erfreut hatte , daß Angelika es in ihrem Hause und in ihrer Pflege so gut als möglich gehabt habe , fing es sie zu beunruhigen an , daß sie doch Mancherlei entbehrt haben könne , und das that ihr wehe . Sie kam sich arm vor , weil sie fürchtete , daß sie nicht Alles zu schaffen und zu gewähren vermocht habe , was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem , von der weniger Verwöhnten nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedürfniß gemacht . Der Dank Angelika ' s , den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte , begann sie zu ängstigen , aber die Baronin , die sonst mit höchstem Verständniß jeder Regung in dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte , hatte jetzt keinen anderen Gedanken , als den an ihre Mutter . Es war schon spät am Abend , als die Gräfin Berka , an dem festgesetzten Tage , vor dem Flies ' schen Hause vorfuhr . Man hatte Angelika willfahren und ihr das Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten müssen , um der sie aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen . Seba hatte die Gräfin zu ihrer Tochter hinaufbegleitet , sie hatte gesehen , wie sie einander in die Arme gesunken waren ; dann hatte sie sich entfernt . Mehr als eine Stunde war vergangen , ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Caplan zu sich bescheiden und dann auch Seba und ihre Eltern bitten ließ , sich zu ihr zu bemühen . Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau . Sie hatte manche Bestellung , manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer für rechtschaffene Leute gehalten . Sie erinnerte sich , daß Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt habe , und wußte es ihnen recht sehr Dank , daß sie sich der Baronin so eifrig angenommen . Aber es dünkte ihr so natürlich , daß eine Familie wie die Flies ' sche sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte , der Baronin von Arten beizustehen , sie fand es so selbstverständlich , daß Seba sich glücklich fühlen müssen , ihrer Tochter , ihrer Angelika , helfen und dienen zu dürfen ; und es waren nicht Seba ' s Hingebung und Liebe , die sie schätzte und anerkannte , sondern der richtige Tact , mit welchem diese sich zurückzog , seit die Gräfin ihre Stelle neben der Tochter wieder einnahm . Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt . Sie fühlte es , wie die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen Seba kränken mußte , sie hörte so gut wie diese das Abfindende und Verabschiedende in dem Dankesworte der Gräfin ; aber sie mochte die Mutter nicht tadeln , von der sie so lange getrennt gewesen war , sie wagte nicht , ihr in diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklären , welch lebhafte Neigung , welche Freundschaft sie für Seba fühlte , und Seba ' s Verschlossenheit hatte sie in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht . Fünfzehntes Capitel Die Nacht verging der Baronin nicht gut . Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt , die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mächtig bestürmt , die Nähe ihrer Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar gemacht , welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren , und was der Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewußtsein gebracht hatte , jene Einsicht , daß lange Trennungen eine Rückkehr in die früheren Verhältnisse unmöglich machen , das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit ihrer Mutter . Der Caplan fand sie , als er am Morgen zu ihr kam , in einer Niedergeschlagenheit , die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage abstach , und ohne daß er sie darum zu befragen brauchte , schilderte sie ihm den Kampf in ihrem Herzen . Trotz der Herrschaft , welche ihr Gatte über sie ausgeübt , hatten die Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbstbestimmung gewöhnt , in welcher sie sich durch die Gräfin in jedem Augenblicke beschränkt fand . Weil sie mit ihrer Mutter , seit sie ihr Vaterhaus verlassen , nur einmal und wenige Tage beisammen gewesen war , und weil diesem flüchtigen Beisammensein eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war , hatte sich Angelika ' s Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mädchenhaften Gestalt , nur in dem töchterlichen Verhältnisse erhalten , und mit der Tochter wieder vereint , hatte die Gräfin , da ohnehin die Krankheit Angelika ' s dazu verlockte , sich der Bestimmung über sie , wie eines ihr unter allen Umständen gebührenden Rechtes bemächtigt . Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist , fühlt sich von ihr beengt , und am schwersten , wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie Bewegung innerhalb gleichgültiger Dinge erstreckt . Es ängstigte Angelika , wenn die Mutter ihr Dieses rieth und Jenes gebot , sie Dieses thun und Jenes lassen hieß , während sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche gethan haben würde . Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt , den sie sich zum Vorwurf machte , und zwang sich zu einer Fügsamkeit , die ihr schwer fiel , weil sie sich sagte , daß ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte , über die kein guter Wille ihnen hinweghelfen könne und die schmerzlich anzudeuten die Gräfin nicht unterlassen hatte . Angelika hatte es deutlich gesehen , daß ihre Mutter sich verletzt gefühlt , als jene sie gebeten , erst um elf Uhr zu ihr zu kommen , da sie die Gewohnheit und das Bedürfniß habe , die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan zuzubringen , und eben so hatte die Gräfin es nicht zurückhalten können , daß ihre Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Flies ' sche Familie ihr zu weit zu gehen scheine . Das Alles