Annas Vater , der Schulmeister , sowie der und jener gute alte Freund gestorben , und noch andere waren aus der Welt gegangen , wie denn zuweilen , wenn die Jahre vorrücken , viele auf einmal gehen , die ihre Zeit erreicht haben . Sie hätte zwar alle diese Toten nicht befragt , was zu tun sei ; allein die Einsamkeit vergrößerte ihren Schrecken , und um nur wieder in Bewegung zu kommen und das Lebendige zu spüren , erfüllte sie mein Begehren . Sie suchte einen Geschäftsmann auf , der die verlangte Summe mit allen möglichen Umständen und Formen beschaffte , wobei sie als schüchterne Gesuchstellerin dazustehen hatte . Dann besorgte sie auf erhaltenen Rat mit sauren Gängen noch eine Handelsanweisung , die sie an mich abzusenden endlich froh war . In ihrem Briefe beschränkte sie sich auf eine Beschreibung dieser Mühen , anstatt sich in Ermahnungen und Klagen zu ergehen . Nun hatte ich , als ich meinen Brief geschrieben , im letzten Augenblicke und in der Furcht , zuviel zu verlangen , die Höhe der berechneten Summe fast auf die Hälfte heruntergesetzt und gedacht , es müsse auch so gehen . Der Betrag des Wechsels reichte daher kaum zur Bezahlung der Schulden aus , und auch so war ich genötigt , wenn ich nur auf kurze Frist etwas übrigbehalten wollte , für freundschaftlich Geliehenes da oder dort , wo kein Bedürfnis drängte , um Stundung zu bitten . An dem zögernden Gewähren merkte ich , daß die Bitte unerwartet kam , und so zwang mich die Beschämung , sie zurückzuziehen . Nur einer , der mein Erröten sah , wies das Geld zurück , obschon er in Bälde abzureisen willens war . Ich solle es ihm wiedergeben , wenn es mir leichter falle , er könne es jetzt entbehren und werde schon gelegentlich von sich hören lassen . Durch diese Nachsicht sah ich mich auf eine Reihe von Wochen noch geborgen . Aber der ganze Vorgang erweckte mir ein ernsteres Nachdenken über meine Lage und über mich selbst nach der inneren Seite hin . Plötzlich kaufte ich einige Bücher Schreibpapier und begann , um mir mein Werden und Wesen einmal recht anschaulich zu machen , eine Darstellung meines bisherigen Lebens und Erfahrens . Kaum war ich aber recht an der Arbeit , so vergaß ich vollkommen meinen kritischen Zweck und überließ mich der bloß beschaulichen Erinnerung an alles , was mir ehedem Lust oder Unlust erweckt hatte ; jede Sorge der Gegenwart entschlief , während ich schrieb vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern , aber nicht wie ein Sorgenschreiber , sondern wie einer , der während schöner Frühlingswochen in seinem Gartensaale sitzt , ein Glas alten Landweines zur Rechten und einen Strauß jünger Feldblumen zur Linken . Ich hatte in der trüben Dämmerung , die mich schon geraume Zeit umgab , das Gefühl bekommen , als ob ich eigentlich keine Jugend erlebt hätte ; und nun entwickelte sich unter meiner Hand eine Bewegung jungen Lebens , die trotz aller Bescheidenheit der Zustände und Verhältnisse mich gefangennahm , beschäftigte und bald mit glückseligen , bald mit reumütigen Empfindungen erfüllte . So gelangte ich bis zu der Stunde , da ich als Rrekrut auf dem Felde stand und die schöne Judith auswandern sah , ohne mich regen zu dürfen . Hier legte ich die Feder weg , weil das seither Erlebte mir noch gegenwärtig war . Die vielen beschriebenen Blätter brachte ich unverweilt zu einem Buchbinder , um sie mittelst grüner Leinwand in meine Leibfarbe kleiden zu lassen und das Buch in die Lade zu legen . Nach einigen Tagen ging ich vor Tisch hin , es zu holen . Da hatte der Handwerker mich mißverstanden und den Einband so fein und zierlich gemacht , wie es mir nicht eingefallen war , ihn zu bestellen . Statt Leinwand hatte er Seidenstoff genommen , den Schnitt vergoldet und metallene Spangen zum Verschließen angebracht . Ich trug die Barschaft , die ich noch besaß , bei mir ; sie hätte noch für mehrere Tage ausreichen sollen , jetzt mußte ich sie bis auf den letzten Pfennig hinlegen , um den Buchbinder zu bezahlen , was ich ohne weitere Besinnung tat , und anstatt zum Mittagessen zu gehen , konnte ich mich mit dem unnützesten Werke der Welt in der Hand nach Hause verfügen . Zum ersten Male in meinem Leben saß ich nicht zu Tisch , wohl fühlend , daß es mit dem Borgen und Bezahlen vorbei sei . In einigen Tagen wäre das merkwürdige Ereignis allerdings doch eingetreten ; dennoch überraschte es mich jetzt mit sehr stiller , aber unerbittlicher Gewalt . Ich verbrachte die zweite Hälfte des Tages auf meinem Zimmer und legte mich abends , früher als gewöhnlich , ungegessen zu Bett . Dort erinnerte ich mich plötzlich der weisen Tischreden der Mutter , wenn ich als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie mir dann vorhielt , wie ich einst vielleicht froh sein würde , nur solches Essen zu haben . Die nächste Empfindung war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen Folgerichtigkeit der Dinge , wie alles so schön eintreffe ; und in der Tat ist nichts so geeignet , den notwendigen Weltlauf gründlich einzuprägen , als wenn der Mensch hungert , weil er nichts gegessen hat , und nichts zu essen hat , weil er nichts besitzt , und dies , weil er nichts erworben hat . An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich von selbst alle weiteren Folgen und Untersuchungen , und indem ich nun völlige Muße hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war , überdachte ich von neuem mein Leben , trotz des grünseidenen Buches , das auf dem Tische lag , und gedachte meiner Sünden , welche jedoch , da der Hunger mich unmittelbar zum Mitleid mit mir selber stimmte , sich ziemlich glimpflich darstellten . Hierüber schlief ich friedfertig ein . Zu gewöhnlicher Zeit erwachte ich , auch zum ersten Mal ohne zu