mit dem sterbenden Lamberti aussprach , und doch fühle ich nun bestimmt , da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens mich nur noch in der Erinnerung bewegt , daß ich ihm mit dem besten Willen nicht Wort halten könnte und alles , was ich , lebte er noch , für ihn thun möchte , würde doch gewissermaßen Heuchelei sein , denn das Zutrauen , die Liebe und Achtung gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet , so daß auch die wahrste Reue sie nicht wieder in mir zu wecken vermöchte . Diese Betrachtungen sind niederschlagend , denn sie belehren mich , daß die edelsten Empfindungen eben so flüchtig durch unsere Brust ziehen , wie die engherzigen , selbstsüchtigen , und daß der Mensch einer großmüthigen Erhebung über alle seine Schwächen nur in einzelnen Augenblicken fähig ist . Noch viele ähnliche Betrachtungen enthielten Evremonts Briefe , die von einer ernsten Stimmung seiner Seele zeugten , und die Worte der Liebe , die er sonst voll freudiger Hoffnung aussprach , klangen dieß Mal wehmüthig , so daß dieses Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trübe Stimmung versetzte , die in demselben Maße zunahm , als sich die Zeit ausdehnte , in der sie ohne alle Nachricht blieben . Moskau war in Napoleons Hände gefallen , ohne daß eine Sylbe von Evremont seine Freunde über sein ferneres Schicksal beruhigt hätte . Eine drückende Schwüle lag auf allen Gemüthern , während Napoleon in der alten Hauptstadt Rußlands weilte . Endlich ward ein Rückzug angetreten , den so schauderhaftes Elend begleitete , daß die Herzen derer erbebten , die die unermeßlichen Leiden in der Ferne vernahmen , durch die ein so großes Heer vernichtet wurde . Jetzt erfuhr die Gräfin , daß es noch neue Qualen für sie gab , deren furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt hatte . Sie wagte nicht zu hoffen , daß der schrecklichste Tod , der so viele Tausende dahin gerafft , ein ihr so theures Haupt verschont haben würde . Die Angst preßte ihr Herz zusammen , und dennoch wagte sie nicht die Qual auszusprechen , die sie erlitt , denn es schien ihrer peinlich gereizten Phantasie , sie könne den Sohn dadurch tödten , wenn sie nur die Möglichkeit seines Todes ausspräche . Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Träume lebend , und ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurück , den ihr solche Träume boten . Das bleiche , starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz auf die verzweifelnde Mutter , und die von dem Elend verwüstete Gestalt erschien ihr in einer schmählichen Erniedrigung , die dem Zustande des jungen Wertheim und seines Freundes glich , wie ihn der Graf beschrieben hatte , als sie dem Tode nahe von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden . Auch der Graf versank in düstre Schwermuth . Alle Versuche , Nachrichten über Evremont einzuziehen , waren vergeblich gewesen , und die Furcht , daß das blühende Leben des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Rußlands erloschen sei , wurde beinah Gewißheit in seiner Seele . Aber auch er schwieg über seinen Gram , er wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin tödten . Doch oftmals verschleierten Thränen sein Auge , die er nicht unterdrücken konnte , wenn er den kleinen Adalbert , Evremonts Sohn , auf seinen Knieen hielt , und aus dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte , und rosenrothe Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lächeln die milchweißen Zähnchen entblößten . So tief bekümmert Emilie auch war , so genoß sie dennoch das schöne Vorrecht der Jugend , lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens . Oft zwar benetzte sie mit heißströmenden Thränen das liebliche Kind , das dann mit ihr zu weinen begann , ohne ihren Kummer begreifen zu können ; aber öfter noch sprach sie dem Kleinen vor , wie schön Alles umher sein würde , wenn der Vater erst zurück käme , und der Kleine lallte lächelnd , an ihren Busen gelehnt , den Namen Vater und erfüllte das Herz der Mutter mit wehmüthigem Entzücken . Die schwesterliche Freundin der Gräfin , die zärtliche Adele , war mit ihr vereinigt geblieben , und sie war die einzige , die standhaft an Evremonts Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht , mit der sie seine Rückkunft erwartete , oft dazu beitrug , den Muth der Andern wieder zu beleben , wenn er ganz ersterben wollte . So war ein trüber Winter vergangen , und die Wendung , die die öffentlichen Angelegenheiten genommen hatten , lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des Grafen von seinem persönlichen Kummer ab . Preußens König rief die waffenfähige Jugend auf , sich um ihn zu versammeln , und wie ein elektrischer Schlag traf dasselbe Gefühl alle Herzen . Nun sollte wirkend in ' s Leben treten , was lange vorbereitet war und der Graf erfuhr , daß auch sein Vetter , der Graf Robert , die bewaffneten und wohlgeübten jungen Landleute seinem Könige zugeführt habe , und daß ihn seine Freunde , Wertheim und Lehndorf , auf diesem rühmlichen Zuge begleiteten . So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten , eben so große Thätigkeit entwickelte aber auch er , und mit dem neuen Frühlinge strömte ein neues französisches Heer über den Rhein , und harte Kämpfe entflammten stets von Neuem den Muth der Krieger , und mit angstvoller Spannung erwarteten die Völker die Entscheidung ihres Geschicks . X Endlich war der entscheidende Schlag gefallen . Die große , blutige , folgenreiche Schlacht bei Leipzig war geschlagen . Die Franzosen mußten der von Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden über den Rhein zurückgedrängt . Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten , mußte Napoleon noch ein blutiges Gefecht bestehen , wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich maß , und endlich sahen die deutschen Völker ihren Boden von fremden Bedrückern befreit , und im Taumel der