hatte Angelika verstimmt , und auch über Seba beschwerte sie sich endlich . Der Caplan hatte ihr ruhig zugehört . Als sie ihre Mittheilungen abbrach , sagte er : Erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung , meine theure gnädige Frau , wie häufig der Mensch in seinem Wünschen irrt , wie wenig es seinen Erwartungen entspricht und seinem Glücke dient , wenn die ersehnte Erfüllung ihm gewährt wird . Ich fürchtete es , daß jene ausschließliche Mutterliebe , die ihr Kind allein besitzen , die es selbst mit seinem Gotte nicht theilen mag , Sie beunruhigen würde , und es ist gekommen , wie ich es voraussah . Nehmen Sie diese Erfahrung als eine Erkenntniß hin , die der Himmel Ihnen darbietet , und fügen Sie sich der Frau Gräfin in dem Gleichgültigen , in dem Unwesentlichen , um desto fester Ihre selbsterworbene und selbständig bethätigte religiöse Ueberzeugung zu behaupten . Verbergen Sie sich vor der Frau Gräfin weder mit Ihren abweichenden Meinungen , noch mit jenen religiösen Uebungen , welche unsere Kirche uns auferlegt , und auch in Bezug auf Ihre Freundin thun Sie Ihrem Empfinden keinen Zwang an . Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht , aber eine noch erhabenere Aufgabe ist es , dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen , dessen Auge verdunkelt ist , daß er sich selber nicht zu erkennen vermag , ein Führer und eine Stütze zu sein . Ich billige und lobe es , daß Sie sich Seba in Ihrer Weise näherten , daß Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten , um Vertrauen zu gewinnen ; nur vergessen dürfen Sie es nicht , daß dieses reichbegabte Mädchen von Jugend auf sich selber überlassen war , daß ihr der geistige , der göttliche Anhalt fehlte , dessen wir uns rühmen und getrösten , und daß sie also leichter als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte . Eine dunkle Röthe , ein Erschrecken flogen über die Baronin hin . Halten Sie es für möglich .... ! rief sie und wagte nicht , dem Gedanken Worte zu geben , den der Geistliche in ihr erweckt . Er zuckte die Schultern . Wir sind Alle fehlbar ! sagte er mild . Ihre Freundin Seba ist zu großer Liebe , zu großer Hingebung geneigt , und unsere jungen Edelleute - einen jungen Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den Gegenstand von Seba ' s Neigung - unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht streng . Wer kann es wissen , ob es dem armen Mädchen nicht unmöglich ist , Ihr Vertrauen zu erwiedern , ob es sich nicht verbirgt , aus Furcht , Ihrer Liebe verlustig zu gehen ? Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres Schweigens willen nicht zurück . Die Baronin hatte die Hände unwillkürlich gefaltet . Sie konnte sich in die Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden , denn sie hatte Seba immer weit über sich gestellt , hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt und verehrt , und sollte sie jetzt plötzlich schuldig , sollte sie sich in einem sträflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken . Sie wollte diese Vorstellung von sich weisen , den Caplan eines unbegründeten Verdachtes zeihen , aber es stimmte so Vieles zusammen , es erklärten sich mit dieser Voraussetzung für die Baronin plötzlich einzelne auffallende Erlebnisse , die sie mit Seba gehabt hatte , sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin nicht mehr unterdrücken . Weit entfernt jedoch , sich dadurch von ihr losgetrennt zu fühlen , stieg ein sie überwältigendes Mitleid für Seba in ihr empor und erhöhte und erhob die Liebe , welche sie bisher für sie gehegt hatte . Der Caplan störte sie in diesem Empfinden nicht . Er hatte ohnehin ihre Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken , denn man durfte der Baronin die Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht länger vorenthalten , wenn man sie nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschütterung durch irgend eine zufällige Mittheilung derselben aussetzen , und wenn man , worauf es dem Freiherrn besonders ankam , den gräflichen Eltern die Kenntniß gewisser Verhältnisse entziehen wollte . Alles , was sie hören und erfahren mußte , steigerte mit den Sorgen der Baronin ihr Verlangen , bald wieder in ihrer Heimath zu sein . Sie hoffte ausgleichen , vermitteln zu können ; die Aufregung , in welcher sie sich befand , täuschte sie über das Maß ihrer Kräfte . Sie entwarf Plane für eine völlig neue Lebensführung , sie traute es sich zu , ihren Gatten allmählich zu einer solchen überreden zu können , sie wünschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers zu verhüten , und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt hatte , so wünschte sie jetzt , grade wie bei dem ersten Besuche , welchen ihre Eltern ihr in Richten gemacht , daß die Anwesenheit derselben erst vorüber und sie in der Lage sein möchte , die von ihr jetzt für unerläßlich gehaltene Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen . Die Gräfin bemerkte es , daß Angelika zerstreut war , wollte den Grund davon entdecken und zeigte sich unzufrieden , als ihr dieses nicht gelang . Die beiden Frauen , wie sehr sie einander auch liebten , kamen sich nicht von Herzen nahe , sie hatten an einander vielerlei zu schonen , und Angelika sprach es gegen den Caplan noch an demselben Abende aus , wie sie fühle , daß eine Frau , selbst wenn ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entspräche , ihre Heimath doch ausschließlich in dem Hause ihres Gatten , in der mit ihm begründeten Familie habe , und daß es sicherlich nicht leicht für sie sein werde , die Ansprüche ihrer angebornen Verwandten zu befriedigen , den alten Pflichten zu genügen , ohne die neuen zu beeinträchtigen . Der Caplan gab ihr dies zu . Er sah , daß er von dem Einflusse der Berka ' schen Familie