„ Siehst Du nun ein , daß Du Dich nicht an den Pflichten versündigst , die Du Dir auferlegt , wenn Du auch mir die Entschädigung gewährst , die ich von Dir erflehe ? “ „ Ja , mein Freund , “ sagte das Mädchen nach einer Pause . „ Und wenn ich nun nicht weniger erflehte , als Dich selbst — und zwar fürs ganze Leben ? Gretchen — würdest Du das sehr unbescheiden nennen ? Würdest Du den Ersatz , den Du leisten sollst , größer finden als das , was Dein Vater mir geraubt ? “ „ Nein , o nein — viel zu gering ! “ flüsterte Gretchen mit leuchtenden Augen . „ Nicht zu gering , gewiß zu groß ! Aber die Liebe , Gretchen , die mißt nicht so genau , nicht wahr ? Du hast Alles in Deiner Hand , mein Mädchen . Dein Vater nahm mir meinen Vater — er gibt mir dafür sein Kind und wir sind quitt ! Ist das nicht richtig , mein Gretchen ? “ Das Mädchen hielt sich mit beiden Händen den Kopf : „ O , ist es denn möglich , kann es denn sein ? So viel Segen sollte aus allem Fluch entspringen ? O , solche Gnade verdiene ich ja nicht ! Es wäre kein Unrecht , sondern eine Pflicht , Dich zu lieben , dem ich um meiner Pflicht willen entsagen zu müssen glaubte ? Ich wollte arbeiten und mich mühen für meines Vaters Schuld und meine Mühe soll in Nichts bestehen als in der Hingabe an einen geliebten Mann ? Und meine Buße verwandelt sich in Freude ? O , ich kann ’ s nicht fassen , nicht glauben — es ist zu viel ! “ Und sie warf sich fast taumelnd an Hilsborns Brust : „ Aber wie soll ich es nun machen ? Du und Ernestine , Ihr habt die gleichen Rechte an mich , wie dem Einen genug tun und dem Andern nicht zu wenig ? O , hilf , rate , daß ich nicht eine Pflicht um der andern willen versäumen muß , denn nur wo ein reines Bewußtsein — ist ein reines Glück ! O , Bester , erhalte mir ’ s , damit ich glücklich sein könne ! “ — „ Mein Gretchen , “ sagte Hilsborn , „ ich verstehe Dich , wie ich Dich von Anfang an verstanden . Ich werde Dir helfen , Dein kindliches Gewissen zu beruhigen . Ich möchte Dir jedes köstliche Gut zum Angebinde geben , wie sollte ich Dir das köstlichste nehmen — Deinen Seelenfrieden ? Nein , gewiß nicht ! In der Liebe ist Frieden und Du sollst ihn an meinem Herzen ganz und ungestört genießen ! Deshalb , mein Mädchen , sollst Du fürs Erste Ernestinen pflegen helfen , so lange und so viel es Deine Kräfte erlauben . Ich werde bei Dir sein , so oft ich kann , und ein Wörtchen , ein Blick wird uns immerhin vergönnt bleiben . Wahre Liebe ist genügsam — sie bescheidet sich mit Wenigem , denn ihr ist auch das Wenige — viel ! Ich will keine Minute für mich beanspruchen , die Du Deiner Pflicht gegen Ernestine entziehen müßtest , denn das würde Dich beunruhigen . Wir wollen unsere Verlobung noch Niemandem mitteilen als meinem edeln Pflegevater Heim , ohne dessen Segen ich nichts beginnen mag . Den guten Möllners , die so schwer zu tragen haben , könnte unsere Freude weh tun . Dann aber , dann , mein Gretchen , wenn Ernestine gesund ist , wollen wir eine Seligkeit genießen , die uns Niemand streitig machen kann . Und wenn , was ich aber kaum glaube , wirklich keine Vereinigung Ernestinens mit Johannes stattfände , so schwöre ich Dir , daß ich Dir treulich helfen werde bei Allem , was Du für sie tun willst . Wir nehmen sie in unser Haus auf , sie soll mir eine Schwester sein . Ist es so recht , meine süße Braut ? “ „ Ja , ach , Du liesest in meiner Seele . Denn bei Gott , dem Allmächtigen , bevor ich Ernestinen nicht versorgt und zufrieden sähe , könnte ich sie nicht verlassen , könnte Deine Gattin nicht werden “ — sie errötete über und über und barg das Gesicht an seiner Brust : „ Gattin — ach , wie das klingt ! Ich betrachtete mich kaum als erwachsen — und nun soll ich eine Frau werden , die Frau eines so lieben Mannes ! Ach , wenn das meine Freundinnen hören , sie werden es nicht glauben , kann ich selbst es doch kaum begreifen ! “ „ , O, Du , kleine , liebliche Gattin , “ rief Hilsborn entzückt , „ ich will mir alle Mühe geben , es Dich begreifen zu lehren — und ich denke , der Unterricht wird nicht so schwer werden . “ „ Ach , ich denke es auch , “ lächelte Gretchen und zum ersten Male bekamen die traurigen , braunen Augen einen ganz leisen Anflug von Schelmerei . So hatten sich diese beiden Herzen zusammen gefunden , schnell , wie die Jugend immer liebt , gläubig , kampflos , während drüben im Krankenzimmer zwei Herzen in Todesqual mit einander um die Herrschaft rangen > Durch die Nacht schwerer Irrtümer und Verblendung , die Ernestinen gefangen hielt , mußte sich die Liebe in ihnen erst zu dem Licht emporringen , in welchem die jungen , harmlosen Seelen Gretchens und Hilsborns sich sonnten , durch keinen Engel mit dem Flammenschwerte aus ihrem Eden vertrieben . — Die gewaltigen Naturen Ernestinens und Möllners mußten sich im Kampfe begegnen , — jede bildete eine beson ­ dere abgeschlossene Welt für sich , eine davon mußte der andere zertrümmern , bevor sie sich zu einem ganzen vereinigen konnten . Je weiter sie von einander entfernt waren und je mächtiger sie sich anzogen , desto sicherer mußte die schwächere an der stärkeren