würde die Vikomtesse von Hericourt denken , wenn Alfred Jardinier , dieser bürgerliche , aber liebenswürdige Anbeter , ihr solche Dinge sagte . « » Lasen Sie Plato , Madame ? « » Nein ! « » Die Seelen meiner Person und der Ihrigen , Wally , sollen einem Schoß entsprossen sein . Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die Ewigkeit , und was wir Liebe nennen , ist nur ein Tribut , den wir unsrer Vergangenheit , unserm Gedächtnisse und unsern früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind . « » Sie werden mich überreden wollen , daß Sie urweltliche Rechte auf mich haben ; daß Sie diese Hand , welche Sie mir für eine Zärtlichkeit viel zu heftig drücken , schon vor der Sündflut besessen haben . Sie tun Unrecht , eine so kleine Frau , wie ich bin , in die großen Hallen der Philosophie einführen zu wollen . « » Was Philosophie , Wally ! Im Schoße Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln , mit welchen Ihr Fuß noch jetzt so reizend kokettiert . « » Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum über die gelben Pantoffeln . Es sind Schuhe , mein Herr ; ich erwarte nun von Ihnen , daß Sie sie zu binden versuchen . Machen Sie es ordentlich , und vernachlässigen Sie mir künftig lieber den Plato als Ihre Toilette , die ganz geschmacklos ist . « Während die Situation , die jetzt folgte , noch nicht beendigt war , trat ein Diener ein und zeigte an , das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren . Sie nahm ihren Schal , klagte viel darüber , daß er mit nichts umzugehen wisse , und stieg , sich auf ihn stützend , die Treppe hinunter . Jeronimo faßte selbst die Zügel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit , die Wally nicht erschreckte , da sie davon nichts verstand . Sie fuhren durch die Boulevards . Jeronimo wollte fahrend sprechen . Er hörte nicht auf , den Schoß Gottes im Mund zu haben . Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu ; er übersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der Schauspielerinnen hinein , die vor der Tür des Theaters , wo eben Probe war , hielten , daß seine Bemühungen , sich herauszuwickeln , vergeblich wurden . Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Mißgeschick . Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch , daß die beiden darinnen rücklings überfielen und Gefahr liefen , aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden . Hier mußte ein Unglück geschehen . Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung . Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Szene war , sahe sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt , in welchem sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte . Gott , jetzt fiel es ihr ein , sie hatte ihn schon zwei- , dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen . War er es gewesen , so konnte die Rettung kein Wunder sein . Er mußte sie verfolgt und den Augenblick der nötigen Hülfe wahrgenommen haben . Jeronimo staunte , wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur Scherz und Lachen vernahm . Er stotterte Bitten heraus , die sie nicht verstand . Sie war außer sich vor Entzücken . Jeronimo wußte sich nichts zu erklären und eilte , ihrem Wunsche nachzukommen . Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück . Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen . Sie kam nicht vom Fenster , weil sie jede Minute hoffte , Cäsar an dem Torwege zu sehen . Sie nahm mechanisch an der Mittagstafel teil , ging nicht ins Theater ; aber Cäsar kam nicht . Jetzt erst fiel es ihr ein , daß sie sich getäuscht haben konnte , und rief einem ihrer Leute , den sie unverzüglich zu Herrn von Werther , dem preußischen Gesandten , schickte , um über ihren Anblick Gewißheit zu haben . Der Bote brachte die vernichtende Nachricht , Cäsar hätte sich seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Paß zur Abreise bereits zurückgenommen . Wally blieb stumm vor Schmerz . Sie hielt das erblaßte Haupt auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis statt in Tränen . Womit hatte sie diese Demütigung verdient ! Sie kannte Cäsar genug , um zu wissen , wie dieses Betragen mit seinem Wesen zusammenhing . Ach ! auch dies nicht ganz so wunderbare , wozu Cäsar es machen wird , Begegnen an der Porte St. Martin , sagte sie vor sich hin , wird er wie eine Romanenepisode nehmen , um sein ewiges Selbstennui , seine hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen . Wally seufzte tief auf und durchmaß mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer . Es schien ihr der herbste Schlag , der sie treffen konnte . Das Gehen machte sie ruhiger . Sie setzte sich , und jetzt erst konnte sie weinen . » Womit verdient ' ich das ? « war ein erstickter Ton ihrer Stimme . Woran dachte sie jetzt ! Was hatte sie alles getan , um ihm eine Liebe zu zeigen , an die er , an die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte ! » Womit verdient ' ich das ? « Unglückliche Wally ! Was hattest du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert ? Du gabst ihm deine Seele , deine Gedanken , deine Scham , alles , was du außer dem armseligen Stand der Verheiratung hattest ; und dies alles dem Egoismus , dem Lächeln , vielleicht dem Verrat ? » Oh , das wäre entsetzlich « , schrie sie auf ; dem Verrat ? Das nicht , Wally ! Aber sein Herz ist kalt , er lebt nur von Gefühlen , die er raffinieren und filtrieren kann , er trotzt gegen sich selbst ; du