. Nach kurzem Besinnen näherten wir uns dem Orte , woher die Töne kamen , und fanden im Gebüsch Lamberti so gräßlich verstümmelt , daß mein Herz erkranken würde , wenn ich es beschreiben wollte . Gott weiß , daß bei diesem entsetzlichen Anblick jedes andere Gefühl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand . Ich näherte mich dem Unglücklichen , und wollte ihm Trost und Hülfe bringen . Mit wahnsinniger Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief : Kommst Du Dich daran zu weiden , daß ich verdammt bin ? Ja wisse es , schon Einer ist zum Abgrunde der ewigen Qual hinunter gefahren , zur Strafe , daß wir Dir Dein armseliges Leben rauben wollten . Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sünden und ist ewig verloren , und auch ich muß so schrecklich büßen . Unglücklicher , ich vergebe Dir von ganzem Herzen , sagte ich auf ' s Heftigste bewegt . Mir hilft Deine Vergebung nicht , rief er in höchster Verzweiflung , Du hast kein Recht mir meine Sünden zu vergeben ; ich habe nicht meine Missethat gebeichtet , mir fehlt die Absolution des Priesters . Meine Kraft strömt aus allen meinen Wunden , und der Trost der Kirche lindert nicht meine Qual . Ich athme das Leben aus und die Seele fährt zum Abgrunde hernieder ! Ich fühlte wohl , daß es vergeblich sein würde , ihm in seinen letzten Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen , als die ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten . Wie die meisten Italiener war er fest überzeugt , daß er ohne Vergebung der Sünden durch den Mund eines Priesters ewig verloren sei . Ich erinnerte mich , daß ich einen polnischen Geistlichen bemerkt hatte , der französisch redete und die fromme Pflicht ausübte , den Sterbenden Trost zuzusprechen . Ich bat den mit Verzweiflung Ringenden sein Gemüth zu beruhigen , weil ich mich bemühen wolle , ihm geistlichen Trost zu verschaffen , und ließ einige meiner Begleiter bei ihm , denn sein Zustand war so schrecklich , daß ihn Niemand aufheben , ja daß man ihn kaum berühren konnte , und er muß eine ungewöhnliche Lebenskraft besessen haben , daß er nicht schon geendet hatte , ehe wir ihn fanden . Ich war glücklich genug den Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen , wo Lamberti lag , und ich führte ihn von einem Todten hinweg , dessen letzte Augenblicke er erleichtert hatte , zu einem Sterbenden , dessen Seele schwarze Thaten belasteten . Als Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte , milderte sich der Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zügen ; der fromme Vater aber schauderte , als er den verstümmelten Krieger erblickte . Ich entfernte mich mit meinen Begleitern so weit , daß Lamberti , ohne von uns gehört zu werden , seine Beichte ablegen konnte , die der Geistliche selbst abkürzte , denn es war deutlich , daß sein Ende nahe war . Ich sah aus der Ferne , wie er dem Sterbenden Absolution und Segen ertheilte , worauf er sich dem Orte näherte , wo ich ihn erwartete . Thränen glänzten in den Augen des Geistlichen , als er mir sagte : Kommen Sie und sprechen Sie es jetzt aus , daß Sie dem Unglücklichen den beabsichtigten Mord vergeben , damit seine Seele in Frieden scheiden möge . Ich zögerte nicht und wurde von Wehmuth überwältigt , als ich in den nun ruhigen Zügen des bleichen Gesichtes den Ausdruck wiedererkannte , der früher mein Herz zur Liebe bewegt hatte . Alle niederen Leidenschaften waren nun geschwunden . Vergib mir jetzt , Adolph , sagte er mit demselben weichen Tone der Stimme , der früher mein Herz traf , und füge Deine Verzeihung der Vergebung der Sünden hinzu , womit Christi Stellvertreter mein Herz erleichtert hat . Du bist gesund und glücklich , und sieh , ich bin hart gestraft für den versuchten Mord . Die letzten Worte sprach er schon mit schwindender , dahinsterbender Stimme . Antonio ! rief ich mit dem wahrsten Gefühl , ich vergebe Dir von ganzem Herzen . O ! möchtest Du leben , daß ich Dich davon überzeugen könnte . Ein mattes Lächeln schwebte um den blassen Mund . Er versuchte es vergeblich die Hand zu mir zu erheben , ein dumpfes Röcheln tönte aus der schwer athmenden Brust , ein leichtes Zucken überflog das Gesicht , und das Dasein des Unglücklichen war geendigt . Als er gestorben war , ließ ich den Leichnam aufheben , um ihn zu beerdigen , wobei der Priester , so weit es sich auf der Stelle thun ließ , alle frommen Gebräuche beobachtete . Nachdem auch diese Pflicht erfüllt war , fragte ich den Geistlichen , ob ihm Lamberti nicht die Ursache vertraut hätte , weßhalb er und seine Brüder mir nach dem Leben getrachtet hätten , zu einer Zeit , wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen . Der gute Vater sagte mir , daß er alle näheren Erörterungen vermieden habe , um den Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche stärken zu können , weil er es erkannt habe , daß das Leben des Sünders nur noch wenige Minuten währen konnte . Ich mußte mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren , was Menschen , die mir so oft die zärtlichste Freundschaft schwuren , bestimmen konnte , so grausam und treulos gegen mich zu verfahren . Es ist gewiß , daß der Anblick eines Schlachtfeldes , wo der Tod eben so furchtbar gewüthet hat , uns das Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen läßt , und wir würden uns selbst als engherzig und kleinlich verachten müssen , wenn in solchen Augenblicken Beleidigungen , die wir erfahren haben , Verrath , der an uns geübt wurde , uns so wichtig erschiene , wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen Häusern ; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung , die die aufrichtigste Versöhnung