Alles , was sich auf meine Margarith bezieht , ist mir heilig . « Tief gerührt dankte Miß Eton beiden Eheleuten , und konnte nicht ohne einiges Erstaunen die ungemein vortheilhafte Persönlichkeit des Hausherrn betrachten . Seine Frau überschüttete ihn mit Fragen und Aufmerksamkeiten jeder Art , und er hatte eine immer freundlich anerkennende Höflichkeit für ihre sich selbst genugthuende Dienstlichkeit , und doch behielt er eine Ruhe und Aufmerksamkeit für seine Umgebungen , die von wahrer Herzensgüte und einer höheren Geistesrichtung zeigte . In seiner Gegenwart fühlte Elmerice zuerst sich etwas aus dem gespannten Zustande erlöst , den sie beim Alleinsein mit Madame St. Albans empfunden hatte ; sie durfte wagen , sich ihrer eigenen Stimmung hinzugeben , denn in der Gegenwart ihres Mannes blieb jeder Andere für diese zärtliche Frau ziemlich unbeachtet , und sie hing nur an seinem Munde , um sich für ihre eigenen Gedanken Auskunft zu verschaffen . Auch hierbei blieb sie sich völlig gleich ; ihre unverkennbare Zärtlichkeit ging doch sogleich in empfindliche oder mißlaunige Aeußerungen über , wenn die des Herrn St. Albans im Geringsten von den ihrigen abzuweichen schienen , und sie legte auch gegen ihn ein gewisses mißtrauisches und heftiges Wesen nicht ab . Dessen ungeachtet war ihr ganzer Zustand jetzt freier und leichter , und die feine Haltung ihres Mannes wußte immer geschickt sie selbst zu einem feinen Betragen zurückzuführen , was sie anzunehmen allerdings ganz wohl verstand . Einige Unterverwalter nahmen die übrigen leeren Plätze bei Tische ein , und es herrschte bald eine ziemlich ruhige , unbefangene Unterhaltung , die Herr St. Albans mit vielem Geschick auch für seinen jungen Gast zugänglich zu machen wußte , während seine Frau in unruhiger Thätigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten der übrigens vortrefflich zubereiteten Speisen beschäftigt war . Es würde schwer sein , in dem Verlauf einer Woche , die wir nach dem erwähnten Abend als beendigt erklären müssen , eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem Leben auf der Abtei Tabor angeben zu können . Miß Eton hatte nach einigen mißglückten Versuchen , aus sich heraus in die Ansichten der reizbaren Hausfrau übergehen zu wollen , sich mehr auf sich selbst zurückgezogen - ihre Zeit nach der Ordnung des Hauses eingetheilt und sich Spaziergänge gesucht , die freilich bei ihrer Einförmigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten Einrichtung des ganzen Gutes nur sehr wenig Genuß gewähren konnten . Doch das Frühjahr schritt vor , das Wetter ward warm , der Himmel heiter und blau , die Felder und Wiesen grünten in seltener Ueppigkeit , und es fehlte nicht an Veranlassung , ein unbefangenes Gemüth zu erfreuen . Und doch sehen wir Miß Eton oft stundenlang mit gesenktem Haupte und tief athmender Brust in einer Theilnahmlosigkeit daher wandeln , daß uns scheinen möchte , ihr Geist sei abwärts in trübem Schmerze verloren . Ihre Wohlthäterin versäumte nicht , ihr nach einiger Zeit die Nachricht von der Ankunft ihrer Gäste in Ardoise zu melden , mit dem Zusatze , wie lebhaft sie jetzt in dieser Freude ihren Liebling vermisse , wie sie sich sehne , daß er bald zu ihr zurückkehren möge . » Und doch , « rief Elmerice nach Lesung dieses Briefes , » wirst Du mich in diesem schönen Kreise nicht willkommen heißen , dennoch verbannt mich mein Geschick von dem Aufenthalte , der allein jetzt auf der Welt noch Reiz für mich hatte ! « Ein Strom von Thränen erleichterte ein Herz , was von den bittersten Schmerzen der Jugend belastet war , und mit einer Ergebung , aber auch mit einer Trostlosigkeit , die nur ein Schmerz , wie Elmerice ihn fühlte , zu geben vermag , wiederholte sie sich das schwere Gelübde , den Gästen auf Ardoise um jeden Preis zu entfliehen . Ein heftiges Gewitter hielt Miß Eton auf ihrem Zimmer fest , so sehr sie sich sehnte , im Freien der beklommenen Brust neue Kraft einzusammeln . Der Regen , mit Schlossen vermischt , stürzte verfinsternd herab , und der Sturm peitschte die Regenströme im Wirbel gegen die klirrenden Fenster . Elmerice blickte ruhig , ja , mit einer Art von Genuß in diesen wilden Aufruhr der Natur . Wer tiefe Seelenangst empfindet , den lebenstödtenden Kummer , der die Schönheit der Erde uns wie einen Vorwurf fühlen läßt , da wir uns nicht theilnehmend daran zu erfreuen vermögen , der wird fast getröstet von einem Zustande der Natur , der keine Anforderungen an unser Gefühl macht oder in seiner wilden Aufregung zu überbieten scheint , was an Qual und Unruhe unsere Seele verletzt . Heftig stürzte jedoch , dies schmerzliche Nachdenken unterbrechend , Jemand die Treppe herauf , und Marylone flog blaß wie der Tod auf Miß Eton zu . » Helft ! helft , Miß Eton ! um Gotteswillen , helft ! sie stirbt uns unter den Händen ! wir wissen uns nicht zu helfen , nicht zu retten ! « - » Um Gotteswillen , was hast Du ? « rief Miß Eton - » was ist geschehen ? « - » Kommt , kommt ! unsere Frau stirbt ! - Madame St. Albans ! o kommt uns zu Hülfe ! « - Schon flog Elmerice die Treppe hinab und über den Saal dem kläglichen Angstgeschrei entgegen , das ihr aus einem der untern Zimmer zu Ohren drang . Der erste Augenblick raubte ihr jedoch fast selbst die Fassung , denn sie sah hier Madame St. Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen ; das Gesicht war verzogen und blau - die Hände , Füße , der ganze Körper krampfhaft zusammen gepreßt . In bangem Geschrei , aber ohne alle Hülfleistung lagen die Mädchen des Hauses um sie her , und Elmerice wußte freilich für den Augenblick auch nichts Anderes zu thun , als sich neben der Sterbenden oder Todten nieder zu werfen ; aber hier entdeckte sie bei flüchtiger Berührung , daß die unglückliche Frau in völlig durchnäßten Kleidern da liege , und auf ihre schnellen Fragen erfuhr sie