worden . Überdies hatte sich der rheinische Gottesmacher auf den Bock gesetzt und war treulich besorgt gewesen , die kranke Schöne in ihrer Behausung unterzubringen . Als einige Tage verflossen waren und die Blume jenes Gerüchtes völlig aufgegangen , versammelte der Gottesmacher einige Musikgenossen , mit welchen er gewöhnlich Quartett spielte , und übte mit ihnen einen ganzen Tag lang . Am Abend führte er sie vor Agnesens kunstreiches Häuschen ; der Violoncellist , welcher ein Landschafter war , hatte seinen Feldstuhl mitgenommen und setzte sich auf denselben zum Spiele , die anderen drei standen neben ihm , und nachdem sie leise und sorgfältig die Saiten gestimmt , erklangen die harmonischen , gehaltenen Töne der Geigen über den kleinen , stillen Platz . Augenblicklich öffneten sich alle Fenster in der Runde , die Nachbaren steckten neugierig entzückt die Köpfe in die laue Märznacht hinaus , und die Frauen und Mädchen spähten , wem die unerwartete Serenade gelten möchte . Die Musiker spielten einige ernste , klagende Stellen aus älteren Tonwerken , deren edle , kräftige Unbefangenheit süß und wohllautend das helle Mondlicht durchklang und in ihrer klaren Bestimmtheit mit den scharfen Umrissen der voll beleuchteten Gegenstände wetteiferte . Agnes saß zuhinterst in der matt erleuchteten Stube ; die schöne Musik tönte in ihren dumpfen Schmerz hinein , sie erhob das schwere Köpfchen und lauschte alsobald mit kindlich neugierigem Wohlbehagen den Tönen , ohne sich zu wundern noch zu kümmern , woher sie kämen . Ihre Mutter dagegen eilte ans Fenster , und sobald sie sich überzeugt hatte , daß die Herren nur an ihr Haus hinaufspielten , rief sie » Bei Marias Hilf und frommer Fürbitte ! Wir haben ein Ständchen ! Wir haben ein Ständchen ! « Sie zündete sogleich die zwei rosenroten Wachskerzen an , welche sonst immer wie Altarleuchter vor ihrem Bildnisse standen , und stellte dieselben feierlich auf den Tisch , damit jedermann an der hell erleuchteten Stube sehen sollte , wem die Musik gelte . Dann zog sie ihre Tochter , die sie kurz vorher gescholten hatte , freundlich zum Fenster , und Agnes sah lächelnd auf die freundlichen Musiker nieder . Diese gingen nun in einen raschern Takt und in hellere Weisen über , und nachdem sie dieselben mit kräftigem Bogenstrich geschlossen , begannen sie plötzlich , ebenso geübt im Gesange wie im Spiel , ein vierstimmiges Frühlingslied zu singen , daß der wohltönende Gesang heiter in die Lüfte stieg . Sie begleiteten sich selbst auf ihren Instrumenten , bald mit zartem Bogenstrich , bald mit der Hand die Saiten rührend . In der zarten und doch festen Tüchtigkeit dieses Vortrages tat sich ein wohlbestelltes Gemüt kund , und die zusammenklingenden Männerstimmen richteten Agnesens Seelchen auf und drangen mit ehrendem und tröstendem Schmeicheln in ihr verzagtes Blut . Sie errötete freundlich und schlief diese Nacht wieder zum ersten Mal froh und ruhig , in beiden zierlichen Ohrmuscheln die wohltuenden Töne bewahrend . Am andern Tage fand sich der Gottesmacher im Häuschen der Malerswitwe ein und stellte sich als den Urheber des nächtlichen Konzertes vor . Die Alte errötete noch mehr als ihre Tochter , und alle drei befanden sich in einiger Verlegenheit . Um diese zu unterbrechen , erbat sich der Rheinländer Entschuldigung für die Freiheit , die er sich genommen , so ohne weiteres mit einer Nachtmusik aufzuwarten , und zugleich die Erlaubnis , seine Besuche fortsetzen zu dürfen . Diese wurde ihm gewährt ; das junge Mädchen fand sich durch die musikalische Ehrenrettung aus einer peinvollen und öden Lage erlöst ; sie fühlte nun reiner das süßherbe Weh des Liebesunglückes , und in ihr Leid um Ferdinand Lys mischte sich mit nicht abzuwehrender Wärme die Dankbarkeit gegen den wohlgesinnten Gottesmacher . Dieser brachte mehrere Male seine Freunde samt den Instrumenten mit und führte mit ihnen in Agnesens Wohnung kleine Konzerte auf , denen niemand zuhörte als sie und ihre Mutter . Die klare Musik , die wohlgemessenen Töne hellten ihren Geist auf und erweckten reifende , bewußte Gedanken in ihr , so daß eine ernste Haltung , ein inhaltsvollerer Blick mit ihrer Kindlichkeit und ihrem naiven Wesen sich mit großem Reize vereinigten . Als eines Abends der Gottesmacher sich mit seinen Freunden entfernt hatte , kehrte er gleich darauf allein zurück und in sonderbarer angenehmer Aufregung , und indem er einen glänzenden Blick auf die reizende Gestalt des Mädchens warf , küßte er der Mutter die Hand , nahm sich zusammen und hielt , im Anfang nicht ohne Stottern , folgende Rede : » Sie sind , liebeköstliche Agnes - Ihre Tochter ist , verehrte Frau ! von einem glänzenden Liebhaber herzlos verlassen . Weder mit den persönlichen Vorzügen noch mit den Reichtümern jenes Treulosen begabt , fühle ich dennoch mich unaufhaltsam getrieben und gezwungen , das Glück herauszufordern , mich an die Stelle des Verschwundenen zu drängen und mit meiner Hand der Verlassenen ein leidenschaftlich erregtes , aber dauerhaftes und treues Herz anzubieten ! - Ich bin ein Silberschmied und am Rhein zu Hause ; meine Eltern sind mir schon früh gestorben , so daß ich von Jugend auf allein in der Welt stand . Aber nachdem ich in Arbeit , Musik und Lustigkeit viele sorgenvolle und lustige , klangvolle Jahre zugebracht , fiel mir von weiter Verwandtschaft her das Erbe eines schönen , frommen und nährenden Heimwesens zu , durch den Schutz der gebenedeiten Jungfrau . Ich hatte nun reichlicher zu leben und durfte , einigen künstlerischen Neigungen folgend , mit denen ich versehen bin , auf einige Jahre hierherkommen , um in dieser gut katholischen Stadt mein Handwerk durch etwas gute Bildnerei verbessern zu lernen . Die vorgesetzte Zeit ist nun vorüber , ich kehre nächstens an den schönen Strom zurück , wo Kirchen , Klöster und vornehme Prälaten meine Arbeiten begehren . Mein Gut liegt zwischen zwei uralten Städtchen am sonnigen Abhang , aus dem Hause tritt man in den Garten und schaut den goldenen Rheingau hinauf und hinunter , Türme und Felsen schwimmen in bläulichem Dufte ,