, sagte Julius endlich : Du hast uns immer noch so wenig von Deinem eignen Leben erzählt , lieber Fernando , und dennoch ist es sicher reich an merkwürdigen Begebenheiten . Mein Leben ? erwiederte dieser , wie aus sich selbst erwachend , das besteht aus Fragmenten , aus nichts als Fragmenten ! es hat sich mir so unter den Händen zerstückelt ; ich finde seit Kurzem selbst keinen Zusammenhang darin . Er sah auf Luisen , zu deren Füßen er auf einem Stein saß , so daß ihr Kleid bei einer kleinen Bewegung seine Locken streifte . Dies luftige Berühren ging wie ein elektrischer Funke durch sein Innres ; er bog sich noch mehr zurück und drückte einen leisen Kuß auf den weichen Mußelin . Fragmente ? wiederholte Julius - Nun wenn sie rechter Art sind , so enthalten sie dennoch ein Ganzes . Gieb uns nur immer einige derselben zum Besten . Seltsam ! rief Fernando aus , daß jetzt , grade jetzt einer der furchtbarsten Momente vor mich hintritt . Er war aufgesprungen , und heftete seine Blicke , wie unwillkührlich angezogen , auf einen Fleck . Luisens Herz klopfte , sie erwartete ängstlich , daß er das Schweigen breche . Du weißst , hub er endlich an , sich zu Julius wendend , daß ich nach dem Tode meiner Eltern , die ich niemals sahe , in Neapel bei einer Verwandten erzogen und späterhin , in Begleitung eines deutschen Gelehrten , auf Reisen geschickt ward . Du hast es so wenig als ich verstanden , warum mich mein Mentor nicht nach seinem Vaterlande , sondern nach Paris führte , womit ich übrigens ganz zufrieden war und mir dabei so wohl gefiel , daß ich meiner Tante sehr mißfiel und nur eilen mußte , sie durch eine baldige Rückkehr zu versöhnen . Die liebe , gütige Frau herrschte mit einer so unwiderstehlich sanften Gewalt über mich , daß ich den Gedanken ihres Unwillens nie ertragen konnte , und es jedesmal herzlich bereute , sie gekränkt zu haben . Meine Bereitwilligkeit , zu ihr zurückzukehren , entzückte sie ; jede Spur des Unwillens war bei meiner Ankunft verwischt . Sie betrachtete mich mit rührendem Wohlwollen und führte mich durch tausend theilnehmende Fragen so leicht und gefällig in den Kreis meiner verlassenen Freuden zurück , daß ich sie noch einmal an ihrer Seite heraufführte und mit froherm Sinn genoß . So schwatzten wir die ersten Abende bis tief in die Nacht hinein . An einem derselben , als sie gefällig auf jedes kleine Abentheuer hörte , ward noch ganz spät ein Fremder bei ihr gemeldet , der ihr zugleich ein Blatt überschickte , auf welchem ich griechische Schriftzüge wahrnahm . Sie überflog es schnell , schlug beide Hände in höchster Bewegung zusammen , indem sie wiederholt ausrief : er lebt ! - er lebt , Fernando , um Gottes Willen ! Ein ältlicher Mann , von hoher , etwas gebeugter , Gestalt trat hier in das Zimmer . Er trug ein langes , graues Oberkleid , das mit einem weißlichen Gürtel zusammengehalten war ; sein gebleichtes Haar hing noch voll und lockig über große tiefliegende Augen , die sich unverwandt auf mich hefteten . Es war etwas Fremdes , Auffallendes , in dieser Erscheinung , was mich unwillkührlich anzog . Die Markise schrie laut auf und riß mich zu dem Fremden , der uns Beide fest umschlang , ohne ein Wort zu sagen , als fürchte er , aus einem glücklichen Traum zu erwachen . Ich wußte nicht wie mir war , mein Herz klopfte ungestüm ; alles Geheimnißvolle war mir von je her ängstlich . Ich hätte gern das dumpfe Schweigen durch eine dreiste Frage unterbrochen ; allein ein Blick auf den Fremden hielt mich gefangen . Meine Tante flüsterte zuerst einige Worte , wir traten auseinander ; die Beiden sprachen leise und heftig in einem Fenster , ich ging wie auf glühenden Kohlen auf und nieder . Todt ? - rief der Fremde plötzlich . - Großer Gott , ich wußte es , und dennoch - ! Der klagende Ton ging mir durch die Seele . Ich näherte mich ihm ; er streckte mir beide Arme entgegen und weinte heftig an meiner Brust . Morgen , lieber Fernando , sagte meine Tante , mich sanft wegdrängend , morgen sollst Du - Heute laß uns - Ich ging zur Thür ; ein leises Wimmern riß mich noch einmal zurück . Der Fremde lag , das Gesicht mit beiden Händen verdeckt , zusammengesunken in einem Stuhl und klagte in zerreißenden Tönen . Die Markise winkte mir ; ich ging still nach meinem Zimmer , ohne etwas Deutliches zu denken , ohne mich selbst einem bestimmten Gefühl zu überlassen . Die Luft ward mir hier zu enge ; ich öffnete das Fenster und starrte in die dunkle Nacht hinein . Morgen , dachte ich - Morgen ! warum nicht jetzt , nicht diesen Augenblick ? Was soll die geheimnißvolle Weise , was will der bekümmerte Alte ? Ich hatte große Lust , die ganze Begebenheit zu verspotten und in einigen lustigen Ausfällen die wehmüthige Unruhe von mir zu werfen , die mir fremd und drückend war ; allein es ging nicht , meine Brust zog sich ängstlich zusammen , ich fand nirgend Ruhe . Nach einer Weile hörte ich eine Thür öffnen , die aus dem Cabinet meiner Tante in den Garten ging . Ich lehnte mich weit aus dem Fenster , konnte indeß in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden . Ein leises Rauschen , wie ferne menschliche Tritte , ging über den Rasen hin ; dann ward alles wieder still . Ich warf mich halb ärgerlich , halb erschöpft , aufs Bett , ohne gleichwohl schlafen zu können . Nach einigen Stunden wiederholte sich dasselbe Geräusch . Thüren knarrten , Fußtritte gingen durch das Haus , alles leise , kaum hörbar . Zu Anfang strengte ich meine Aufmerksamkeit an , etwas Wahres zu unterscheiden ; allein es war ,