. In seinen Tiefsinn verfiel er nicht wieder , doch war in seinem ganzen Wesen ein wehmüthiger Ernst zurückgeblieben . Er sprach nur selten und wenig , aber im Ausdruck seiner wohlwollenden Augen stand deutlich geschrieben , daß er sich glücklich und zufrieden fühle . Er war stets milde und freundlich , und nie kam ein Wort der Ungeduld oder des Mißvergnügens über seine Lippen . Dagegen erinnere ich mich nicht , ihn in den ersten Jahren unseres Zusammenseins jemals lächeln gesehen zu haben . Erst als unsere kleine Johanna einzelne Worte zu lallen begann und ihn einst , für ihn ganz unerwartet , » Großvater « nannte , erhellte ein glückliches Lachen sein Antlitz zum ersten Mal wieder . Von jener Stunde an lebte er gleichsam von Neuem auf , und in ähnlicher Weise , wie das sich wunderbar schnell entwickelnde Kind , wendete auch er der Außenwelt eine größere Theilnahme zu . Er sprach mit Rübe und Ergebung von der Vergangenheit und gedachte mit heiterer Zuversicht der Zukunft , und fast kein Tag verging , an welchem er nicht wenigstens einmal wiederholt hätte , daß unsere kleine Johanna das getreue Ebenbild seiner ältesten dahingeschiedenen Tochter sei , wie ihm dieselbe noch immer lebhaft als kleines Kind in Gedanken vorschwebe . Wie recht er hatte , vermochte Niemand besser , als ich , zu beurtheilen . Es ist für mich eine Quelle innigster Freude und lieber wehmüthiger Erinnerungen , zu beobachten , wie diese Aehnlichkeit nicht nur im Aeußeren , sondern auch im ganzen Wesen von Tag zu Tag auffallender hervortritt . Nur kräftiger verspricht das Kind zu werden , und dem Himmel sei Dank , fehlen auch die Einflüsse , welche bei meiner verstorbenen Johanna bereits in frühster Jugend nachtheilig auf ihr Gemüth einwirkten und den ersten Keim zu ihrer späteren tödlichen Krankheit legten . Mit Recht kann ich behaupten , daß unsere kleine Tochter vorzugsweise dazu beitrug , den Lebensabend des alten Werker zu versüßen . Das Kind liebte den freundlichen Greis über alle Beschreibung , und er wieder war sogar heiteren Gesprächen zugänglich , wenn er die Kleine auf seinen Knieen schaukelte oder sie auch nur in seiner Nähe sich lustig umhertummeln sah . In solchen Stunden gelang es mir zuweilen , ihm eine Feder in die Hand zu drücken , Papier vor ihn hinzulegen und ihn zum Schreiben an seinen Bruder , meinen so verehrten Vormund , den greisen Oberstlieutenant zu bewegen . Waren es nur wenige Worte , welche er an ihn richtete , so zeugten diese doch nur von seiner unwandelbaren treuen Anhänglichkeit an den besten aller Brüder . In den Hauptsachen , ging die Correspondenz zwischen den beiden alten Herren durch meine Feder , und da ich sie genügend kannte , nm ihre Eigenthümlichkeiten , ihre Einfälle , ja , ihre Sprache sogar wiedergeben zu können , so sind meine Briefe stets ein hoher Genuß für sie gewesen . Sie betrachteten dieselben als Documente , bei welchen ich nur die Rolle eines Abschreibers übernommen habe . Besitze ich doch noch Briefe , in welchen mein alter gütiger Vormund sehr naiv sagt : » Schreibe dem Hans in meinem Namen einen recht herzlichen Brief , in welchem Du am Schluß hinzufügen kannst , wie sehr ich mich über sein von Dir verfaßtes Schreiben gefreut habe . Der alte Knabe scheint mit jedem Jahr jünger zu werden , und es sollte mich gar nicht wundern , wenn er noch einmal auf Heirathsgedanken käme . « Der Vater meiner Frau dagegen , als ich ihm einst einen im Auftrage des Oberstlieutenants von mir an ihn gerichteten Brief vorlas , äußerte kopfschüttelnd : » Man sollte wirklich denken , daß er so viel jünger als ich sei , wie er älter ist . Man möchte den alten Burschen um seine eiserne Konstitution beneiden ; sollte mich gar nicht wundern , wenn er eines Tages hier einträfe , um uns einen Besuch abzustatten . « Und so gelang es mir denn , die beiden lieben alten Leute vollständig über einander zu täuschen ; im Geiste sahen sie sich gegenseitig im rüstigsten Mannesalter ; Einer freute sich über den Andern , sie vergaßen , daß seit ihrem letzten Zusammensein wenigstens dreißig Jahre verstrichen waren und vermochte daher sich Einer von dem Andern nur ein Bild zu entwerfen , wie es ihnen noch immer aus einer glücklichen Vergangenheit in der Erinnerung vorschwebte . Die Zeit ging dahin ; Werker wurde von Tag zu Tag heiterer , trotzdem auf der andern Seite seine körperlichen Kräfte merklich abnahmen . Das Alter , mehr aber noch die Leiden und Entbehrungen , welche er während seines abgeschiedenen Lebens unier den Eingeborenen erduldete , machten sich geltend , und so ereignete es sich denn vor zwei Jahren an einem schönen Frühlingsmorgen , daß er , anstatt , wie er am Abend vorher versprochen Halle , mit Johanna , seinem Liebling , einen Spaziergang in den Wald zu unternehmen , zur ewigen Ruhe eingegangen war . Der Tod hatte freundlich und unfühlbar seine erstarrende Hand auf das treue Herz gelegt . Er war im Schlafe gestorben , und auf seinen bleichen Zügen richte das glückliche Lächeln , mit welchem er unsere Johanna zu begrüßen pflegte . » Was er in seinen letzten Lebensjahren so oft gewünscht , ging in Erfüllung : es flossen an seinem Grabe heiße Thränen der Trauer , und treue Kindesliebe pflegt heute noch , und so Gott will , noch viele kommende Jahre hindurch , sorgfältig die Blumen , welche seiner Decke in Fülle entsprießen . Ein seltsames , ein freundliches Geschick waltete über den beiden Brüdern . Keiner erfuhr den Tod des Andern , denn als die traurige Nachricht von dem Dahinscheiden seines Bruders auf der Oberförsterei eintraf , da war mein Vormund bereits todt . Ich hätte es ahnen können ; sein jüngster an mich gerichteter Brief trug das Gepräge eines letzten Willens , eines gefaßten , vertrauensvollen Hinüberblickens in das Jenseit . « » Dann ist die Gattin