wohl , « versetzte Ottilie , » daß es gehen wird . « Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier . Die Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht , wie vollkommen Ottilie das Musikstück für sich selbst eingelernt hatte , aber noch mehr überrascht , wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wußte . Anzupassen wußte ist nicht der rechte Ausdruck ; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing , ihrem bald zögernden , bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten , dort mitzugehen , so schien Ottilie , welche die Sonate von jenen einigemal spielen gehört , sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben , wie jener sie begleitete . Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht , daß daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang , das sich zwar nicht taktgemäß bewegte , aber doch höchst angenehm und gefällig lautete . Der Komponist selbst hätte seine Freude daran gehabt , sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen . Auch diesem wundersamen , unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu , wie man oft kindische Handlungen betrachtet , die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht billigt und doch nicht schelten kann , ja vielleicht beneiden muß . Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene , und vielleicht nur noch gefährlicher dadurch , daß beide ernster , sicherer von sich selbst , sich zu halten fähiger waren . Schon fing der Hauptmann an zu fühlen , daß eine unwiderstehliche Gewohnheit ihn an Charlotten zu fesseln drohte . Er gewann es über sich , den Stunden auszuweichen , in denen Charlotte nach den Anlagen zu kommen pflegte , indem er schon am frühsten Morgen aufstand , alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf seinen Flügel ins Schloß zurückzog . Die ersten Tage hielt es Charlotte für zufällig ; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen ; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr . Vermied nun der Hauptmann , mit Charlotten allein zu sein , so war er desto emsiger , zur glänzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen ; denn indem er von unten hinauf , hinter dem Dorfe her , den bequemen Weg führte , so ließ er , vorgeblich um Steine zu brechen , auch von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet , daß erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten . Zum neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein schöner Grundstein mit Fächern und Deckplatten zugehauen . Die äußere Tätigkeit , diese kleinen , freundlichen , geheimnisvollen Absichten bei innern , mehr oder weniger zurückgedrängten Empfindungen ließen die Unterhaltung der Gesellschaft , wenn sie beisammen war , nicht lebhaft werden , dergestalt daß Eduard , der etwas Lückenhaftes empfand , den Hauptmann eines Abends aufrief , seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu begleiten . Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen , und so führten beide mit Empfindung , Behagen und Freiheit eins der schwersten Musikstücke zusammen auf , daß es ihnen und dem zuhörenden Paar zum größten Vergnügen gereichte . Man versprach sich öftere Wiederholung und mehrere Zusammenübung . » Sie machen es besser als wir , Ottilie ! « sagte Eduard . » Wir wollen sie bewundern , aber uns doch zusammen freuen . « Neuntes Kapitel Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden : die ganze Mauer , die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfaßte und erhöhte , ebenso der Weg an der Kirche vorbei , wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade fortlief , sich dann die Felsen hinaufwärts schlang , die Mooshütte links über sich , dann nach einer völligen Wendung links unter sich ließ und so allmählich auf die Höhe gelangte . Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden . Man ging zur Kirche , wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf . Nach dem Gottesdienste zogen die Knaben , Jünglinge und Männer , wie es angeordnet war , voraus ; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge ; Mädchen , Jungfrauen und Frauen machten den Beschluß . Bei der Wendung des Weges war ein erhöhter Felsenplatz eingerichtet ; dort ließ der Hauptmann Charlotten und die Gäste ausruhen . Hier übersahen sie den ganzen Weg , die hinaufgeschrittene Männerschar , die nachwandelnden Frauen , welche nun vorbeizogen . Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschöner Anblick . Charlotte fühlte sich überrascht , gerührt und drückte dem Hauptmann herzlich die Hand . Man folgte der sachte fortschreitenden Menge , die nun schon einen Kreis um den künftigen Hausraum gebildet hatte . Der Bauherr , die Seinigen und die vornehmsten Gäste wurden eingeladen , in die Tiefe hinabzusteigen , wo der Grundstein , an einer Seite unterstützt , eben zum Niederlassen bereit lag . Ein wohlgeputzter Maurer , die Kelle in der einen , den Hammer in der andern Hand , hielt in Reimen eine anmutige Rede , die wir in Prosa nur unvollkommen wiedergeben können . » Drei Dinge « , fing er an , » sind bei einem Gebäude zu beachten : daß es am rechten Fleck stehe , daß es wohl gegründet , daß es vollkommen ausgeführt sei . Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn ; denn wie in der Stadt nur der Fürst und die Gemeine bestimmen können , wohin gebaut werden soll , so ist es auf dem Lande das Vorrecht des Grundherrn , daß er sage : hier soll meine Wohnung stehen und nirgends anders . « Eduard und Ottilie wagten nicht , bei diesen Worten einander anzusehen , ob sie gleich nahe gegen einander über standen . » Das dritte , die Vollendung , ist die Sorge gar vieler Gewerke ; ja wenige sind , die nicht dabei