wissen , was ich am heutigen Tage essen würde . Ich hatte seit einiger Zeit das Frühstück abgeschafft , da ich es überflüssig gefunden ; nun wäre ich froh gewesen , es noch zu bekommen , allein die Wirtsleute durften nicht erfahren , daß ich hungerte , so wie es mir jetzt klar wurde , daß das erste Erfordernis meiner neuen Lage die strengste Geheimhaltung sei . Weil ich als ein Überbleibsel schon abgezogener Jugendvölker lebte , besaß ich in diesem Augenblicke nicht einen einzigen Vertrauten , dem man eine so auffällige Tatsache eröffnen konnte . Denn wer , ohne ein Bettler zu sein , eines Tages mitten in der Gesellschaft faktisch nicht mehr essen kann , macht ein Aufsehen wie ein Hund , dem man den Suppenlöffel an den Schwanz gebunden hat . Statt mich hinter meinen gemalten Wäldern still verborgen halten zu können , war ich daher gezwungen , um die Mittagszeit auszugehen . Es lag die hellste Frühlingssonne auf den Straßen ; alles eilte vergnüglich durcheinander , jeder nach seinem Tischorte . Ich ging gefaßt hindurch , ohne mir etwas ansehen zu lassen , und bemerkte hiebei , daß die Begierde zunächst nicht sowohl nach einer guten Mahlzeit als nach einem der frischen bräunlichen Brote ging , die ich vor den Bäckerläden liegen sah ; so schnell richtete sich der Wunsch des Bedürfnisses nur auf dieses einfachste und allgemeinste Nahrungsmittel , das uralte Wort vom täglichen Brote zu Ehren bringend . Aber nun galt es wieder , im Vorübergehen das gierige Auge nicht eine Sekunde daran haften zu lassen , damit die Herrschaft des geistigen Menschen aufrechterhalten blieb , und so ging ich auch , anstatt unentschlossen zu schlendern , raschen Schrittes in eine öffentliche Gemäldesammlung , um dort die Zeit anständig mit Betrachtung der Meisterwerke zu verbringen , deren Urheber in ihren Lebtagen auch dies und jenes hatten erfahren müssen . Es gelang mir , die nagenden Naturkräfte während einiger Stunden zu bändigen und den zwischen ihnen und mir schwebenden Streithandel zu vergessen . Als die Säle geschlossen wurden , ging ich sogleich aus der Stadt und lagerte mich am Flusse in einem frischbelaubten Gehölze , wo ich in leidlicher Ruhe verborgen blieb , bis es dunkel war . Seit zwei langen Tagen an den unheimlichen Zustand schon etwas gewöhnt , beschlich mich eine traurige Geduld , welcher derselbe allenfalls erträglich schien , wenn es nur nicht ärger käme . Ich hörte , wie alle Vögel allmählich ihr Zwitschern einstellten und die Nachtruhe der Kreatur eintrat , während das Geräusch der fröhlichen Stadt herübersummte . Als aber in der Nähe plötzlich das Geschrei eines Vogels ertönte , der von einem Marder oder Wiesel erwürgt wurde , raffte ich mich auf und ging nach Hause . Ähnlich verlief der dritte Tag , nur daß ich jetzt in allen Gliedern müde wurde , langsamer dahinschlenderte und auch in meinen zerstreuten Gedanken zusehends herunterkam . Eine fast gleichgültige Neugierde , wie es eigentlich werden solle , behielt die Oberhand , bis am vorgerückten Nachmittage , als ich ziemlich weit von Hause in einem offenen Garten saß , der Hunger so heftig und peinlich sich erneuerte , daß ich vollständig das Gefühl hatte , wie wenn ich in menschenleerer Wüste von einem Tiger oder Löwen angefallen wäre . Eine Art Todesgefahr war jetzt augenscheinlich ; aber sie bezwang gerade in dieser höchsten Not meinen neubestärkten Vorsatz nicht , keine Hilfe anzusprechen . Ich marschierte so ordentlich , als es gehen wollte , nach meiner Wohnung und legte mich zum dritten Male ungegessen zu Bette ; glücklicherweise mit dem Gedanken , daß das kein anderes und kein schmählicheres Abenteuer sei , als wenn ich mich etwa im Gebirge verirrt hätte und dort drei Tage ohne Nahrung zubringen müßte . Ohne diesen Trost würde ich eine sehr schlimme Nacht verlebt haben , während ich wenigstens gegen Morgen in einen schlafähnlichen Zustand geriet , aus welchem ich erst erwachte , als die Sonne schon hoch am Himmel stand . Freilich fühlte ich mich jetzt ernstlich schwach und unwohl und wußte nicht , was zu tun sei . Erst jetzt wurde ich recht ärgerlich und etwas weinerlich und gedachte der Mutter , nicht viel anders als ein verlaufenes Kind . Wie ich aber dieser Geberin meines Lebens gedachte , fiel mir auch ihr höchster Schutzpatron und Oberproviantmeister , der liebe Gott , wieder ein , der mir zwar immer gegenwärtig war , jedoch nicht als Kleinverwalter . Und da in der Christenheit das objektlose Gebet damals noch nicht eingeführt war , so hatte ich mich auf der glatten See des Lebens aller solcher Anrufungen längst entwöhnt . Diejenige , nach welcher sich unmittelbar der unkluge Römer eingefunden , war meines Erinnerns die letzte gewesen . In diesem Augenblicke der Not aber sammelten sich meine paar Lebensgeister und hielten Ratsversammlung , gleich den Bürgern einer belagerten Stadt , deren Anführer darniederliegt . Sie beschlossen , zu einer außerordentlichen verjährten Maßregel zurückzukehren und sich unmittelbar an die göttliche Vorsehung zu wenden . Ich hörte aufmerksam zu und störte sie nicht , und so sah ich denn auf dem dämmernden Grunde meiner Seele etwas wie ein Gebet sich entwickeln , wovon ich nicht erkennen konnte , ob es ein Krebslein oder ein Fröschlein werden wollte . Mögen sie ' s in Gottes Namen probieren , dachte ich , es wird jedenfalls nicht schaden , etwas Böses ist es nie gewesen ! Also ließ ich das zustande gekommene Seufzerwesen unbehindert gen Himmel fahren , ohne daß ich mich seiner Gestalt genauer zu erinnern vermöchte . Ein paar Minuten hielt ich die Augen geschlossen . Du wirst doch aufstehen müssen ! sagte ich mir und nahm mich zusammen . Wie ich nun so vor mich hinblickte , sah ich aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Glanz herüberleuchten , wie von einem goldenen Fingerring , nahe dem Boden . Es blinkte ganz seltsam und lieblich , da sonst dergleichen Licht keines im Zimmer war . So stand ich auf