um mir , der ich offenbar in das Parterre oder auf die Gallerie gehörte , einen so vornehmen Platz zu offeriren . Er blickte mich scheu an , aber er hatte mir das Billet schon gezeigt , konnte es nun nicht mehr verleugnen , und so mußte denn auch der Logen-Schließer gute Miene zum bösen Spiel machen und den Mann aus dem Volk in die aristokratische Loge lassen . Die Loge war bis auf den Platz , den ich einzunehmen hatte , gefüllt und dieser Platz befand sich in der tiefsten Ecke der Loge an der der Bühne zugekehrten Wand , so daß ich von der Bühne nur ein sehr kleines Stück , dafür aber bis in die tiefste Tiefe der ersten Coulisse und ebenso in die gegenüberliegenden Prosceniumslogen sehen konnte , außerdem , glaube ich , noch die Ausläufer von drei oder vier sich übereinander aufbauender Ränge . Als ich diesen beneidenswerthen Platz einnahm , hatten sich ein paar frisirte Herrenköpfe unwillig nach dem Störenfried umgeblickt , und sich dann ihre Bemerkungen , die für mich nichts Schmeichelhaftes zu haben schienen , mitgetheilt . Da ich indessen nicht aussehen mochte wie Jemand , dem man ohne Weiteres die Thür weisen konnte , ließ man mich unbehelligt , und ich durfte mich ungestört jenem Genusse überlassen , welchen jedem sinnigen Gemüth der Blick in eine Prosceniumsloge gewährt , die vollkommen leer ist , und in eine Seitencoulisse , in welcher ein Dutzend geschminkter Herren und Damen in spanischer Tracht augenscheinlich nur auf den Wink des Regisseurs warten , um die mir zum größten Theil unsichtbare Bühne zu betreten . Und jetzt mußte dieser Wink erfolgt sein . Die Herren und Damen in spanischer Tracht setzten sich in Bewegung und marschirten paarweise aus der Coulisse heraus ; ein oder das andere Paar , die ganz im Vordergrunde blieben , sah ich noch auf bereit gehaltenen Stühlen Platz nehmen . Dann hörte man Getümmel auf der Bühne , wie von hereindringendem Volke , und jetzt ertönte im Chor : Heil Preciosen , Preis der Schönen , Windet Blumen ihr zum Kranz ! Während dieses Gesanges ertönten Tamburins und Castagnetten ; auf der Bühne wurde applaudirt ; alle riefen : Es lebe Preciosa ! Preciosa lebe hoch ! und , als wenn der Ruf ein Echo fände , so erscholl jetzt aus dem ganzen Hause vom Grunde bis unter das Dach ein einstimmiges donnerndes Bravo ! bravo ! bravo ! und ich sah die Herren wüthend in die Hände klatschen und die Damen sich vorüber neigen , und das wollte kein Ende nehmen , und als es endlich so weit still geworden war , daß der eine von den beiden schwarzen Herren auf den Stühlen links im Vordergrunde , der , glaube ich , Don Fernando hieß , sagen konnte : bei Gott ! ein herrlich Mädchen ! und der Andere - Don Franzisco - ihm antwortete : ein bezaubernd schönes Kind ! - da brach der Jubel und das Bravorufen und das Händeklatschen von neuem los , daß es war , als müsse das Haus darunter zusammenbrechen , kaum daß die alte Zigeunermutter Ruhe genug fand , zu fragen , ob es den Herrschaften gefällig sei , » ihrer Enkelin Preciosa eine Frage vorzutragen . « Don Fernando wünscht : » ein freundlich Bild von des Kindes frommer Liebe in beglückter Eltern Armen . « Die wie von Leidenschaft vibrirende Stimme Don Alonzo ' s , den ich nicht sah , findet es bedenklich : » von der Elternlosen , von der Waise zu fordere , daß sie ein Glück besinge , welches der Himmel ihr entrissen . « Don Fernando bedauert , gerade auf so ein heikliges Thema verfallen zu sein ; aber Don Francisco unterbricht ihn mit den Worten : » Still , sie faßt sich , sie beginnt ! « dann eine kleine Pause und dann - Ich hatte alle diese Vorbereitungen mit einer Spannung verfolgt , wie wohl kein Einziger in dem weiten Hause . Ich kannte das Stück recht gut , ich hatte es , glaube ich , ein halbes Dutzend Mal auf unserer kleinen Bühne in Uselin bewundert . So sah ich alles , was dort , mir unsichtbar , auf der Bühne vorging , und ich wußte auch , daß jetzt der Moment gekommen sei , wo die Preciosa zum ersten Male sprechen würde . Es waren nur wenige Secunden , die zwischen den letzten Worten des guten Alten und den ersten Preciosa ' s verflossen ; aber sie dünkten mich eine Ewigkeit . Eine wunderliche Ahnung sagte mir , daß sie es sein müsse , und das Herz in mir tobte wild bei dem Gedanken , daß sie es sein könne ; und da schlug der erste Ton ihrer Stimme an mein Ohr , und mein Kopf sank gegen die Wand der Loge und ich sagte vor mich hin : Sie ! wirklich sie ! Ja , sie war es . Das Ohr hat ein treues Gedächtniß , ein treueres , als vielleicht irgend ein anderer Sinn , und das Ohr hatte in meiner Leidenschaft für Konstanze von Zehren den Kuppler gespielt , wenn ich des Abends am offenen Fenster stand und hinauf lauschte , ob ich , da ich sie doch nicht mehr sehen sollte , nicht wenigstens ihre Stimme wurde hören können , und wäre es auch nur ein Wort zu der alten Dienerin , besser freilich eines ihrer Lieder , die sie mit ihrer tiefen , weichen Stimme so köstlich zu singen verstand . Ja , sie war es , Konstanze von Zehren , die Tochter des Stolzesten der Stolzen , die Cousine Paula ' s , Schauspielerin , hier , auf der Bühne eines Vorstadt-Theaters ! Sie hatten sich sonderbar geändert die Zeiten , sehr sonderbar . Eine Wehmuth erfaßte mich , daß ich hätte weinen mögen ; ich wollte auch fort - es kam mir wie ein Verbrechen vor an dem Andenken meines unglücklichen Freundes , daß ich hier