indeß an ein großes , finster aussehendes Gebäude gekommen . Kein Licht zeigte sich an den Fenstern , so daß es ganz unbewohnt schien . Nur aus den Ritzen der festverschlossenen Kellerläden blickte ein schwacher Lichtschimmer hindurch . - Hier müssen wir uns trennen - sagte Möller stille stehend . Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten , daß ihr Begleiter sich entferne . - Du wohnst doch nicht in diesem Hause ? - fragte dieser endlich . - Nein , aber mein Bruder ist darin . Er wartet auf mich . - Wie heißt er ? Ich werde ihm sagen , daß er heraus kommen soll , denn ich habe darin zu thun . - Rudolph Naumann . - So ? - sagte lang gedehnt Möller . - Nun , dann versprich mir , ich habe meine Gründe dazu , versprich mir , Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu sagen , auch nicht , daß Du Geld erhalten hast . - Ei bewahre . Das bringe ich nach Hause . - Gut . Dann warte einen Augenblick . Möller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses . Nicht lange darauf erschien Ralph . - Gut , daß Du kommst , ich habe schon gewartet . Nun , was bringst Du ? - fragte er Anna . - Hier - sagte sie , ein Pack Cigarren aus ihrem Handkorbe nehmend - Ebert läßt Dich grüßen ; er habe nichts bekommen können . - Nichts wie Ausreden , - brummte Ralph - aber er mag sich in Acht nehmen . Die Zeit ist nahe , wo wir Abrechnung halten . Sonst nichts Neues ? Was ist Dir ? Du zitterst ja . - Mich friert - sagte Anna - auch hab ' ich Hunger . Ich bin zu Mittag in der Fabrik geblieben . - Hier - entgegnete Ralph , ihr ein Stück trocken Brod reichend - und nun mache , daß Du nach Hause kommst . - Kommst Du nicht auch bald nach ? - fragte Anna schüchtern . - Was kümmerts Dich ? - erwiederte er barsch und kehrte , als Anna sich entfernte , wieder in den Keller zurück . Sollte man aus dem Ton , der zwischen den Geschwistern herrschte , wohl schließen , daß sie einander liebten , mit einer Liebe wie man sie in den » höhern Regionen « der Gesellschaft selten oder nie findet ? Anna und Rudolph waren für einander jedes Opfers fähig , aber sie wußten es kaum , am allerwenigsten zeigten sie es in ihrem äußern Benehmen . So preßt des Proletariers Dasein sein Siegel selbst auf die bessern Gefühle , die sich im Herzen der in seinen Fesseln Schmachtenden etwa noch vorfinden . Als der Begleiter Anna ' s in den Keller trat , tönte ihm schon von fern ein wildes Geschrei und Gläsergeklirr entgegen . - Die verdammten Jungen - brummte er - werden uns noch die Polizei zu früh auf den Pelz locken . Er trat in einen engen Gang , dessen Windungen ihm aber bekannt zu sein schienen , und der durch eine schwere , eisenbeschlagene Thür begrenzt wurde . Er steckte leise einen Schlüssel in die Thür und öffnete sie . Ein dichter Tabacksqualm , der die beiden auf einem langen mit Gästen besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte , strömte ihm entgegen . Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphäre etwas gewöhnt hatten , unterschied er - unter der Thüre stehen bleibend - die einzelnen Gestalten . Es mochten 15 bis 20 junge Männer sein , ihrem Aeußern nach zu urtheilen , meist dem Arbeiterstande angehörig , kräftige Gestalten und intelligente , aber meist düstere Physiognomien . Vier oder fünf unter ihnen gehörten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an , doch war es schwer zu entscheiden , waren es Künstler , Gelehrte oder Kaufleute . Die Gesellschaft schien in einen heftigen Streit gerathen zu sein , den der an einem Ende des Tisches sitzende Präses vergebens zu beschwichtigen versuchte . Er war mit dem Rücken nach der Thüre zugewendet , so daß er den Neuhinzugekommenen nicht bemerkte ; die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft , um auf irgend etwas anders als auf ihre Gegner Acht zu geben : so stand Jener wohl eine halbe Minute , indem er sich an dem Wirrwarr zu ergötzen schien . - Holla , ihr Großmäuler , nennt Ihr das eine geordnete Debatte ? Warum ist keine Wache ausgestellt , Ralph ? Antworten Sie , Herr Präsident ! Diese unerwartete Anrede brachte eine plötzliche Verwandlung in der Versammlung hervor . Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drängten sich begrüßend , fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe : Das ist Gilbert ! Willkommen Gilbert ! ! - Ruhig Brüder ! Bezähmt Eure Neugier - sagte der Unbekannte , welcher sich der guten Anna , wie es scheint , unter falschem Namen bekannt gemacht hatte . - Zum Teufel , so laßt mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch . Du , Ralph , wirst draußen verlangt . Beeile Dich aber , daß Du wieder herein kommst . Ralph entfernte sich , und Möller , oder vielmehr - wie er von der Gesellschaft genannt wurde - Gilbert nahm seinen Platz ein . Sogleich trat ein allgemeines Schweigen ein ; Aller Augen richteten sich mit gespannter Aufmerksamkeit auf Gilbert . Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht befriedigen zu wollen , sondern sagte nur : - Nun , worüber seid Ihr denn so in Hitze gerathen ? Ein Dutzend Köpfe streckten sich vor , um zu antworten , aber die aufgehobene Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen . - Hartwig , mein braver Junge , antworte Du . Ich sehe hier Meister Proudhons Buch » über das Eigenthum « aufgeschlagen . Es war also eine socialistische Frage , die Euch so in Harnisch brachte . Hartwig ,