kam eines Tages der Arzt angefahren . Er hatte , auf der Heimkehr begriffen , den Brief des Predigers erhalten , und den Umweg mehrerer Meilen nicht gescheut , den wiedergefundnen Kranken zu besuchen , und zu ergründen , ob vielleicht jetzt zu helfen sei . Mehrere Tage verweilend , sprach er nach genauer Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Übels aus , da sich keine Reizbarkeit zeige , und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis hervorbringen werde . Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre Entlassung , und die noch zurückblieben , wurden mehr von einer Notwendigkeit gefesselt , als durch einen Wunsch bestimmt . Wilhelmi reiste ab und zu , wie seine Häuslichkeit es ihm nur gestatten mochte . Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des Unglücklichen . Über Cornelien , zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war , sprach er mit diesem einen Plan ab , welcher wenigstens ihre nächsten Jahre sicherstellte . Seine Frau wünschte , bei erweiterter Familie , eine Gesellschafterin , der sie Kinder und Haus mit Zutraun übergeben konnte , wenn Zirkel , Theater oder Reisen sie selbst abberiefen . Wer war zu einer solchen Stelle geeigneter , als das schöne , sanfte , feste Mädchen ? Als beide Männer ihr diese Kondition vorschlugen , willigte sie ohne Zaudern ein . Wilhelmi bestimmte den Tag der Abreise , Cornelie ordnete ihre kleine Habe , und schien ganz ruhig und gefaßt zu sein . Nur fiel es denen , die sie näher kannten , auf , daß sie jede Stunde , welche ihre häuslichen Geschäfte ihr frei ließen , zu einsamen , oft weit wegführenden Wandrungen durch die Gegend benutzte . Ging sie , so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde stumpfer aussichtsloser Tage . Der Zustand der Menschen hier und in der Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender . Man spricht von einem Schattenreiche ; hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zurückgelassen . Zehntes Kapitel Der Wagen stand gepackt , Wilhelmi , bereit zum Einsteigen , wartete im Mantel , die Reisemütze auf dem Haupte . » Wo bleibt sie ? « fragte er etwas ungeduldig . » Sie pflegt sonst , die erste , fertig zu sein , was hat sie drinnen noch zu schaffen ? « » Geben Sie acht . Sie reisen allein ! « rief die Frau des Predigers , welche mit ihrem Manne , Lebewohl zu sagen , gekommen war . » Wie ? « riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi . » Ihr Männer seid so daran gewöhnt , eure Absichten durchgesetzt zu sehen , daß ihr zuweilen die nächsten und größten Hindernisse nicht wahrnehmt « , erwiderte die Frau . Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab , und ließ Cornelien bitten , sich zu beeilen . Der Bote kam sogleich mit der Meldung zurück , daß Mademoiselle ihren Koffer wieder begehre , da sie hier bleiben werde . Unwillig eilte Wilhelmi nach ihrem Zimmer . Der Prediger und seine Frau folgten . Sie fanden Cornelien beschäftigt , Reisehut , Umschlagetuch und andre Dinge , die sie noch hatte mitnehmen wollen , in den Schrank zu tun , wobei ihr Hermann half . » Sie geht nicht ! « rief er den Eintretenden entgegen , und sein blasses , unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck , wie wenn in tiefster Nacht der Höhle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen Lämpchens aufdämmert . Es war nicht Freude , aber dieser Blick sagte , daß das Wesen , welchem er angehörte , einst Freude gefühlt habe , und sie vielleicht dereinst wieder fühlen werde . » Was soll das bedeuten ? « fragte Wilhelmi unmutig . » Haben Sie mich zum besten ? « » Geh auf dein Zimmer , Hermann « , sagte Cornelie ruhig . Er ging . » Hören Sie mich an , ehe Sie mich schelten « , fuhr sie fort . » Ich war willens , mit Ihnen zu reisen , den Dienst in Ihrem Hause anzunehmen ; ich freute mich auf die große Stadt und alle die neuen Dinge , welche ich da sehen würde . Den Abschied von Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben . Nun aber konnte ich doch ohne den nicht von ihm gehn , da ich allen Leuten im Hause Lebewohl gesagt hatte . Als ich zu ihm trat , und er mir still glückliche Reise wünschte , seine Hand den Druck der meinigen nicht erwiderte , da war es mir auf einmal , als ob eine Decke von meinen Augen hinweggetan würde . Ist es Ihnen nicht auch begegnet , daß Sie , in träumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen , plötzlich bei dem Anblicke eines Baums , eines Felsens stutzen mußten , und Ihren Irrtum einsahen . Und sollen denn solche Male nur immer unsrem Geiste , unsrem Herzen fehlen ? « » Dies ist in der Tat die außerordentlichste Leidenschaft , welche ich jemals gesehen habe ! « fuhr Wilhelmi heraus . » Dem Gesunden versagten Sie sich , als ein gewährendes Wort ihn vielleicht gerettet , vor den Verwicklungen bewahrt haben würde , die seinen Zustand herbeigeführt haben mögen . Nun wollen Sie dem Kranken erstatten , was dieser nicht entbehrt , denn Sie sind ihm so gleichgültig , wie wir andern alle . Bedenken Sie , welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind . Wollen Sie etwa , wie Flämmchen einst , verkleidet , als sein Diener bei ihm bleiben ? « Eine Purpurröte überzog Corneliens Antlitz , ihre zarte Brust wurde von heftigen Atemzügen bewegt , sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf , und sagte mit zitternder Stimme , aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang : » Wenn es sein müßte , so würde ich allerdings das tun , was Sie , mich zu verspotten , da gesagt haben . Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte , weiß ich nicht . Da