im jähen Anprall zerschellen . — Es ist die verhängnisvolle Bedingung , unter der die Gottheit dem Einzelnen auserwählte Vorzüge und ungewöhnliche Kraft verleiht , daß er dann auch für sich selbst stehe , daß er mit dieser Kraft sich jedes Gut erkaufe , erkämpfe , das dem Einfältigen oft vom Himmel in den Schoß herniederfällt . So nur stellt der weise Schöpfer das Gleichgewicht an Glück zwischen dem Bevorzugten und dem minder Begabten wieder her . Dem Letzteren wird es geschenkt — der Erstere muß es verdienen ! Sie mußten sich einander sauer verdienen , diese beiden auserlesenen Menschen , sie mußten es sich gegenseitig schwer machen , um dem Gesetz zu genügen , das Gott solchen Naturen vorzeichnet . Denn er schreibt seine Gesetze nicht an den Himmel , sondern in das Menschenherz und all unser Streben nach Vervollkommnung ist im Grunde nur ein Bemühen jene Schriftzüge in unserem Innern zu entziffern . Aber wie oft lesen wir falsch , wie oft mißverstehen wir sie trotz des redlichsten Bemühens ! — Um wie viel mehr noch mußte dies bei einem Wesen wie Ernestine geschehen , das von Kindheit auf nicht gewöhnt war , die wortlose Sprache des Herrn zu deuten ? All ’ ihr Irren und Leiden entsprang wie bei den meisten Menschen nur aus einem Verkennen des göttlichen Willens . Hätte sie begriffen , daß es ihre Bestimmung sei , jedes Glück nur mit Opfern zu erkaufen , sie hätte dieselben freiwillig gebracht , sie hätte sie nicht verweigert und sich nicht gewehrt bis zum letzten Hauch , bis sie im Kampfe zerschmettert worden wäre . Es war der Mangel wahrer christlicher Geistesbildung , der ihr ganzes Leben verkümmerte und sie in mißverstandenem Drange , dem Rufe zu folgen , der auch an sie erging , Alles opfern ließ , nur das nicht , was Gott allein wohlgefällig ist , das eigene Selbst ! Aber auch Johannes , der Mann ohne Fehl , der so sicher die gerade Bahn des reinsten Grundsatzes erfolgte , auch ihm war in Ernestinens Leiden eine schwere Prüfung auferlegt . Von Stunde zu Stunde erkannte er es deutlicher , daß er selbst Ernestinen auf das Krankenbett geworfen hatte , daß er mit seiner rücksichtslosen Schilderung von der Gefahr , die ihr Leben bedrohte , das Maß dessen überschritten , was sie ertragen konnte , und bittere Reue peinigte ihn . Er geißelte sich selbst mit Vorwürfen und quälte sich mit tausend Gedanken , wie viel besser er es hätte machen können . „ Es ist ein gewagtes Ding , die Vorsehung eines Andern sein zu wollen , denn alle menschliche Berechnung trügt und die beste Absicht ist nicht Bürge für den Ausgang , “ sagte er in demselben Augenblick zu seiner Mutter , in dem Hilsborn und Gretchen ihre rosigen Zukunftspläne woben . „ Denn aller Ausgang ist ein Gottesurteil ! “ erwiderte die alte Frau . „ Amen ! “ sprach Johannes aus tiefster , beklommener Brust und sah starr vor sich hin . So blickt der Steuermann auf ein drohendes Felsenriff , dem er das ihm anvertraute Schiff im Nebel zugeführt und spricht : „ Bis hierher habe ich gesteuert , — nun steuere Gott ! “ Und Gott steuerte , aber langsam , martervoll langsam für die Ungeduld des Geängstigten . — — — Tag um Tag verstrich und Woche um Woche , ohne daß ein Zeichen der Besserung wahrgenommen wurde . Ernestinens Bewußtsein lichtete sich nicht , Heim schüttelte den Kopf . Er sagte eines Morgens selbst : „ Ich möchte wohl , daß Dein Schwager bald käme , Johannes ! Ich wäre begierig zu hören , was denn der von dem Zustand hält . “ Auf alle weiteren Fragen Möllner ' s antwortete er jedoch ausweichend . Moritz Kern war mit seiner Frau auf einer Ferienreise , wurde aber bald zurückerwartet . Es schien , als schwebe dem alten Heim ein Ausspruch auf der Zunge , den er nicht tun wolle , ohne sich noch vorher mit einem Dritten beraten zu haben . Johannes verzehrte sich in Sorge . Durch vier Wochen wich er nicht von Ernestinens Bett und schlief nie , als wenn Ernestine ruhig war und ihm das müde Haupt auf die Lehne des Stuhles sank . Niemand durfte die Pflege mit ihm teilen als seine Mutter und Gretchen , selbst die Willmers hielt er so ferne als möglich . Nur eine fremde Gestalt war hin und wieder an Ernestinens Lager zu sehen , eine stille , rührende Gestalt , die mit gefalteten Händen ruhig da saß und Niemanden störte : Es war der alte Leonhardt . Alle drei Tage ließ er sich von seinem Sohne auf das Schloß führen und Keiner hatte das Herz , dem Blinden das Plätzchen zu weigern , das er am Fußende des Bettes einnahm , um Ernestinens finstern Phantasien und Möllners schweren Atemzügen zu lauschen und dann und wann stillbekümmert den Kopf zu schütteln : „ Wenn sie nur so weit zu sich käme , daß man ihr die Sorge um das Leben nehmen könnte , die sie in diese Aufregung bringt , “ meinte der Greis einmal , „ dann würde sie wohl bald besser werden . “ „ Ja , Vater Leonhardt , “ erwiderte Johannes , „ Sie haben Recht wie immer . Aber nicht ein Augenblick der Klarheit — es ist zum Verzweifeln ! “ „ Bleiben Sie nur mutig , lieber Herr , “ sagte Leonhardt , — „ und denken Sie immer , daß Sie nichts taten als Ihre Schuldigkeit , das wird Sie stärken , komme was da wolle . “ „ Vater Leonhardt , Sie lesen in meinem Herzen . Ihr Trost ist gut , aber ich fürchte , es drohen mir Stunden , wo auch er nicht Stich hält . “ Während sie noch sprachen , fuhr Heims Wagen vor . Aber er kam nicht allein , er brachte Moritz mit . Leonhardt ließ sich in die Bibliothek führen ,