’ schen Trost für ird ’ schen Schmerz ! 113 Gretchen saß mit gefalteten Händen und schaute auf das Blatt , das einen neuen Himmel über ihr wölbte , eine neue Erde vor ihr ausbreitete . Und wie weit ihre junge Brust auch war , das schwellende Herz brauchte immer mehr Raum , es brauchte noch eine andere Brust , in die es überströmen konnte . Und noch Einmal schwebte die liebliche Gestalt durch das Zimmer . Es schien Johannes , der ihr zerstreut nachblickte , als ginge ein Glanz von ihr aus , wie sie so dahin schritt . Sie trat zu Hilsborn hinaus , stumm , mit feuchtem Augen . Sie reichte ihm die Hand , er sah sie an , fragend , bittend , sah , wie ihr Herz gegen die keusche Hülle pochte . Er zog sie näher und näher zu sich hin , sie neigte sich ihm wie die reife Ähre dem Schnitter . Sie sank in seine Arme und weinte , aber es war nur noch ein Weinen , wie wenn der Wind nach dem Regen die Bäume schüttelt und die sprühenden Tropfen in der Sonne glitzern . Und von Freundeslippen sauge Ird ' schen Trost für ird ’ schen Schmerz ! tönte das Echo in den Liebenden wieder . Da erscholl Ernestinens Stimme durch die offene Tür : „ Was ist das Ende ? Ewige Nacht , ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit ! “ „ O nein , ewige Seligkeit ! “ hauchte Gretchen vor sich hin . Viertes Kapitel „ er Morgen geworden ! " Ein Ruf Möllners , der Gretchen zu einer Hilfeleistung brauchte , hatte die jungen Leute auseinander geschreckt , bevor sie Worte für ihre Gefühle fanden . Ernestinens Zustand verschlimmerte sich im Laufe der Nacht so sehr , daß Gretchen nicht mehr loskommen konnte . Als endlich die Morgensonne ihre ersten Strahlen durch die dichten Vorhänge sandte , erlöste die Staatsrätin das gepeinigte Mädchen von seinem Amte und es durfte zu dem Freunde eilen . — Dieser zog es mit sich in Ernestinens Arbeitszimmer . Da lag und stand noch Alles umher wie am Tage von Ernestinens Erkrankung , nichts war berührt . Im Kamin lag noch die Asche des verbrannten Märchenbuches ; die Aeolsharfe summte ihre wehmütigen Melodien in dem rauhen Herbstwind , nur ward sie statt von Rosenzweigen von entblättertem Dorngestrüpp umrankt . Die gepackten Kisten harrten der Absendung und zeugten von den Reiseplänen des stolzen Geistes , der jetzt gebrochen darniederlag . — Auf dem leergeräumten Schreibtisch lag eine vergessene Feder . Die Tinte war in ihrem Gefäß eingetrocknet und noch zeichneten sich in dem Staub , der überall lagerte , die Ränder der Bücher aus , die hier aufgestellt gewesen und weggenommen waren , um mit über das Meer zu wandern . Niemand hatte hier mehr abgewischt , denn die Leidende drüben nahm Alle in Anspruch . Der Stillstand , der in dem äußeren Leben eines Erkrankten eintritt , zeigte sich auch hier . Alles schien des Augenblicks zu harren , wo plötzlich eine geschäftige Hand stäuben , bürsten , lüften und der frohe Ruf ertönen werde : „ Ernestine ist auferstanden ! “ Aber dieser Augenblick war noch in weiter Ferne . Hier trat das junge Paar ein , das keine Ahnung hatte von den Kämpfen , die in diesem Raum gekämpft , von den Seufzern der Mühe , der Qual und Angst , die hier ausgehaucht worden ! „ Unser Leben währt an die Siebenzig und wenn es hoch kommt , an die achtzig Jahre und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ Dieser in den Tisch eingeschnittene Spruch war die einzige ernste Stimme , die von dem verödeten Platze aus den jugendlich pochenden Herzen erzählte , wie das Weib , an dessen Krankenbett sie sich in Liebe vereint , gestrebt , gelitten und entsagt haben mußte ! Und Gretchen hemmte den beflügelten Schritt , mit dem es neben Hilsborn eingetreten war und blieb nachdenklich stehen . „ Sie hat Recht , “ sagte es zu sich selbst . „ Und wenn sie sich solch strenges Gesetz machte — darf ich einen anderen Wahlspruch haben — ich ? Welches Recht hätte ich , Köstlicheres vom Leben zu fordern als Mühe und Arbeit — und Buße ? Ach , Ernestine ! Jetzt sehe ich erst , wie groß Du bist , und wie Dich der Vater verleumdet ! “ „ Gretchen ! “ sagte Hilsborn leise bittend , „ was sinnst Du ? “ „ Ach , mir ist — als habe mir eine unsichtbare Hand hier ein „ Halt ! “ hergeschrieben . Wie konnte ich mich nur einen Augenblick dem Gedanken an ein Glück hingeben , das mich abzöge von meiner ersten und heiligsten Pflicht ? “ „ Gretchen ! “ sprach Hilsborn , „ wie soll ich das verstehen ? “ Gretchen faltete die Hände und blickte fromm zu dem Spruche auf : „ Weil ich alle meine Gefühle , Träume und Wünsche derjenigen opfern soll , die diesen Wahlspruch zu dem ihren gemacht . Bevor sie nicht glücklich ist — wie darf ich es sein wollen ? “ „ Gretchen , ich begreife Deine Empfindungen , Du hast Dir vorgenommen , Deinem Vater Vergebung zu erwirken , durch Dein Bemühen seine Schuld zu zerkleinern . Aber Du denkst nur an Die , gegen welche Dein Vater das Schwerste verbrach . Es ist noch Einer da , an dem Du für ihn etwas gut zu machen hättest — und der bin ich ! “ „ Wie ? “ Er zog sie an sich und fuhr mit der anmutigen Sophistik der Liebe fort . „ Ja , mein Engel , denn auch an meinem Vater handelte er nicht rechtschaffen . Er beraubte ihn einer kostbaren Entdeckung in der Wissenschaft und der Kummer darüber war vielleicht die Ursache von meines Vaters frühem Tode . “ „ O mein Gott , “ rief Gretchen erschüttert .