er mir die Hand . Diana , welche zufällig in der ausgelassensten Laune ( sie unterlag seinem Willen nicht in qualvoller Weise wie ich , denn der ihre war nach einer anderen Seite hin ebenso stark wie der seine ) rief aus : » St. John ! du pflegtest Jane deine dritte Schwester zu nennen , aber du behandelst sie nicht als solche ; du solltest sie ebenfalls küssen ! « Sie schob mich zu ihm . Ich fand Diana sehr herausfordernd und war unbehaglich verwirrt . Und während ich noch so fühlte und dachte , neigte St , John den Kopf ; sein griechisches Gesicht befand sich in einer Linie mit dem meinen , seine Augen suchten forschend die meinen – er küßte mich . Es giebt wohl keine Marmorküsse oder Eisküsse , sonst würde ich sagen , daß die Liebkosung meines geistlichen Vetters einer dieser Klassen angehörte ; aber es mag ja Experimentküsse geben – und der seine war ein Experimentkuß . Nachdem er ihn gegeben , betrachtete er mich , um die Wirkung zu beobachten ; sie war nicht sehr auffallend ; ganz bestimmt errötete ich nicht ; vielleicht bin ich ein wenig blaß geworden , denn ich empfand diesen Kuß wie ein Siegel auf meine Fesseln . Dann unterließ er diese ceremoniöse Begrüßung niemals wieder , und der Ernst und die Unterwürfigkeit , mit welcher ich mich derselben unterzog , schien sie für ihn mit einem gewissen Reiz zu umkleiden . Was mich anbetraf , so wünschte ich täglich mehr , ihn zufrieden zu stellen . Aber um dies zu thun , empfand ich auch täglich mehr und mehr , daß ich mehr als die Hälfte meiner Natur verleugnen müsse , meine Neigungen unterdrücken , meine Wünsche mit Gewalt aus ihrer ursprünglichen Richtung drängen , mich zu Beschäftigungen und Liebhabereien zwingen , zu denen ich von Natur keinen Beruf in mir verspürte . Er wollte mich zu einer Höhe emporheben , zu welcher ich mich nicht aufschwingen konnte ; jede Stunde mühte ich mich ab , die Standarte zu erreichen , welche er so unerreichbar hoch aufgepflanzt hatte . Und dies war gerade so unmöglich , als wenn ich versucht hätte , meine unregelmäßigen Gesichtszüge nach seinem klassischen Muster umzumodeln , meinen grünschillernden , beständig die Farbe wechselnden Augen die wasserblaue Farbe , den feierlichen Glanz der seinen zu geben . Es war indessen nicht sein überlegener Einfluß allein , der mich für den Augenblick in Fesseln hielt . Seit einiger Zeit war es mir leicht genug geworden , traurig auszusehen ; ein zehrendes Übel nagte an meinem Herzen und erstickte mein Glück schon an seiner Quelle – das Übel der Ungewißheit , des Zweifels . Vielleicht , mein Leser , glaubst du , daß ich Mr. Rochester vergessen hatte , seitdem mein Schicksal sich gewendet und meine Umgebung sich verändert . Nicht für einen einzigen Augenblick ! Sein Andenken war stets wach ; denn es war nicht ein Nebel , welchen heller Sonnenschein verjagen konnte , nicht ein Bild , das in den Sand gezeichnet und von Sturmeswogen ausgelöscht werden konnte . Es war ein Name , der mit ehernem Griffel auf eine Tafel geschrieben , der ebensolange dauern mußte , wie der Marmor , welcher seine Züge trug . Die Sehnsucht , zu erfahren , was aus ihm geworden , folgte mir überall hin ; als ich noch in Morton war , trat ich jeden Abend in meine Hütte , um daran zu denken , und jetzt in Moor-House suchte ich allabendlich mein Zimmer auf , um die ganze Nacht hindurch diesem Gedanken nachzuhängen . Im Laufe meiner notwendigen Correspondenz über das Testament mit Mr. Briggs hatte ich angefragt , ob er irgend etwas über Mr. Rochesters Gesundheit und seinen gegenwärtigen Aufenthalt wisse ; aber wie St. John bereits vermutet , befand er sich in totaler Unwissenheit über alles , was Mr. Rochester anging . Dann schrieb ich an Mrs. Fairfax und flehte sie an , mir über diese Angelegenheit Auskunft zu geben . Ich hatte mit Sicherheit darauf gerechnet , daß ich durch diesen Schritt meinen Zweck erreichen werde ; ich war überzeugt , daß ich eine umgehende Antwort erhalten würde . Dann war ich erstaunt , als zwei Wochen vergingen , ohne daß diese Nachricht kam ; als jedoch zwei Monate verflossen , und die Post Tag für Tag eintraf , ohne irgend etwas für mich zu bringen , da fiel ich der tödlichsten Angst zum Opfer . Ich schrieb noch einmal . Es war die Möglichkeit vorhanden , daß mein erster Brief in Verlust geraten . Der neuen Bemühung folgte neue Hoffnung ; wie die erste leuchtete sie mir einige Wochen , dann flackerte sie wie jene noch ein paar Mal auf , um wiederum gänzlich zu verlöschen . Nicht eine Zeile ! Nicht ein Wort ! Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung verflossen , erstarb alle Hoffnung in mir . Und jetzt ward es dunkel um mich . Ein lieblicher Frühling erblühte ringsumher ; ich konnte mich nicht an ihm erfreuen . Der Sommer nahte . Diana bemühte sich , mich zu erheitern ; sie sagte , ich sähe krank aus und erbot sich , mich an den Meeresstrand zu begleiten . Dem widersetzte sich St. John ; er sagte , ich bedürfe nicht der Zerstreuung , sondern der Beschäftigung ; mein jetziges Leben habe keinen Zweck , kein Ziel ; und das brauche ich notwendig . Vermutlich um die Lücken auszufüllen , verlängerte er meine Stunden im Hindostanischen noch und wurde noch dringender in dem Verlangen , daß ich mich in dieser Sprache vervollkomme . Und ich – Thörin , die ich war , – dachte nicht einmal daran , ihm zu widersprechen – ich konnte ihm nicht widerstehen . Eines Tages war ich noch niedergeschlagener als gewöhnlich zur Stunde gekommen . Dies war durch eine harte Enttäuschung hervorgerufen . Hannah hatte mir am Morgen gesagt , es sei ein Brief für mich eingetroffen , und als ich