die Fenster mit breitem Simse , von denen man nur durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Straße haben konnte , mehr altfränkisch , als ehrwürdig erschienen , so hatte doch der lange ungestörte Aufenthalt eines sehr wohlhabenden , Luxus und Comfort liebenden Mannes in diesen Räumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrückt , die man in den alten Häusern Nürnbergs oder , noch bezeichnender , Basels und Berns antrifft . Was hier Malereien an den Wänden und moderne gefällige Formen nicht bewirken konnten , wurde durch Sauberkeit und Gediegenheit erreicht . Die Fenster der Treppen sogar hatten Gardinen , die Vorplätze der niedrigen Zimmer waren gebohnt und mit kostbaren Blumenstöcken in weißen Porzellantöpfen geziert . Die inneren Zimmer waren prächtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhänge gehoben . Die Möbel entsprachen dem neuesten Geschmack und die reichbesetzten Etagèren und Servanten entfalteten einen Überfluß von Gold , Silber und Porzellan , der nur einer bessern Beleuchtung bedurfte , um - dann vielleicht nicht einmal so geschmackvoll zu erscheinen wie jetzt , wo gerade diese Äußerlichkeit dazu gehörte , sie zur Staffage eines Wohlstandes zu machen , den man allenfalls patrizisch nennen mochte . Schlurck bezahlte eine sehr geringe Miethe für diese Wohnung , die zum Complex aller der Häuser und Liegenschaften gehörte , die er für die Commune verwaltete . Dieser Umstand allein hätte ihn aber nicht hier festgehalten , wenn es nicht seine Bequemlichkeit gewesen wäre . Seit fast zwanzig Jahren hatte Schlurck hier gehaust und in allen Dingen Gewohnheitsmensch war er auch nicht zu bewegen , Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben . Er gestattete ihr lieber hundert andere Dinge , nur in diesem Punkte war er unerschütterlich . Dies Winkelwerk war ihm lieb geworden . Er hatte über sich Miethbewohner , die ihn nicht störten . Ställe , Remisen , Alles gehörte ihm so , als wär ' er in seinem Eigenthum . Unten , hinter den vergitterten Fenstern , waren seine Schreibstuben , wo oft zwanzig Federn unaufhörlich kritzelten , immer ein halbes Dutzend junger praxisloser Juristen unter seiner Anleitung arbeitete und die Acten bis zu den Decken in einer Menge Schränken aufgethürmt lagen . Sein eigenes Audienzzimmer lag nach hinten hinaus , war sehr düster , aber traulich , und die Wendeltreppe , die er sich von hier aus in den ersten Stock hinauf hatte bauen lassen , that ihm vielfach erwünschte Dienste . Dazu kamen die hohen , gewölbten Keller für seine Weine , die er als Kenner kaufte , lagern ließ und nach einem gewissen System verbrauchte . Dies ganze Winkelige , Versteckte , Alterthümliche war ihm nothwendig geworden , und oft sagte er zu den Gästen , die er in dem kleinen oder dem größern Saale oben versammelte : Wir Menschen müssen über unsrer Wohnung stehen ! Sie muß unsern eignen Gehalt , unser Gepräge annehmen ! Eine Wohnung , die meinem Nachdenken , meiner Phantasie voraus ist , wird mir unbequem werden und wäre sie noch so schön ! Was sollen mir Balkone , Plattdächer , Veranden ! Ich bin nicht italienisch gestimmt . Eine Wohnung , die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde , selbst forme und nach Laune schmücke , wird mein Schneckengehäuse ! Sie krustisirt sich aus meinem eigenen Körper heraus . Für Melanie war aber die Wirkung dieser Wohnung verderblich . Sie war durch Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht gleichmäßigen Existenz . Ihr war nie wohl daheim ! Sie mußte immer hinaus aus diesen Fesseln ihres Geschmacks , mußte immer träumen von üppigeren Existenzen und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit , die sie schon zu so mancher Thorheit verleitet hatte . Ihre Phantasie , immer in dem Drange , sich etwas Andres zu schaffen , als was sie besaß , war nicht gebunden durch jene Häuslichkeit , die beim Weibe die lebendigste und in manchen Fällen oft einzige Unterstützung der Tugend ist . Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefällt , geräth nicht in die Strudel jener unbefriedigten Gemüther , die das Glück überall , nur nicht am eignen Herde suchen . Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten , bemerken wir , daß Melaniens Erwartungen für den heutigen Tag auf ' s höchste gespannt waren . Sie durchflog die trotz der Hitze draußen kühlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab . Einen stillen Platz , wo sie selber waltete , hatte sie nie gehabt . Den kleinen Cultus sinniger Gemüther , die sich irgend ein Zimmer und wär ' es noch so klein , irgend ein Plätzchen und wär ' es noch so eng , nach ihrem eigenen Gefallen ausschmücken , hatte sie nicht . Sie schrieb ihre Briefe , wo sie einen Tisch fand . Kein Arbeitszimmer , das ihr allein gehörte . Überall fand sich ein Stückchen Spur von ihr . Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehörenden Orte , war ihr unmöglich . Sie hatte Schränke , wo sie das Ihrige beisammen fand , andre , wo sie Briefe aufbewahrte , sie hatte Nippsachen und Andenken genug ; aber sich anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem , was ihr theuer war , das verstand sie nicht . Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hängelampen und rankenden Gewächsen in zierlich gebrannten , aufgehängten Töpfen , sie hatte darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch , sie saß aber nie davor . Das war ihr Alles zu eng , viel , viel zu pedantisch . Entweder saß sie in einem der Erker , wenn sie schrieb ... Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die lärmende Straße sehen ! .. Oder wenn sie zeichnete und malte , worin sie etwas Fertigkeit errungen hatte , mußte die Staffelei heute hier , morgen da stehen . Bald war sie bei der Mutter , bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam gequält hatte , rief sie ihr Mädchen Jeannette , um