er nun so allein stand mit dieser gewaltigen Thatsache , sein erstes klares Gefühl , dessen er Herr werden konnte , Thränen abpressen mögen . Nicht an sich dachte er ! Der gute kindliche Bruder ! rief es in ihm . Der tiefste Schmerz ergriff ihn , zu denken , daß diese reine spiegelklare Natur so von einem entschiedenen Irrthum , von einem Wahne völligster Unmöglichkeit überhaucht werden konnte ! An das sonderbare Schicksal , daß zwei Brüder von einem und demselben Mädchen erfüllt sein mußten , dachte er gar nicht .. Das war zu oft vorgekommen .. Ihn rührte weit mehr der Schmerz um Siegbert , den er , obgleich älter als er selbst , hier schon wieder unpraktisch , träumerisch , zerflossen fand ! Wie klar durchschaute er den niezulösenden Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie ! Wie unmöglich schien ihm für jemals diese Vereinigung ! Wie scharf , treffend , nur für seine Bruderliebe beleidigend treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost , der diesen Contrast so lebendig aufgefaßt und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte ! Und wen er noch mehr haßte als Leidenfrost , das war wirklich ... Melanie selbst ! Ein Mann kann gar nicht lieben , sagte er sich , ohne daß ihm ein Weib dazu die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt ! Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft , zu gouvernantenmäßig klang , sagte er sich doch : O sie verdient uns Beide nicht ! Er überraschte sich auf dem Geständniß , daß er sie vielleicht wirklich nicht liebe , nie geliebt hätte , daß sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hätte . Opium ist Das , was in ihren Blicken liegt , sagte er sich . Ich könnte sie zermalmen , wenn es nicht Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde gethan hätte . Prinz Ottokar hat es gekauft ! .. Das versöhnt mich jetzt mit Leidenfrost ! Das ist die schwerere Schale , die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt ! Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer Hingebung vor seine Seele ... Er mußte sich unter einige in der Nähe liegende Bäume flüchten , eine Bank suchen um sich zu fassen , um sich zu sammeln ... Daß für ihn an Melanie nicht mehr zu denken war , schien ihm dem Bruder gegenüber unerläßlich . Daß aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Mädchen , das er erst jetzt erkannte , da er sie in der Seele eines Andern beurtheilte , geheilt werden müsse , erschien ihm ebenso nothwendig .... In dem Hin und Her dieser Empfindungen und Überlegungen versank er auf der steinernen Bank unter Kastanienbäumen , umrauscht von dem Lärmen des fashionablen Viertels , in dem er sich befand , in Wehmuth und in eine Traurigkeit , die fast alle seine Entschlüsse für den heutigen Tag lähmte .. Sein Anzug kam ihm jetzt lächerlich vor .. Er riß die Handschuhe von den Fingern . Prinz Egon , der Freund des Kunsttischlers Armand , bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht .. und mit Schlurck wollte er ungebundener sprechen .. Melanie , die ihm , wer weiß durch welche Zweideutigkeit , das Bild erworben hatte , wollte er nicht sehen . Er war außer sich und unglücklich . Er saß dumpf brütend eine Weile , bis er die Augen aufschlug und auf der entgegengesetzten Seite des Platzes , den die Kastanienbäume beschatteten , eben um die Ecke der dort einmündenden belebten Straße einen Mann und einen Knaben schreiten sah , der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen . Erfüllt vom freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust : Es gibt noch reine Fluten , in denen des Mannes Seele sich läutern , stärken , erquicken kann ! eilte er stürmisch nach der Gegend hin , wo die lieben , ihm so theuren Gestalten eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren . Sein behender Fuß , hoffte er , würde sie noch sicher erreichen . Er eilte , als jagte ihn die Reue über alles Das , was er in diesen Tagen erlebt , begonnen hatte . Jeder rasche Fußtritt war ihm , als müßte er mit ihm zu gleicher Zeit abschütteln , was auf ihm Unwürdiges und Zweideutiges lag . Hinweg ! Hinweg mit diesem Ballast ! rief es in ihm . Sei Mann ! Schüttle deine Mähne ! Lebe in der Wüste deiner Überzeugungen einsam , aber wie ein Löwe ! Aber es war nur der Schmerz , der so in ihm schrie .. Er irrte und irrte .. Ackermann und den Knaben zu finden ; ... er hatte ihre Spur verloren ! Seine beflügelten Schritte ruhten erst , als er vor dem Hause stand , an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen Schlurck gelesen hatte ... ... Ob Dankmar eintreten wird ? ... ... Dies der Commune gehörende Haus mit dem Kreuze , gebaut auf Grundstücken , die einst dem geistlichen Ritterorden und der Comthurei von Angerode gehört hatten , trug zwar alle Spuren seines alterthümlichen Ursprungs , war aber von innen sehr wohnlich , bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet . Die Bogenwölbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen . Viereckte , abgestumpfte Säulen trugen die Treppenüberbauten . Lange Gänge zogen ohne alle Symmetrie , rein nach dem Grundsatze der Bequemlichkeit , durch die Stockwerke und gaben nach allen Richtungen hin in den Zimmern Ausgänge , ohne daß diese darum selbst , wie leider bei den neuen Bauten , mit einer Überzahl von Thüren versehen waren . Fast in allen Zimmern war darauf geachtet , daß sie mindestens eine große , völlig thürfreie Wand hatten , an der die Wärme sich sammelt und der Rücken des Bewohners traulich und sicher anlehnen kann . Wenn nun auch viele Alkoven etwas Düsteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitläufiges darboten , wenn die ausgebauten Erker ,