des Oberstlieutenants wohl vor dem alten Herrn gestorben ? « fragte ich nach einem längern feierlichen Schweigen , welches dem Andenken der beiden Brüder galt . » Sie starb vier Jahre früher , « entgegnete Wandel , » sie starb innig beweint von ihrem Gallen und allen Dorfbewohnern , mit welchen sie jemals in Berührung gekommen war ; denn mochte ihr starres Haften an den von ihrer Kirche vorgeschriebenen Formen auch nicht ohne schädliche Wirkung auf ihre Lebensansichten geblieben sein , so war sie dafür um so mildthätiger , um so schneller bereit , zu helfen , wo sie sah , das Hülfe noth that . « Doch indem ich der ehrwürdigen alten Dame gedenke , tauchen noch so manche Gestalten in meiner Erinnerung auf , für welche Sie , da Sie meine Lebensgeschichte so genau kennen , sich nicht minder interessiren dürften . Der Oberstlieutenant liebte es nicht , lange Briefe zu schreiben ; er wählte daher den Ausweg , da , wo sich ihm ein geeigneter Grund dafür bot , mir Zeitungen zu übermitteln und diejenigen Stellen , auf welche er meine Aufmerksamkeit hinzulenken wünschte , mit Rothstift zu bezeichnen . Eine solche Sendung erreichte mich auch , als ich eben im Begriff stand , zum ersten Male die Reise von St. Louis aus nach dem mir unbekannten , fernen wilden Westen anzutreten . Aus diesen Zeitungen schöpfte ich ein besseres und faßlicheres Bild von Allem , was bald nach meiner glücklich ausgeführten Flucht stattgefunden hatte , als mein Vormund mir zu geben vermocht hätte , um so mehr , da die in denselben aufgezeichneten Nachrichten noch immer von einigen kurz gefaßten Erläuterungen und Zusätzen des alten Herrn begleitet waren . Meine geheimnißvolle Flucht hatte damals kein geringes Aufsehen erregt . Man suchte Wohl zu ermitteln , wer mir bei dieser behülflich gewesen , jedoch vergeblich , und wenn wirklich meinen Vormund ein leiser Verdacht traf , so scheute man sich doch wohl , gegen einen alten ergrauten invaliden Freiheitskämpfer , der die größte Schonung seiner Gefühle verdiente , einzuschreiten . Vielleicht war man auch froh , der Pflicht überhoben zu sein , die Strafe für den Hochverrath und den darauf folgenden Fluchtversuch in ihrer ganzen Strenge an mir in Anwendung bringen zu müssen . Jedenfalls hatte ich die große Genugthuung , zu erfahren , daß ich auf vollständig unbegreifliche Weise verschwinden sei und das Vaterland sich zu der Verminderung der ihm innewohnenden gefährlichen Elemente Glück wünschen könne . Auf der Oberförstern war nach Johanna ' s Tode und nach meinem Scheiden eine trübe gedrückte Stimmung eingezogen . Nur seiner überaus kräftigen Natur und seinem eisernen Willen , mit welchem er die Gefühle beherrschte , die ihn zuweilen zu übermannen drohten , verdankte es mein Vormund , daß er nach den herben Schicksalsschlägen sich endlich wieder erholte und , wie ehedem , mit seiner militairischen selbstbewußten Haltung einherschritt . Auf seiner Gattin dagegen lastete es wie ein schwer drückender Alp , und die jüngsten Erfahrungen trieben sie , wo möglich noch im erhöhten Grade , zur Buße für die Sünden , welche , nach ihrer Ueberzeugung von den Mitgliedern ihrer Verwandtschaft verübt worden waren . Am allerwenigsten aber diente dazu , das Gewissen der eifrigen Katholikin zu erleichtern , daß der Oberstlieutenant sich ernstlich und ohne viele Umschweife alle ferneren Besuche Bernhard ' s und seines Jesuitenbruders verbat : Durften die beiden Priester die Oberförsterei auch nicht mehr betreten , so trafen sie doch keine Anstalt , nachdem Johanna dem alleinseligmachenden Glauben geopfert worden war , die Gegend zu verlassen . Sie befürchteten das Auftauchen von Gerüchten , welche ihren geheiligten Zwecken vielleicht nichts weniger , als förderlich gewesen wären , und die rechtzeitig zu bekämpfen und niederzuschlagen sie als ihre nächste Aufgabe betrachteten . Der plötzliche Tod des armen , in religiöse Überspanntheit hineingeängstigten Kindes mußte vorerst zu ihren Gunsten ausgedeutet werden , anstatt daß ihre Abwesenheit wahrscheinlich gerade das Gegentheil bewirkt hätte . Sie blieben , doch sollte ihnen aus ihrem längeren Verweilen kein Segen erwachsen . Meinem Vormunde sowohl , als auch andern Leuten war es aufgefallen , daß seit meiner Flucht im Hause von Anton ' s Mutter ein ganz neues und verhältnißmäßig üppiges Leben geführt wurde . Manche neigten sogar zu dem Glauben hin , daß der Ueberfluß bei der sich keines guten Rufes erfreuenden Familie mit meinem glücklichen Entkommen in Verbindung gebracht werden dürfe und es mein Geld sei , für welches sie sich Tag für Tag gütlich thaten . An meinen Freund , den armen Anton , dachte dabei Niemand , wenn ich auch nicht bezweifle , daß sein Bruder Andres Alles ausspionirt hatte und sich nur deshalb scheute , öffentlich als Ankläger gegen ihn aufzutreten und in dieser Weise seinen Zorn an ihm auszulassen , weil Anton seit dem Tage , an welchem ich auf dem Ufer des Rheins Abschied von ihm nahm , auf der Oberförsterei und unter dem persönlichen Schütze meines Vormundes lebte . Der arme Schelm hatte daselbst ein Loos gefunden , wie er sich in seinen bösen Tagen vielleicht den Himmel vorgestellt haben mag . Er wurde gekleidet und gespeist , und dabei übertrug man ihm solche Arbeiten , die seine Kräfte nicht überstiegen und viel zu seinem körperlichen und geistigen Wohlbefinden beitrugen . Er sorgte für die Hunde und das Federvieh , er schleppte Holz für Küchenherd und Ofen herbei , er beaufsichtigte meines Vormundes Pfeifen , du ein ganzes Brett ausfüllten , und wie der alte Herr selbst in einem Briefe versicherte , hatte Anton es im Stopfen der Pfeifen zu einer Fertigkeit gebracht , daß sogar der alte Blücher » seligen Angedenkens « daran nichts zu tadeln gefunden haben würde . Die Uhr , welche ich ihm bei unserer Trennung schenkte , hatte er , meinem Rathe folgend , dem Oberstlieutenant in Verwahrung gegeben . Dieser zog sie regelmäßig auf und hing sie in seiner Wohnstube so hin , daß Anton im Vorbeigehen immer einen Blick auf dieselbe werfen und sich jedesmal über