ich damit fertig , so las oder schrieb ich im Winter , und verrichtete für mich oder für andere irgend eine weibliche Handarbeit im Sommer . Immer war es mein Stolz gewesen , den größten Theil meiner Bekleidung selbst verfertigen zu können ; und diesen Stolz behielt ich bei , weil er mir niemals schaden konnte . So lange ich bei meinen Pflegeeltern lebte , war ich nie allein , wenn ich auch noch so früh aufstand ; denn meine Pflegemutter wenigstens war immer schon vor mir aus dem Bette . Es kam mir daher anfangs ein wenig schauerlich an , wenn ich , besonders im Winter , wo die Natur um fünf Uhr selbst noch schläft , das einzige wachende Wesen im ganzen Schlosse war ; doch , da ich einmal durchaus nicht im Bette bleiben konnte , wenn ich ausgeschlafen hatte , so suchte ich das unangenehme Gefühl des Alleinseyns durch eine verdoppelte Thätigkeit zu zerstreuen , und dies gelang mir so gut , daß es sich nach und nach gänzlich verlor . Sobald die Prinzessin aufgestanden war , frühstückte ich mit ihr , und von diesem Augenblick an war ich in allem , was Gewohnheit war , au courant des Hofes , ohne mir auch nur die kleinste Abweichung zu gestatten . In Hinsicht meiner Neigungen hatte ich größere Mühe , mich in den Hof zu schicken . Es gab besonders zwei Punkte , worin ich sehr gern meinem Genius allein gefolgt wäre , hätte es in meiner Gewalt gestanden , die Bedingungen zu machen . Der eine war der Tanz , der andere das Spiel . Um den Tanz zu lieben , fehlte es mir offenbar an Temperament ; und da man nicht mit Erfolg tanzen kann , wenn man nicht gern tanzt , so war ich in einer desto größeren Verlegenheit . Es kam aber noch dazu , daß die Prinzessin Caroline über diesen Punkt ganz entgegengesetzter Neigung war , und nicht aufhörte , mich in ihr Interesse ziehen zu wollen . Ich that zuletzt , was in meinen Kräften stand , und erreichte dadurch alles , was ich zu erreichen nur wünschen konnte . Aber im Ganzen genommen blieb mir der Tanz zuwider , und mein liebster Trost war immer , daß die Gelegenheit dazu nicht täglich wiederkehrte . Spielen hatte ich nie gelernt , wiewohl es mir auch dazu nicht an Gelegenheit gefehlt hatte . An den Hof versetzt , sah ' ich sehr bald ein , daß Fertigkeit in dieser Beschäftigung eine von den Haupttugenden sey , die ich mir erwerben müßte . Allein wie in den Besitz dieser Fertigkeit gelangen ? Ich ließ mich unterrichten , und ohne Mühe faßte ich die Regeln des Spiels . Doch wie wenig hatte ich dadurch gewonnen ! Die Hauptsache war und blieb , diese Regeln mit Leichtigkeit und Grazie anzuwenden ; und dahin konnte ich es nicht bringen . Es fehlte mir ganz offenbar der Spielgeist . Um ihn zu erhalten , sagte ich zu mir selbst : » das Spiel , so wie es am Hofe getrieben wird , ist ein pis aller ; weil es unmöglich ist , eine große Gesellschaft auf eine edle Weise in Thätigkeit zu setzen , so hat man diesen Ausweg erfunden , sie nicht ganz unbeschäftigt zu lassen . Ohne Spiel würde man in den Hofzirkeln von der Langenweile zu Tode gemartert werden , und jeder den Hof fliehen ; eben deswegen aber muß jeder , der dem Hofe keine Schande machen will , sich auf das Spiel verstehen . « Allein , wie ich mich auch stacheln mochte , ich kam in der Sache selbst nicht weiter ; ich war und blieb zerstreut , verlor mein Geld , und würde gern das Doppelte verloren haben , wenn ich nur hätte dispensirt bleiben können . Endlich schlug sich der Fürst selbst großmüthig ins Mittel ; und indem er erklärte , daß es künftig immer von mir abhängen sollte zu spielen oder nicht zu spielen , fand ich in meiner Abneigung von dem Spiele den Keim zu einer seltenen Tugend , die ich genauer analysiren muß . Wie ich sie nennen soll , weiß ich nicht ; ihrem Wesen nach aber bestand sie darin , daß , indem ich für alle Nichtspielenden die Gesellschaftsdame machte , ich die in der That nicht leichte Kunst lernte , mich mit allen Menschen , wenn ich mich so ausdrücken darf , zu ihrer und meiner Zufriedenheit aus einander zu finden . Es war zuletzt die Langeweile , die mich zur Unterhaltung hintrieb ; aber , indem ich diesem Stoße folgte , abstrahirte ich sehr bald , daß man , um mit Erfolg zu unterhalten , so wenig als möglich von dem Seinigen geben , und so viel als möglich von dem Fremden empfangen müße . In wenigen , sehr bestimmt ausgedrückten , das Individuum , welches man vor sich hat , tief ergreifenden Fragen muß die Kraft enthalten seyn , nicht nur Mittheilung überhaupt , sondern auch diejenige Art der Mittheilung zu erzwingen , welche den sämmtlichen Verhältnissen des Hofes entspricht . Die Fragen an und für sich würden nichts bewirken , wenn sie nicht unter solchen Wendungen gemacht und von solchen Manieren begleitet wären , daß , während das Gemüth in den Fesseln des Fragenden einhergeht , der Geist in Freiheit gesetzt wird . Vor allen Dingen kommt es darauf an , den Stolz , der in der Frage selbst liegt , so zu verschleiern , daß er gar nicht sichtbar wird . Eine Kunst , auf welche sich nur sehr Wenige verstehen , die aber , wenn ich nicht irre , das Criterion der gesellschaftlichen Bildung ist . Das ganze Manövre , welches man in dieser Hinsicht macht , setzt den allerschnellsten und feinsten Takt voraus ; denn der kleinste Fehlgriff zerstört das Werk , weil man sogleich aus der Stellung gehoben wird , in welcher man sich nothwendig befinden muß , um Anderen die Täuschung zuzuführen , daß