Mutter und sagte : Und doch waren heute meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen , als mit allgemeinen Interessen beschäftigt . Ich hatte Gelegenheit , einen Blick in das innere Leben einer Familie zu werfen , in der ein vortreffliches Herz unter dem Druck der widerwärtigsten Verhältnisse blutet , und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren , als ich hier eintrat , und mir so wohl und behaglich wurde in unserm Hause , wie glücklich jene Arme in einem Kreise , wie der unsere , sein würde ! Und wer ist die Arme mit dem schönen Herzen ? fragte Jenny schnell . Ein Mädchen , das solche indiscrete Fragen niemals machen würde , antwortete Eduard sehr bestimmt . Dann meinte er : In den Jahren , die ich hier prakticire , ist es mir aufgefallen , wie die glücklichen Ehen , die Sorgfalt der Eltern für ihre Kinder bei den Juden gewöhnlicher sind , als in den Christenfamilien . Auch steht die Zahl der Scheidungen , wie mir ein Jurist sagte , bei den beiden Confessionen in gar keinem Verhältniß , da eine Scheidung der Ehe unter Juden zu den großen Seltenheiten zählt . Das ist allerdings merkwürdig , meinte Jenny , denn bei den Juden ist die Heirath doch oft nur eine Familienverabredung , von der Braut und Bräutigam zuletzt erfahren . Das ist nicht nur bei den Juden , sondern überhaupt sehr oft der Fall , entgegnete der Vater , und die Welt sieht in der Wirklichkeit nicht ganz so romantisch aus , wie in Deinem siebzehnjährigen Köpfchen . Was aber das Glück der Ehen bei den Juden betrifft , so verdanken sie das , sowie manches andere Gute , dem Drucke , unter dem sie Jahrhunderte gelebt haben . Der Mann , dem die freie Bewegung in ' s Leben hinein überall verwehrt war , der nichts sein eigen nennen durfte , nicht Haus , nicht Hof , dem man das mühsam erworbene Gut unter immer neuen Vorwänden gewaltsam zu entreißen wußte - dem blieb nichts , als sein Weib und seine Kinder . Sie waren das Einzige , das ihm nicht leicht zu rauben war , sie blieben sein , auch getrennt von ihm , sein durch den Glauben , und nur , indem sie sich von diesem trennten , konnten sie aufhören , sein zu bleiben . Wie natürlich also , wenn dem Juden Weib und Kind seine Welt wurden , und wenn bis heute das Beispiel glücklicher Häuslichkeit segensreich fortwirkt unter ihnen , obgleich die äußern Verhältnisse sich jetzt geändert haben . Ach ! armer Vater , was hast Du denn für eine kleine Welt ! sagte Jenny pathetisch , die gerade in der muthwilligsten Laune war . Hast Niemand , als die Mutter und die liebe kleine Jenny ! Eine Welt von zwei Welttheilen , während der ärmste Christ fünf Welten hat ! Und Eduard ? fragte der Vater . O ! richtig , der Welttheil Eduard sieht jetzt leider so kläglich aus , als ob bald eine neue Sündfluth hereinbrechen sollte . Oder vielmehr , er sieht aus , als ob er statt des Herzens einen Vulkan hätte , der nächstens losbricht und bald den Untergang des Welttheiles voraussehen läßt . O Vater ! Vater ! rief sie , und warf sich an dessen Brust , als Eduard sie verwundert und nicht eben freundlich ansah , schütze mich , der Vulkan Eduard fängt an Feuer und Flammen zu sprühen . Der Vater nahm das anmuthige Kind in seine Arme , und beide Eltern gaben sich dem Behagen dieses engen Beisammenseins mit vollem Herzen hin . Nur Eduard blieb zerstreut und einsilbig , und entfernte sich , unter einem flüchtigen Vorwande , früher , als er ' s sonst zu thun pflegte . Joseph ' s Brummen wird ansteckend , bemerkte Jenny scherzend , als er fort war ; die Mutter aber schüttelte ängstlich den Kopf und sagte seufzend : Vater ! was geht mit Eduard vor ? Mich macht es unruhig um seinetwillen . Mich nicht , antwortete der alte Meier . Eduard ist ein Mann ; was es auch sei , laßt ihn gewähren , er wird den rechten Weg zu finden wissen . Als Eduard die Eltern verlassen hatte , und in seine besondere Wohnung kam , fand er keine Ruhe in seinem Zimmer . Die engen Räume drückten ihn , er öffnete ein Fenster , und obgleich der Schnee in großen Flocken hineindrang , wurde ihm wohler und freier , als die Luft seine heiße Stirne wieder kühlte . Das Haus seiner Eltern lag nahe am Hafen , ein Garten führte terrassenartig zum Flusse hinunter , der gerade hier in das Meer mündete . Eine Unruhe , wie er sie nie empfunden , trieb ihn hinaus und , in den Mantel gehüllt , eilte er durch die beschneiten Gänge des Gartens . Hin und wieder fielen noch einzelne , übrig gebliebene Blätter mit den Schneeflocken zur Erde : der Sturm jagte die Wolken vor sich hin und hemmte Eduard im Vorwärtsschreiten . Er war ganz allein auf dem Wege , und nun erst merkte er , daß er das Zimmer verlassen hatte , nicht achtend des Sturmes , der ihn umbrauste , nicht der tiefen Dunkelheit um ihn her , denn stürmischer noch und dunkler sah es in seiner Seele aus . Wie hatte er sich absichtlich so über seine Gefühle täuschen , wie diese Liebe verkennen mögen ? Jetzt , da er mit klarem Blicke zurückdachte , fühlte er fast mit einer Art Beschämung , daß er in Clara von den ersten Augenblicken , da er zu ihr gerufen wurde , nicht nur die Leidende , die Kranke , sondern immer das schöne Weib gesehen hatte . Ihre Liebenswürdigkeit , ihr ruhiger Verstand waren ihm von Tag zu Tag anziehender geworden , und er konnte es sich nicht verbergen , daß Clara für ihn das Ideal eines Mädchens sei . So hatte er sich seine Geliebte gedacht