Siegesfreude vergaßen sie willig die schweren Opfer , die sie für diese Befreiung dargebracht hatten . Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch täglich kleine Gefechte vor mit versprengten französischen Truppen , die noch nicht über den Rhein zurück gekonnt hatten , und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit seitwärts gedrängt , und mußten oft mit einer überlegenen Macht kämpfen und zuweilen fast untergehen , ehe sie einen Punkt fanden , wo sie durch erkaufte Schiffer oder andere Mittel über den Rhein nach Frankreich zurück gelangen konnten . Auch in der Nähe des Landsitzes , wo der Graf Hohenthal mit seiner Familie lebte , hallten oft die Berge den Donner des Geschützes zurück , und als dieser endlich schwieg , hörte man doch noch täglich kleines Gewehrfeuer , oft ganz in der Nähe des friedlichen Wohnsitzes . Unter solchen Umständen fand es der Greis Dübois angemessen , alle Pforten und Thore wohl verschlossen zu halten , und es war sein strenger Befehl , Niemandem , der klopfen möchte , zu öffnen , ohne ihn vorher zu rufen , damit er erst vernehmen könne , ob Freund oder Feind Einlaß begehre . In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder geängstigt worden , weil man gegen Abend ganz in der Nähe hatte schießen hören , und Dübois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt . Die Dämmerung des Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht ; ein leichter Nebel schwebte über dem Rhein und deckte die Häupter der gegenüber liegenden Berge . Die Familie des Grafen war in einem Saale versammelt , dessen bis auf den Boden reichende Fenster nach dem Garten zu gingen . Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben hinaus auf eine kleine Terrasse , die längs den Fenstern hinlief , und wenn die Thüre zu diesem Zweck geöffnet wurde , strömte der Duft von Reseda und spät blühenden Blumen in den Saal , wo ein schwaches Kaminfeuer brannte . Der Antheil , den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen , erfüllte doch , wie lebhaft er auch sein mochte , nicht so ganz ihr Herz , daß nicht auch die Trauer über den abwesenden Sohn und Gatten , über dessen Schicksal ein düsteres Schweigen ruhte , Raum darin behalten hätte , und so wechselten Gespräche über die nächsten Hoffnungen des Vaterlandes und über Evremont mit einander abwechselnd ab , und obgleich nichts vorgefallen war , was die Sorge über sein Geschick hätte lindern können , so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz ; denn es ist ein im Gefühl ruhender Glaube , daß eine glückliche Begebenheit ein Unterpfand sei , durch das uns das Schicksal verbürge , daß sich nun Alles zu unserm Heile gestalten werde . Diese friedlichen Gespräche wurden plötzlich durch ein lautes Klopfen an die äußere Pforte unterbrochen . Der Einlaß Begehrende schien ungeduldig , denn er wiederholte nach kurzen Zwischenräumen lauter und heftiger die Schläge mit dem metallenen Klopfer an das Thor , so daß der Schall weit durch die Nacht tönte . Dübois , in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgniß erregten , näherte sich in Begleitung des Gärtners und eines starken , breitschultrigen Bedienten dem Thore , und gab dem Gärtner den Auftrag zu fragen , Wer draußen sei und Einlaß begehre , und er hoffte , daß dessen tiefe Baßstimme dem etwaigen Feinde Achtung einflößen würde , indem er daraus schließen werde , daß wehrhafte Männer vorhanden wären , die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu vertheidigen im Stande wären . Um Gottes Willen macht doch auf , rief eine etwas kreischende Stimme in Thüringer Mundart von draußen , und gebt christlichen Menschen eine vernünftige Antwort . Ueberrascht horchte Dübois auf diese Töne ; doch wollte er seinem Ohre nicht trauen und befahl dem Gärtner leise , noch ein Mal zu fragen , wie viel Personen Einlaß begehrten . Für jetzt bin ich allein , lautete die ungeduldige Antwort , und ich begehre nichts von Euch , als daß Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute Bezahlung einen Boten verschafft , der mich und meine Begleiter , die wenige Schritte von mir sind , nach dem Wohnorte des Grafen Hohenthal führt . Alle Zweifel waren bei dem würdigen Haushofmeister verschwunden . Mit freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurückschieben , doch seine schwachen zitternden Hände verursachten nur eine unnütze Verzögerung , da drängte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender Anstrengung das Eisen zurück , worauf sich das Thor öffnete und der Außenstehende das silberweiße Haupt des Greises erblickte . Dübois , werther alter Freund , rief er in freudiger Ueberraschung , indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in seine Arme schloß , daß der entkräftete Alte nur mühsam die Worte an seiner Brust keuchte : Bester Herr Doktor , gewiß ich bin entzückt , aber Sie werden mich ersticken . Erschrocken ließ der Arzt , denn es war Niemand anders als der würdige Doktor Lindbrecht , den Greis plötzlich aus seinen Armen los , der in Folge dieser unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wäre , und streckte ihm die Hand entgegen . Dübois senkte seine schmale Hand in die kräftige des Arztes und empfand einen Druck der Freundschaft , der ihm Thränen des Schmerzes aus den Augen preßte . Doch überwund der höfliche Franzose dieß neue Ungemach und erwiederte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte . Ist dieß der Wohnsitz des Grafen ? fragte endlich der Arzt , nachdem er sich von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte . Gewiß , erwiederte Dübois , und den Herrn Grafen wird Ihre unvermuthete Ankunft höchlich erfreuen . Ich komme nicht allein , versetzte der Arzt mit listigem Lächeln ; ich komme mit Freunden und auch mit Feinden , und sehen Sie , alter Freund , da sind sie schon . Ich war nur voran geeilt , weil ich hier Licht erblickte , wollte die nöthigen Erkundigungen einziehen und fand mich unvermuthet